Gelebte Interkulturalität

21. Dezember 2010 • Ausbildung • von

Globales Denken und lokales Handeln – das möchte die Deutsche Welle-Akademie in Bonn Studierenden aus aller Welt durch den internationalen Aufbau-Studiengang „International Media Studies“ vermitteln.

Im September 2009 startete die DW-Akademie in Bonn den weiterbildenden Studiengang „International Media Studies“ mit einem großen Ziel.  Durchschnittlich 25 Hochschulabsolventen mit Medienerfahrung aus aller Welt sollen pro Jahr durch das praxisnahe und internationale Master-Studium zu „Change Agents“ ausgebildet werden. Als Multiplikatoren sollen sie relevante Themen erspüren, die Öffentlichkeit in ihren Heimatländern für globale Fragen sensibilisieren und Entwicklungspolitiker dazu anhalten, nach Lösungsmöglichkeiten für lokale und globale Themen zu suchen.

Die Kooperation mit der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und der Universität Bonn bietet den Studierenden eine Verzahnung von Forschung, Lehre und Praxis. In vier Semestern werden sie interkulturell in gängigen Medienfächern wie Medienwirtschaft oder Kommunikationswissenschaften, aber auch im Speziellen auf internationaler Ebene geschult und schließen das Studium mit dem Master of Arts Titel ab.

Professor Dr. Christoph Schmidt, wissenschaftlicher Leiter und Verwaltungsleiter der DW-Akademie sowie Honorarprofessor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und Dozent  an der Universität zu Köln, spricht mit dem EJO darüber, wie wichtig solche international ausgerichteten Medien-Studiengänge sind, um das interkulturelle Denken und Handeln weltweit zu fördern und welche speziellen Anforderungen das Studium „International Media Studies“ an seine Bewerber stellt.

Seit mehr als einem Jahr bringen Sie in einem Studiengang bewusst Studierende verschiedener Kulturen und Nationen zusammen. Welches Ziel verfolgen sie damit?

Als wir im September 2009 mit dem ersten Jahrgang starteten, wählten wir insgesamt 21 Studierende aus, drei von ihnen kamen aus Deutschland. Der zweite Jahrgang ist jetzt mit 23 Studierenden, darunter vier Deutsche, besetzt. Die erste Priorität des Studiengangs ist es, einen Beitrag zur Medienentwicklungszusammenarbeit zu leisten. Wir möchten Botschafter und Botschafterinnen ausbilden, die in ihren Heimatländern an Schaltstellen Verantwortung übernehmen und dadurch den Bereich der Medien positiv beeinflussen können.

Mittlerweile liegen uns ebenfalls Anfragen von ausländischen Universitäten vor, die sehr an einer Übertragung unseres Studienmodells in ihr Heimatland interessiert sind. Es ist für uns sehr reizvoll, dass der Studiengang auch im internationalen Umfeld sehr intensiv wahrgenommen wird. Unsere Intention ist, den Studiengang weiter verbreiten zu können. Denn maximal 25 Studierende pro Jahr sind relativ wenig.

Vorbereitung auf eine Führungsfunktion im internationalen Kontext

Was ist das Besondere an diesem Studium?

Primär der curriculare Ansatz und die durchgängig internationale Ausrichtung. Wir verbinden die Themenfelder Journalismus, Medienpolitik, Gesellschaft und Entwicklung mit den Themenfeldern Medienwirtschaft und Medienmanagement. Ich denke, dass dieser bewusst breit gewählte Ansatz, der die Studierenden auf eine Führungsfunktion im internationalen Kontext vorbereitet, in dieser Form nur im Rahmen unseres Masterprogramms angeboten wird.

Da es sich bei diesem Programm um einen weiterbildenden Master handelt, verfügen alle Studierenden bereits über Medienpraxiserfahrungen. Innerhalb der vier im Studium zu absolvierenden Medienpraxisprojekten kann daher bereits auf einem relativ hohen Niveau gearbeitet werden. Die Studierenden verfügen im Durchschnitt über zwei bis fünf Jahre Berufserfahrung. Die Struktur des Studiengangs besteht aus 25 Prozent Medienpraxisphasen und zu 75 Prozent aus Theoriephasen. Diese Theoriephasen haben jedoch stets einen sehr engen Medienbezug und sind anwendungsorientiert konzipiert.

Zugangsvoraussetzung: ein wahres Interesse an Medienentwicklungszusammenarbeit

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Bewerber und Bewerberinnen aus?

Jeder Bewerber muss über deutsche und englische Sprachkenntnisse verfügen, weil das Studium bilingual aufgebaut ist. Innerhalb des Auswahlprozesses bemühen wir uns, die Lebensläufe der einzelnen Bewerber miteinander zu vergleichen. Denn es ist für die einzelnen Studienjahrgänge zielführend und lernförderlich, wenn sich die Medienerfahrungen der einzelnen Bewerber in einer bestimmten Weise ergänzen. Doch das wichtigste Kriterium neben diesen mehr oder weniger „formalen“ Aspekten ist die Persönlichkeit und die wirkliche Intention der Bewerber.

