Afrika in der KoWi: Raus aus der westlichen Komfortzone!

30. Dezember 2014 • Ausbildung, Pressefreiheit • von

Die Länder Schwarzafrikas finden hierzulande wenig Interesse – in der Medienberichterstattung wie -forschung. Doch immerhin punktuell verschiebt sich der journalistische Fokus, etwa bei dem EU-geförderten Projekt „Beyond your World“. Es forciert Auslandsberichterstattung jenseits von Katastrophen und gängigen Stereotypen in Schwellenländern wie in Tansania. Und Kommunikationswissenschaftler sollten den zaghaften Schritten ihrer Kollegen aus der Praxis auf den Weg Richtung Globaler Süden folgen.

„A serial killer: Could Ebola mutate to become more deadly?“, „Die Ebola-Epidemie eine Katastrophe mit Ansage“, „Heftige Kritik an strenger Quarantäne in New York“, „Ebola outbreak has stock traders on edge“ und so weiter. Schon einzelne Schlagzeilen seit den ersten Ebola-Fällen in Westafrika deuten an, was den Journalisten in der sogenannten westlichen Welt schon lange vorgeworfen wird: Die Länder Schwarzafrikas schaffen es am ehesten mit den drei K in die Medien – mit Kriegen, Krisen, Krankheiten, die ihre Schatten am besten auch noch auf das jeweilige westliche Heimatland werfen.

Was die Alliteration so plakativ zusammenfasst, differenzieren Nachrichtenwert-Theorie und Nachrichten-Geographie aus: Demnach hat jede Meldung einen bestimmten Nachrichtenwert, der durch verschiedene Faktoren bestimmt wird und sich in Selektionsentscheidung, Platzierung, Umfang und Visualisierung niederschlägt. Je mehr eine Meldung dem entspricht, was Journalisten für wichtig und mithin berichtenswerte Eigenschaften der Realität halten, desto größer ist der Nachrichtenwert (vgl. Galtung/Ruge 1965, Schulz 1976, Staab 1990, Kamps 2008). Aus dem Katalog an Faktoren stechen für die Auslandsberichterstattung „Nähe“ und „Negativismus“ als besonders einflussreiche heraus: Vorhandene bzw. nicht-vorhandene räumliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle Nähe bestimmen die Nachrichtenselektion entscheidend. Lande ein Außerirdischer irgendwo auf der Welt – ob im deutschen Castrop-Rauxel oder im tansanischen Arusha – und lese eine lokale Zeitung, er würde wohl immer vermuten, im Epizentrum des globalen Geschehens gelandet zu sein.

Welche Länder oder Weltregionen über das nationale Verbreitungsgebiet hinaus wie viel Gewicht in der Berichterstattung bekommen, lässt sich je nach Selektionsentscheidung, Themen- und Darstellungsvarianz in vier Gruppen unterteilen (vgl. Kamps 2008): am einen Ende der Skala die Nachrichtenzentren als konstanter Gegenstand der Berichterstattung mit hoher Frequenz, Themen- und Darstellungsvarianz über Nachrichtennachbarn und thematische Nachrichtennachbarn bis zu der Nachrichtenperipherie am anderen Ende der Skala mit Ländern, die nur punktuell, geradezu zufällig von Interesse sind. Indiz für die Länderordnung in der deutschen Auslandsberichterstattung ist etwa die Verteilung der ARD-Korrespondenten: 17 Redakteure berichten aus drei personell voll ausgestatteten Studios für die deutschen Rundfunkanstalten aus den USA, dem transnationalen Nachrichtenzentrum. Das Studio Nairobi stellt der Sender auf der Homepage als „ein ausgeprägtes Reisestudio“ vor, denn von dem „Sprungbrett in Kenias Hauptstadt“ aus betreuen drei Journalisten beinahe 40 afrikanische Länder südlich der Sahara. Acht weitere beackert der ARD-Korrespondent im Studio Johannesburg im Alleingang. Noch mehr verzerrt sich das Verhältnis im Auslandskorrespondentennetz privater Medien.

