Journalistenausbildung hinkt der Berufsrealität hinterher

15. September 2015 • Ausbildung • von

Die Debatte über die Professionalisierung von Journalisten ist so alt wie das Metier selbst. Die Studie „Quo Vadis Journalistenausbildung?“ der Technischen Universität Ilmenau hat sie aus Sicht von Nachwuchsjournalisten untersucht. Neu ist dabei der Blick auf die unternehmerischen Herausforderungen in einer sich wandelnden Berufswirklichkeit. Das Ergebnis ist ein Signal.

Quo vadis Journalistenausbildung

Quo vadis Journalistenausbildung?

Für Journalisten gibt es nicht den einen Weg in den Beruf. Studium, Journalistenschule, Praktikum, Fachstudium oder kompletter Quereinstieg – die Wege sind vielfältig, die Ausbildung in einer sich zudem ständig wandelnden Berufswelt disparat. Ebenso divers und zahlreich sind die wissenschaftlichen Herangehensweisen an das Thema. „Die Arbeitssituation für Journalisten hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. In diesem Kontext halte ich es für sehr sinnvoll, immer wieder zu schauen, wo wir gerade stehen“, sagt Britta Gossel aus dem Fachgebiet Medien- und Kommunikationsmanagement der Technischen Universität Ilmenau. Sie hat in Kooperation mit dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) der wissenschaftlichen Debatte um journalistisches Selbstbild, Ausbildung und Berufsanforderungen jüngst eine neue Studie hinzugefügt – eine Bereicherung, vor allem weil diese die Ausbildungsinhalte mit den sich wandelnden Berufsanforderungen abgleicht.

„Quo Vadis Journalistenausbildung?“ orientiert sich an journalistischen Kompetenzbereichen und befragte online 237 Nachwuchsjournalisten im Graubereich zwischen Ausbildung und Berufsanfang nach tatsächlich vermittelten und in der Ausbildung vermissten Lerninhalten. Projektleiterin Gossel hatte dafür 52 Ausbildungsinhalte in sieben Kompetenzbereiche gruppiert. Deren Vermittlung erfragte sie für zehn Ausbildungsformen wie Journalistik-Studium, Praktikum oder Volontariat jeweils individuell. Die Angaben der Teilnehmer geben Aufschluss über die unterschiedliche Präsenz der verschiedenen Ausbildungsinhalte: Während Basis- und Handlungskompetenzen – etwa Schreiben, Redigieren, Selektieren – demnach im Gesamten vergleichsweise gut abgebildet sind (54 bzw. 53 Prozent), kommen aus Perspektive der Befragten insbesondere Inhalte der unternehmerischen (16,5 Prozent) und Management-Kompetenz (34,3 Prozent) zu kurz.

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Gesamtpräsenz der Kompetenzbereiche in Prozent. Größere Ansicht durch Klicken des Bilds.

Anders gesagt: Die Ausbildung hinkt der Realität hinterher, denn gerade diese Bereiche charakterisieren den jüngsten Wandel im Metier. Beispielsweise der DJV, Kooperationspartner der Studie aus Ilmenau, stellt sie in seinen acht Thesen zur Zukunft des Journalismus vornan: 1. Die Mehrheit der Journalisten arbeitet freiberuflich, Tendenz steigend und das deutlich stärker als generell auf dem Arbeitsmarkt. Unternehmerische Kenntnisse seien wichtige Voraussetzung für beruflichen Erfolg. 2. Verbleibende Festangestellte werden jenseits genuin journalistischer Tätigkeiten zu Redaktionsmanagern. Wesentlich häufiger planen sie, stimmen sich ab und vergeben Aufträge an Freie als selbst zu recherchieren.

Die Mehrheit der Befragten sieht sich auf diese zukünftigen Berufsaufgaben kaum vorbereitet. „Gerade Ausbildungsinhalte im Bereich der unternehmerischen Kompetenz wurden durch die Bank weg als deutlich unterrepräsentiert bewertet. Das finde ich ein sehr auffälliges Ergebnis, ein Signal, auf das man hören sollte“, sagt Gossel und hebt die Rolle des Journalismus als gesellschaftliche Institution hervor: „Die Ergebnisse sind auch in Bezug auf die heiklen Aufgaben der Journalisten zu sehen. Wenn in Zukunft vielleicht sogar 70 Prozent freiberuflich tätig sind und hauptsächlich nach Kriterien der eigenen Existenzsicherung arbeiten müssen, dann kann dies problematisch werden.“

Grundlagen der Existenzgründung oder der Selbstvermarktung erfahren laut der Studie am ehesten noch Journalistenschüler. Für ausbildende Medienunternehmen hingegen scheint eine Alternative zur Festanstellung nach dem Volontariat völlig jenseits des Denkhorizonts zu liegen. „Gerade einmal jeder Zehnte bekommt hier unternehmerische Kompetenzen vermittelt“, kritisiert Kathrin Konyen, Mitglied im DJV-Bundesvorstand und selbst freie Journalistin, auf Grundlage der Ergebnisse. Das sei besonders eklatant – zumal sich rund zwei Drittel der Studien-Teilnehmer mehr Ausbildungsinhalte in dem Bereich wünschen.

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Präsenz der Kompetenzbereiche in drei der insgesamt sieben abgefragten Ausbildungsformen.

Neben den Mängeln der Journalistenausbildung bildet die Studie aber auch ein positives Stimmungsbild ab. Während Gewerkschaften oder Medienschaffende selbst gerne ein schwarzes Bild von dem frustrierten Freiberufler malen, gibt sich der befragte Nachwuchs wesentlich zuversichtlicher und aufgeschlossener gegenüber neuen Arbeitsformen. Einzelne Befragte kritisieren ausdrücklich die negative Sicht auf den Berufswandel: Zweifellos sollte man Studierenden und Volontären verdeutlichen, „dass die Jobsituation […] zwar nicht die beste [sei], dennoch könnte man […] etwas optimistischer an die Situation herangehen“, antwortete ein Teilnehmer auf die offene Frage der Studie. Statt zu demotivieren und eine negative Zukunftsperspektive zu vermitteln, solle die Ausbildung lieber mit Rücksicht auf die zukünftig dominierende Arbeitsform im Journalismus erweitert werden. „Journalisten werden für eine Zukunft in der Vergangenheit ausgebildet“, antwortet ein weiterer Befragungsteilnehmer.

Selbstkritisch reflektiert die Studie schließlich die Auswahl der Befragten. Diese wurden über die Verteiler von Journalistik-Instituten und die verschiedenen Kanäle des DJV akquiriert und befanden sich größtenteils noch in der Ausbildung. „Es bleibt zu diskutieren, ob sich ihnen in dem frühen Berufsstadium der Wert bestimmter Ausbildungsinhalte schon erschließt“, sagt Gossel. Entsprechend maßt sich die Studie nicht an, eine Antwort auf die alte Frage nach dem richtigen Weg in den Journalismus zu liefern. Sie ist vielmehr ein weiterer Beitrag zu dieser bereits lange geführten Diskussion und macht vor allem eines klar: Der Journalismus braucht dringend einen Abgleich seiner Ausbildungsinhalte mit der Berufswirklichkeit.

 

Verweise:

 

Bildquelle: Daniel Bachhuber / flickr.com

 

 

 

 

 

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