Wieso möchten sie bei uns studieren und welche internationale Tätigkeit planen sie im Anschluss an das Studium auszuüben? Um das herauszufinden und einen persönlichen Eindruck von den Bewerbern zu erhalten, kontaktieren wir alle interessanten Bewerber telefonisch, häufig mit Überraschungs-Telefonaten. Die Erfahrung zeigt, dass die schriftliche Darlegung der Motivation für den Studiengang bei allen Bewerbern sehr überzeugend ist. Ich möchte aber zusätzlich einen Eindruck erhalten, welche Persönlichkeit dahinter steht und ob der Bewerber zu uns passt und der Studiengang auch für den Bewerber die geeignete Fortsetzung seiner akademischen Qualifikation und beruflichen Erfahrungen darstellt.

Ein internationaler Hintergrund und Auslandserfahrung sind für die Bewerber wichtig, aber keine unbedingte Voraussetzung zur Studienzulassung. Was zählt, ist ein wahres Interesse am Feld der Medienentwicklungszusammenarbeit und am Journalismus zu zeigen. Auch wenn ein Bewerber zum Beispiel die Intention hat, nach dem Studium bei einer Nichtregierungsorganisation im Ausland Pressesprecher zu werden, sind wir dafür offen.

Internationalität soll gelebt werden

Also sollten die Studenten zwar aus unterschiedlichen Nationen kommen, aber beim Studium trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft doch eine gemeinsame Diskussionsebene finden?

Ja, das war und ist die Intention dieses Studiengangs. Das Interessante an den sehr stark international orientierten Gruppen ist, dass sie sich unglaublich intensiv austauschen. Es ist wie in einer großen internationalen Familie: der Brasilianer hilft dem Jordanier und die Chinesin arbeitet mit der Russin zusammen. Es haben sich ganz neue interkulturelle Freundschaften entwickelt. Wenn wir bei externen Termin über das Thema Interkulturalität sprechen, muss ich nie etwas dazu sagen, die Studierenden sagen dann immer: „Bei uns ist das hier gelebte Interkulturalität.“ Das passiert, weil jeden Tag die Arbeitsgruppen sehr international zusammengesetzt sind.

Natürlich ist uns bewusst, dass die Studierenden von den USA über China und Deutschland bis Vietnam mit sehr heterogenen Hintergründen aus sehr unterschiedlichen Systemen und Kontexten kommen. Genau deshalb bieten wir vier Wochen vor Studienbeginn eine Blockphase an, in der wir die kulturelle Annäherung fördern. Wir betrachten dies als Kultur- und Kennenlernwochen in Deutschland, mit Besuchen von Museen und Unternehmen und selbstverständlich einer ersten thematischen Einführung. Dieser Austausch ist für die Studierenden, aber auch für uns sehr wichtig. Denn obwohl alle von ihnen schon im Ausland waren, ist solch ein internationaler Austausch, bei dem in einem Raum rund 15 Länder vertreten sind, schon etwas ganz Besonderes.

Wieso ist dieser Studiengang entstanden?

Seit über 45 Jahren leistet die DW-Akademie mit ihren Trainings- und Beratungsprojekten einen wichtigen Beitrag für die deutsche Medienentwicklungszusammenarbeit. Primär werden Journalisten und Führungskräfte in allen Medienfeldern qualifiziert und Sender weltweit beraten. Im Regelfall sind das nicht-wissenschaftliche Qualifizierungsmaßnahmen, die mitunter sechs bis zwölf Wochen andauern. Seit einigen Jahren arbeiten wir nahezu ausschließlich in längerfristigen ganzheitlichen Projekten. Wir beraten Sender, begleiten diese bei Veränderungsprozessen unterschiedlichster Art und qualifizieren im Rahmen dessen ebenso die verantwortlichen Führungskräfte und Journalisten.

Viele unserer Partnersender sind an uns herangetreten mit der Bitte um eine komplementäre Ergänzung unserer Aktivitäten – die Durchführung eines Medienmasterprogramms . So senden uns einige Partnersender junge Nachwuchsführungskräfte, die wir ausbilden, und die anschließend mit dieser Qualifikation und der Chance auf einen Aufstieg in ihr Land zurückkehren können. Ein fundierter westlicher akademischer Abschluss ist in vielen Ländern sehr wichtig.

In Afrika gibt es zum Beispiel nur relativ wenige Medienstudiengänge, die wirklich ein relativ hochwertiges qualitatives Niveau im Bereich Journalismus erreichen. Zwar gibt es in asiatischen Ländern wie Japan und Südkorea sehr gute Hochschulen, doch wenn man andere asiatische Länder wie zum Beispiel Vietnam oder China betrachtet, in denen relativ eingeschränkte Medienfreiheit vorherrscht, so stellt man fest, dass hier ebenfalls hoher Bedarf besteht.

