Schwimmkurse fürs Datenmeer

15. Juli 2015 • Ausbildung, Digitales, Qualität & Ethik • von

Recherchieren ist eine der wichtigsten Tätigkeiten im Journalismus. Doch bei der Recherche im Netz fehlt vielen Journalisten die Kompetenz. Zwei Handbücher wollen nun für mehr “Oberwasser im Datenmeer” sorgen.

Zwei Recherche-Handbücher sollen dafür sorgen, dass Journalisten "Oberwsser im Datenmeer" gewinnen.

Zwei Recherche-Handbücher sollen dafür sorgen, dass Journalisten “Oberwasser im Datenmeer” gewinnen.

Anton Hunger, der frühere Kommunikationschef von Porsche, bringt es auf den Punkt: „Die Recherche im Netz in personell ausgedünnten und finanziell nur noch mäßig ausgestatteten Redaktionen ist der Ersatz für die Recherche vor Ort“. Und: „Clevere PR-Manager machen sich diesen Umstand zunutze“. Es besteht also akute Gefahr, dass Journalisten den Verlockungen der PR-Experten erliegen und sich in deren Fußangeln verheddern statt gründlich im Netz oder vor Ort zu recherchieren.

Was Hunger zu recht befürchtet, versuchen rund 25 deutschsprachige Lehr- und Handbücher zum Thema „Recherche“ und „Recherchieren“, die Amazon derzeit ausweist, zu verhindern. Wer weiter recherchiert, findet obendrein rund 50 Lehrbücher, die sich generell mit Journalismus und journalistischem Schreiben auseinandersetzen. Auch sie befassen sich in der ein oder anderen Weise mit Recherche. Für Journalisten, die recherchieren wollen, fehlt es also wahrlich nicht an Anregungen.

Ist somit das Thema „ausgelutscht“? Mitnichten. Gerade im Internet stellen sich neue Recherche-Herausforderungen. Diese wiederum werden in vorbildlicher Weise in zwei neuen Handbüchern thematisiert, die zugleich Brücken bauen zwischen praktischer Anleitung und wissenschaftlicher Reflexion. Marlis Prinzing von der Macromedia Hochschule Köln und Vinzenz Wyss von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur, vereinen in ihrem Bändchen zur „Recherche im Netz“ das geballte Wissen mehrerer Experten aus Deutschland, der Schweiz, Dänemark und den USA. Darunter finden sich auch die Ergebnisse von drei Redaktionsbefragungen, die zum Beispiel belegen, dass Journalisten, kaum anders als Herr Hinz und Frau Kunz, sehr einseitig die Suchmaschine Google nutzen, „wobei andere, besser geeignete Zugangswege zu Quellen verdrängt werden“.

Schon der Titel „Die Kunst der Recherche“ verrät die Ambition des zweiten Kompendiums von Hektor Haarkötter von der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln. Es zielt darauf ab, Anfängern ebenso wie ausgebufften Recherche-Profis im Umgang mit Suchmaschinen und sozialen Netzwerken weiter auf die Sprünge zu helfen. Die Recherchemöglichkeiten „jenseits von Google“ bis hin zum „Hidden Web“ sowie in sozialen Netzwerken werden besonders gründlich ausgelotet. Wer „Oberwasser im Datenmeer“ gewinnen möchte, bekommt einen außergewöhnlich praxistauglichen Schwimmkurs.

So sehr die beiden neuen Recherchehelfer „up to date“ sein mögen: Die 1001×1001 Recherchemöglichkeiten, die das Internet tagtäglich mit all seinen Diensten, Foren und Nischen neu eröffnet, können auch sie nur unzureichend erfassen. Zyniker mögen ohnehin zu dem Schluss neigen, es gebe da ein bizarres Missverhältnis von Rechercheliteratur, die sich karnickelartig vermehrt, und für Recherche verfügbarer Zeit, die im real existierenden, 24/7-getakteten Journalismus rapide schrumpft.

Trotz des „information overload“, mit dem Redaktionen tagtäglich zu kämpfen haben, gibt es allerdings auch Situationen und Regionen, in denen Journalisten so gut wie gar nicht mehr recherchieren können. Ausgerechnet die New York Times, die mit ihrer immer noch riesigen Redaktion wie kaum ein anderes Medienhaus die vertiefende Recherche pflegt, hat in diesen No-go-Zonen neue Wege zu erschließen versucht. Mit ihrem Blog „The Lede“ hat sie zeitweise ungefiltert Texte und Videos von „citizen journalists“ – zum Beispiel aus dem Syrien-Krieg – ins Netz gestellt. Die Redakteure sammelten also nur noch Material, das ohnehin auf Youtube kursierte, und bündelten es ohne explizite weitere Prüfung des Realitätsgehalts.

Die beiden Journalismus-Forscher Melissa Wall von der California State University in Northridge und Sahar El Zahed von der University of California in Los Angeles haben jetzt dieses Projekt evaluiert. Sie kommen zu dem wohlwollenden Ergebnis, die Amateur- und Aktivisten-Videos bezögen das Publikum ins Geschehen ein und ermöglichten es ihm, gleichsam in die Rolle des Videoreporters zu schlüpfen und auf sehr direkte, auch emotionale Weise teil zu haben an den Wirren des Krieges. Es handle sich um eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: Die Medien könnten „Content“ aus für sie unzugänglichen Regionen offerieren, die Amateurjournalisten erhielten mehr öffentliche Aufmerksamkeit, und das Publikum bekomme mehr Information.

Unterbelichtet bleibt bei so viel „wissenschaftlichem“ Lobgesang, dass damit ausgerechnet die Gralshüter journalistischer Integrität explizit den Anspruch aufgegeben haben, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen zu wollen. Das wirft kein gutes Licht auf den „state of the art“ des Journalismus. Es öffnet eben nicht nur Laienjournalisten, sondern auch Spin-Doktoren neue Schleusen, um „glaubwürdig“ Desinformation zu verbreiten.

Erstveröffentlichung: Schweizer Journalist, Ausgabe 6-7 2015

 

Literatur:

Hunger, Anton (2014) Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Journalisten und PR-Leute inszenieren gemeinsam die mediale Welt – auch wenn sie ihre gegenseitige Abneigung lustvoll pflegen, Salzburg: Edition Oberauer.

Prinzing, Marlis/Vinzenz Wyss (Hrsg.) (2014) Recherche im Netz, Zürich: Europa Verlag.

Haarkötter, Hektor (2015) Die Kunst der Recherche, Konstanz: UVK Verlag.

El Zahed, Sahar./Melissa Wall (2015) Embedding content from Syrian citizen journalists: The rise of the collaborative news clip. In: Journalism 16(2). 163-180.

 

Bildquelle: Fondriest Environmental/flickr.com

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