Erfolgsgeschichte und Schizophrenie

20. September 2010 • Ausbildung • von

Erstveröffentlichung: Schweizer Journalist Nr. 8/9 2010

Auf den ersten Blick addieren sich die Fortschritte, die in der Journalistenausbildung in wenigen Jahrzehnten erzielt wurden, zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte nicht nur in den USA und in Europa.

Über alle Kontinente hinweg vermehrten sich die Studienofferten wie die Pilze, sie glichen sich offenbar einander an und professionalisierten sich. So jedenfalls resümiert Beate Josephi, eine deutsche Medienforscherin, die an der Edith Cowan University in Australien lehrt.

In einem bemerkenswerten, von ihr herausgegebenen Buch hat sie die Journalistenausbildung in Ländern untersucht, in denen es kaum oder keine Pressefreiheit gibt. Die Ausbildung folge dort weithin westlichen Vorgaben, was die Forscherin mit dem starken Engagement amerikanischer und europäischer NGOs in Asien, Afrika und Lateinamerika erklärt. So gälten beispielsweise westliche Journalisten wie Bob Woodward und Peter Arnett unter Chinas Journalistennachwuchs als „Superstars“. Und im repressiven Stadtstaat Singapur bestehe zwar seitens der Regierung die Erwartung, Journalisten sollten „überwiegend gute Nachrichten“ bereithalten, die „das Land in bestem Licht zeigen“; das Regime habe andererseits aber die Hochschulen angewiesen, Journalisten handwerklich so auf den Beruf vorzubereiten, dass sie „überall auf der Welt“ einsetzbar sind.

Schizophrene Zustände in den USA

Und wie ist es dort um die Journalistenausbildung bestellt, wo sie vor knapp hundert Jahren zuallererst an Hochschulen wie der Columbia University und der University of Missouri etabliert wurde? In den USA schmücken sich die Journalism Schools mehr denn je mit namhaften Praktikern, die in den Professorenstand überwechseln – darunter inzwischen auch so mancher Chefredakteur oder Top-Verlagsmanager, der seinen Job verloren hat. Doch damit lässt sich allenfalls kosmetisch das Vorurteil entkräften, der akademischen Journalistenausbildung mangele es an Praxisnähe. De facto verschärft sich wohl innerhalb der Ausbildungsstätten eher der Konflikt zwischen Medienprofis und Journalismusforschern.

In einem Beitrag, den Barbie Zelizer von der University of Pennsylvania in der Schweizer Fachzeitschrift Studies in Communication Sciences (Nr. 1/2010) publiziert hat, wirft sie der amerikanischen Journalistenausbildung Schizophrenie vor. Insbesondere kritisiert sie harsch, durch welch „unnötig verengte Linsen“ Journalismusforscher die Medienpraxis beobachten. Es gebe große Lücken und verwirrende Fehlsteuerungen in der Forschung. Die traditionellen Demarkationslinien zwischen Print und Fernsehen würden außerdem in der Ausbildung aufrecht erhalten – trotz Konvergenz der alten und neuen Medien.

Zelizer setzt sich ferner mit Internet-Guru Jeff Jarvis auseinander. Angesichts der stürmischen Entwicklung der Medien fordert er, künftige Medienprofis müssten vor allem lernen, sich anzupassen und auf Wandel einzulassen. Sie hält dagegen, Journalistenausbilder, die im öffentlichen Interesse wirken wollten, hätten den Journalismus „proaktiv“ zu gestalten.

Zwischen Hoffnung und Anpassungsdruck

In der Gesamtschau ergibt sich somit ein widersprüchliches Bild. Was in Ländern wie Kambodscha oder Kenia, aber auch China und Russland erreicht wurde, um den Nachwuchs zu fördern und zu professionalisieren, könnte zur Keimzelle für mehr statt weniger Pressefreiheit werden – langfristig zumindest. Dagegen hat die Journalistenausbildung in Ländern wie den USA womöglich bereits ihre besten Zeiten hinter sich. Was nützt schon Nachwuchs, der immer besser ausgebildet wird, wenn die Redaktionen ihn nicht mehr nachfragen? Für viele junge Leute hat die Suche nach beruflichen Alternativen längst begonnen. Sie orientieren sich frühzeitig in Richtung PR um – übrigens auch in den Ländern, die Josephis Buch analysiert.

Damit gerät die Journalisten-Ausbildung selbst unter Anpassungsdruck. Viele Journalism Schools haben bereits hybride Ausbildungsmodelle entwickelt, um künftige Journalisten und PR-Experten gemeinsam auszubilden. Verbessert sich die Lage am Arbeitsmarkt für Journalisten nicht, dann bleiben mittelfristig statt der J-Schools absehbar hochprofessionelle PR-Kaderschmieden übrig.

Beate Josephi (ed.): Journalism Education in Countries with Limited Media Freedom, New York et al: Peter Lang, 2010

Barbie Zelizer:  What Can Journalism Scholarship Tell Us About Journalism? in: Studies in Communication Sciences, Nr.1/2010

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