Akute Krisen und Konflikte – wie aktuell die Ebola-Epidemie in Westafrika – erhöhen vorübergehend deutlich den üblichen medialen Beachtungsgrad eines Landes. Der hohe Nachrichtenwert von Negativismus bedingt, dass ein signifikanter Anteil der Auslandsberichterstattung aus ‚schlechten Nachrichten‘ besteht (vgl. etwa Schulz 1983). Karten AuslandsberichterstattungGanz entgegen dieser Tendenz arbeitet das EU-geförderte Projekt „Beyond your World“ (BYW). Es möchte „der nächsten Generation von europäischen Journalisten ermöglichen, aus dem Ausland zu berichten und dabei internationale entwicklungspolitische Aspekte zu thematisieren“, heißt es von dem deutschen Projekt-Partner der Deutschen Welle Akademie. Neben Deutschland lief das Projekt in den vergangenen zwei Jahren in den Niederlanden, England, Belgien, Portugal und Bulgarien und entsandte Nachwuchsjournalisten in Länder jenseits der Nachrichtenzentren. Eine Gegenüberstellung der Kartenübersicht des ARD-Korrespondentennetz‘ und der BYW-Reisen deutet an, wie das EU-Projekt die grauen Flecken der Nachrichtenkarte immerhin punktuell schließt.

Für Studierende der Kölner Journalistenschule unterstützte BYW eine Recherchereise nach Ruanda, genau zwanzig Jahre nach dem Völkermord in dem Land; für eine zehnköpfige Gruppe des Dortmunder Instituts für Journalistik  (IfJ) unter Leitung von Prof. Dr. Susanne Fengler ging es nach Tansania.

Reisejournalismus à la „Jenseits von Afrika“

Tansania, das flächenmäßig größte Land in Ostafrika an der Küste des Indischen Ozeans mit rund 45 Millionen Einwohnern, zählt mitnichten zur Nachrichtenperipherie deutscher Auslandsberichterstattung: Der Dreiklang aus Sansibar, Kilimandscharo und Serengeti bedient Klischees im Reisejournalismus à la „Jenseits von Afrika“. Als über Jahrzehnte einer der großen Empfänger westlicher Entwicklungsgelder qualifiziert sich das Land für die Berichterstattung über Negativstereotype wie Aids, Wilderei, Kindersterblichkeit oder die Verfolgung von Minderheiten wie Albinos. Ohne wissenschaftliche Erhebung vermutlich ein thematischer Nachrichtennachbar Deutschlands, der per definitionem noch relativ häufig, aber mit geringer thematischer Varianz in der Auslandsberichterstattung auftaucht.

Jenseits dieser Berichterstattungsschwerpunkte suchten die Dortmunder BYW-Teilnehmer nach Themen und gingen diesen vor Ort zwei Wochen auf die Spur mit dem Ziel, Beiträge für das projekteigene Online-Magazin sowie für deutsche Massenmedien umzusetzen – und erfuhren auf das Projekt kondensiert die praktischen Herausforderungen an Auslandsberichterstatter. Ihre westliche Brille konnten sie bei der Themenwahl aus der Ferne kaum absetzen, zumal sie den Erwartungen der heimischen Redaktionen entsprechen mussten. Beispiele der Themenwahl: 25 Prozent Frauenquote hat Tansania längst erreicht, Großwild-Jagd als Tierschutz, Sprachenvielfalt statt Analphabetismus, Jugend forscht in Tansania, Schwulen-Ikone Freddy Mercury als Nationalheld einer homophoben Gesellschaft – und so weiter die Kompromisse zwischen ‚guten‘ Nachrichten und neuen Blickwinkeln auf der einen sowie Verkaufskriterien freier Journalisten und eingeschränkter Außenansicht auf der anderen Seite.