Ein internationaler Blickwinkel ist auch für die Lehrenden wichtig

Wie schwer ist es, mit den Studierenden aus modernen westlichen Ländern und den Studierenden aus Ländern mit eingeschränkter Pressefreiheit eine gemeinsame und fruchtbare Diskussionsebene in Fächern wie zum Beispiel Medienökonomie oder Medienpolitik zu finden?

In den Bereichen Medienpolitik- und Medien und Gesellschaft führen wir diese Diskussionen recht häufig. Aber die Erfahrung zeigt: Auch wenn wir über die Presse- und Meinungsfreiheit diskutieren, sind die Ansichten nur in Nuancen unterschiedlich. Es kommt in Einzelfällen vor, dass der ein oder andere Student das Mediensystem seines Heimatlandes vielleicht etwas zu positiv beschreibt – die Regel ist jedoch eine eher kritische Haltung. Wir vergleichen sehr bewusst die einzelnen Mediensysteme in den einzelnen Regionen, weil dies für den Erkenntnisgewinn der Studierenden von hoher Relevanz ist.

Wir haben jedoch eine internationale Perspektive und möchten nicht das deutsche System als Maß aller Dinge betrachten. Dennoch wird selbstverständlich im Medienrecht auf unser deutsches föderales System mit der Grundlage des Artikels fünf im Grundgesetz eingegangen. Aber wir gehen immer vom jeweiligen System in den einzelnen Ländern aus, ob es das englische Mediensystem ist oder der Staatsrundfunk in Vietnam oder Äthiopien. Wir betrachten das bei allen Lehreinheiten aus einem sehr internationalen Blickwinkel. Letztens hatten wir eine interessante Diskussion zum Thema „Wie frei ist Vietnam?“. Hier war es sehr interessant zu beobachten, dass zwei Vietnamesen innerhalb der Gruppe eine unterschiedliche Sichtweise zu diesem Thema hatten.

Inwiefern können die Studierenden das vermittelte Wissen international anwenden?

Wenn eine Chinesin oder ein Vietnamese ins Heimatland zurückkehrt und dort das gelernte deutsche System zu 100 Prozent anwenden will mit dem Grundgedanken „Alles was ich in meiner Heimat gelernt habe ist Quatsch – ich mache hier ab sofort  Lehrbuch-Journalismus mit all seinen Freiheiten“, dann kann das nicht funktionieren. Idealerweise – und ich denke dies ist sehr realistisch – verfügen alle Studierenden über die notwendige Sensibilität und werden versuchen, in ihrer Heimat Grenzen auszuloten und zu prüfen, was möglich ist.

Der Grundgedanke zur Anwendung des Gelernten ist, die gesetzten Grenzen im eigenen Land zu erkennen, sich aber nicht im Vorhinein selbst schon Grenzen zu setzen. Und an diese Grenzen stoßen übrigens nicht nur Journalisten in China, Vietnam und Italien, sondern an solche Grenzen können auch Lokaljournalisten bei einem kleinen Anzeigenblatt gelangen – auch wenn dies natürlich eine völlig andere Qualität hat.

Die Welt braucht mehr entwicklungspolitisches Know-how und Medienkompetenz

Wo sehen Sie sich im Bereich der Journalistenausbildung in Deutschland?

Zum einen bedienen wir einen Markt, der im Augenblick auch von deutschen Hochschulen nicht besetzt wird. Die über 300 Medien- und kommunikationswissenschaftlichen Studiengänge in Deutschland bilden fokussiert für den journalistischen Inlandsmarkt aus, das heißt, ihre Absolventen werden im Anschluss an ihr Studium auch größtenteils in deutschen Unternehmen beschäftigt sein. Wir achten hingegen schon bei den Bewerbern darauf, dass sie international tätig werden möchten. Zwar gibt es an einigen Universitäten auch das Feld „Internationaler Journalismus“, doch wird das meiner Meinung nach teilweise aus einer relativ deutschen Perspektive und mit dezidiert deutscher Diskussionsgrundlage betrachtet.

Was wünschen Sie sich für die Entwicklung der internationalen Journalisten- und Medienausbildung?

Wir sollten Programme mit internationalem Blickwinkel verstärkt ausbauen, dies würde den Studierenden eine breitere Perspektive ermöglichen. Wir haben oftmals stark inländisch orientierte Programme, doch internationale Angebote sind selten. Ich denke, dass in den nächsten Jahren die Hochschulen in vielen Ländern Afrikas, Südamerikas und Osteuropas nicht in der Lage sein werden, qualitativ hochwertige Journalisten und Journalistinnen auszubilden. Ich wünsche mir, dass noch mehr deutsche Hochschulen mit Hochschulen in Entwicklungs- und Transformationsländern Kooperationen schließen, um dort gemeinsam Module und gemeinsame Studiengänge zu entwickeln.

Hier berichten die Studierenden Abdallah Hamad aus Jordanien und Tianlin Xu aus China von ihren Erfahrungen mit dem Master “International Media Studies”.

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