Nie gibt es mehr geheim-exklusive Enthüllungen als am Sonntag. Sagt zumindest die Sonntagspresse.

Manchmal schlägt man die Zeitung auf, und unversehens stellt sich gute Laune ein. Die gute Laune stellt sich ein, wenn der Zeitung wieder mal ein schönes Beispiel von unfreiwilligem Humor gelungen ist.

Bei mir stellte sich die gute Laune am letzten Sonntag ein, als ich die fette Titelzeile der Schweiz am Sonntag las: „Exklusiv: Geheimpapier nennt Details des US-Deals mit Schweizer Banken“. Exklusiv und geheim. Potzblitz. Es kommt selten vor, dass eine Redaktion sich traut, diese beiden größten Reizwörter des Journalismus in eine einzige Headline zu backen. Wenn man die Journalisten ein bisschen kennt, dann kennt man die zwei Techniken, mit denen sie sich am liebsten wichtigmachen.

Zuerst einmal machen sich Journalisten damit wichtig, dass sie Dinge wissen, die sonst niemand weiß. Dieser Informationsvorsprung wird der staunenden Leserschaft mit den Adjektiven „exklusiv“, „geheim“ und „vertraulich“ signalisiert. Zum Zweiten machen sich Journalisten damit wichtig, dass sie ganz besonders gute Schnüffelnasen sind, vor denen nichts verborgen bleibt. Diese Detektivkunst wird der staunenden Leserschaft mit den Ausdrücken „wie unsere Recherchen ergaben“, „wie uns vorliegende Dokumente beweisen“ und „wie unsere Enthüllungen zeigen“ signalisiert.

Ein richtig guter Artikel entsteht also nur, wenn die eigenen Recherchen rund um vorliegende Dokumente zu exklusiv-geheimen Enthüllungen führen. Am meisten richtig gute Artikel erscheinen am Sonntag. Nicht nur die Schweiz am Sonntag ist exklusiv und geheim. Auch die Sonntagszeitung schreibt dann: „Geheime Zahlen zeigen: Migros und Coop verzeichnen ein Umsatzplus.“ Der Sonntagsblick schreibt dann: „Exklusiv: Serienvergewaltiger Markus Wenger“. Die NZZ am Sonntag schreibt dann: „Das inter­essiert die Wettbewerbskommission, wie Recherchen der NZZ am Sonntag zeigen.“

Bevor wir zur Erklärung dieser sonntäglichen Enthüllungsschwemme kommen, gehen wir die Frage wissenschaftlich und nüchtern an. Wir erstellen den Geheim-Index und den Enthüllungs-Index der Sonntagspresse. Wir werten dazu die letzten drei Monate aus. Der Geheim-Index zählt, wie häufig die Sonntagsblätter in den letzten drei Monaten ihre Artikel mit den Wörtern „geheim“ und „exklusiv“ anpriesen. Der Enthüllungs-Index zählt, wie häufig die Sonntagsblätter ihre Artikel mit dem Verweis auf „eigene Recherchen“ anpriesen. „Ist geheim“ „Wird enthüllt“ Sonntagsblick 31/21; Sonntagszeitung 15/65; Schweiz am Sonntag 16/42; NZZ am Sonntag 6/8.

Wir sehen also: Die Sonntagszeitung blufft am meisten mit der eigenen Recherchekraft. Der Sonntagsblick blufft am meisten mit der eigenen Exklusivität. Die Maulhelden am Sonntag widerspiegeln letztlich eine erfreuliche Marktsituation. Die Sonntagszeitungen sind der einzige Markt, wo die Konkurrenz noch richtig spielt. Auf nationaler Ebene treten hier vier gutgemachte Titel gegeneinander an. In allen anderen Pressesegmenten wie Regionalblättern, Wochenzeitungen, Gratistiteln, People- und Frauenmagazinen gibt es maximal noch zwei Wettbewerber.

Der Sonntag als der letzte Markt in der Presse, wo für Journalisten eine intensive Konkurrenz spürbar ist. Darum braucht es Marketing in eigener Sache. Darum muss man das Maul aufreißen. Darum sind die Artikel am Sonntag ausnahmslos geheim-vertraulich-zugespielt-recherchiert-enthüllend-exklusiv.

Erstveröffentlichung: Die Weltwoche vom 12. Juni 2013

Bildquelle: D. Braun / pixelio.de

Kurt W. Zimmermann

Schweizer Journalist, Publizist und Unternehmensberater. Er schreibt regelmäßig Kolumnen für die Schweizer Weltwoche.