Vor Ort stellten eine weniger entwickelte Infrastruktur, eine andere Kommunikationskultur, ein abweichendes Verständnis von Journalismus sowie sprachliche Barrieren die Nachwuchsjournalisten auf die Probe. Die Treffen zu Reisebeginn mit lokalen Politikern und Journalisten waren da ein hilfreicher Einstieg – etwa mit dem Chefredakteur der „Business Times“.

Business Times

Mnaku Mbani holte für die Gäste aus Deutschland die erste Ausgabe der „Business Times“ aus dem Archiv: am 4. November 1988 die erste private Presseveröffentlichung in der Vereinigten Republik Tansania nach der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft 1961 und dem Ende der sozialistischen Gesellschaft um 1985. Schon Tage vor Druckschluss musste die Redaktion ein Anzeigenstopp verkünden, so groß war damals die Nachfrage nach Werbeplatz in der Presse. Heute hat sich die Situation ins Gegenteil gekehrt: Mit einer Auflage von unter 10.000 Exemplaren, der großen Konkurrenz um Anzeigen auf dem diversifizierten Printmarkt Tansanias und ohne feste Abonnementstruktur stellt die Wirtschaftlichkeit für das Wochenblatt mit Schwerpunkt Wirtschaft und Politik eine der größten Herausforderungen dar. Ähnlich die Situation für andere Medienhäuser.

Auf dem Papier herrscht in Tansania Pressefreiheit, tatsächlich fangen die Druckmittel des Staats bei den gewinnbringenden Anzeigen der Ministerien als finanzielles Druckmittel erst an. In der Rangliste der Pressefreiheit 2014 von Reporter ohne Grenze rangiert Tansania auf Platz 69 von 180. Mnaku berichtet von den Schwierigkeiten der journalistischen Arbeit, gerade wenn es um heikle Themen wie Korruption, Wilderei oder der Verwendung der reichen Ressourcen des Landes geht. Umso beeindruckender die Leidenschaft und Aufopferung, mit der der Journalist offensichtlich seinem Beruf nachgeht – gerade in entscheidenden Momenten wie aktuell den Verhandlungen um die neue Verfassung des Landes. „Katiba“, wie sie in der Landessprache Swahili heißt, schaffte es während des Aufenthalts der Dortmunder täglich in die Titelzeilen.

Das Wechselspiel von gesellschaftlicher und politischer Transformation sowie den Medien ist in der Wissenschaft weitgehend unstrittig. Genau dieser Zusammenhang rechtfertigt die Forderung nach medien- und kommunikationswissenschaftlichen Forschungsansätzen, die den Blick über den westlichen Tellerrand hinausrichten und Transformationsprozesse in Ländern des Globalen Südens begleitend untersuchen. Jenseits der nationalen Komfort-Zone, wie sie der Dortmunder Journalisten-Nachwuchs für zwei Wochen hinter sich gelassen hat, erweitert sich die Forschungsagenda und ergeben sich angesichts von Unterschieden wie Gemeinsamkeiten neuartige Erkenntnisse.

Literatur:

Kamps, Klaus (2008): Nachrichtengeografie. IN: Hahn, Oliver et al. (Hrsg.): Deutsche Auslandskorrespondenten. Ein Handbuch. Konstanz, S. 80–93.

Galtung, Johann und Ruge, Mari Holmboe (1965): The structure of foreign news. IN: Journal of Peace Research. 2/1, S. 64–91.

Schulz, Winfried (1983): Nachrichtengeographie – Untersuchungen über die Struktur der internationalen Berichterstattung. IN: Rühl, Manfred et al. (Hrsg.): Kommunikationspolitik in Forschung und Anwendung. Düsseldorf, S. 281–291.

Staab, Joachim Friedrich (1996): Nachrichtenwert-Theorie – Formale Struktur und empirischer Gehalt. Freiburg/München.

 

Fotos und Screenshots: Caroline Lindekamp

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