Viel Wissenswertes zum Journalismus

12. Oktober 2007 • Ausbildung • von

Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung

Publizistische Fachliteratur gibt es zuhauf, seit sich diese Wissenschaft in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts auch im deutschen Sprachraum etabliert hat. Seltener sind anspruchsvolle Hand- und Lehrbücher zum Teilgebiet Journalismus. Neben das herausragende zweibändige Standardwerk «Journalistik» von Siegfried Weischenberg (1995/98) tritt jetzt Stephan Russ-Mohls schlanker Band «Journalismus».

Russ-Mohl, der einen Lehrstuhl in Lugano innehat, ist seit Jahren – auch in diesem Blatt – durch kluge Analysen und klar formulierte Kritik des Medienbetriebs aufgefallen.

Der Band «Journalismus» versteht sich als Einführungs- und Lehrbuch, das nicht nur die Grundlagen des Berufs darlegt, sondern die Erkenntnisse (weniger die zugrunde liegenden Kontroversen) der Publizistikwissenschaft einbezieht. Richtigerweise wirft Russ-Mohl Seitenblicke auf die Public Relations, die laut Forschungen etwa zwei Drittel der Medienmeldungen «infiziert» haben. Er legt dazu ein sehr differenziertes Kapitel vor. Willkommen ist auch, dass Russ-Mohl Gewicht auf die Ökonomie des Medienbetriebs legt. Heute, wo viele grosse Zeitungen Not leiden, müssen Journalisten auch die wirtschaftlichen Fakten im Medienalltag kennen.

Das Buch ist schlüssig aufgebaut. Textgattungen, Elemente der Sprachqualität (ein Hauptdefizit journalistischer Anfänger), Arbeitsprozesse von der Auswahl über die Recherche bis zur Präsentation der Stoffe werden besprochen. Die Einführung will weiterführende, in den Fussnoten benannte Spezialliteratur keineswegs ersetzen. Nützlich sind die jeweils abschliessenden «Tipps für Einsteiger». Hingegen vermisst man – trotz dem ausführlichen Inhaltsverzeichnis – ein Stichwortregister. Viele meist farbige Grafiken machen Begriffliches sinnfällig; eine Reihe von – zum Teil etwas schwer entzifferbaren – Zeitungsausschnitten illustrieren die häufigen Fallbeispiele. Die beigegebenen Cartoons zeugen von unterschiedlicher Treffsicherheit.

Das Buch beschränkt sich auf die deutsche Praxis, die in den handwerklichen Hauptfragen mit der schweizerischen ziemlich identisch ist. Unterschiede zeigen sich naturgemäss in Medienrecht und Medienethik – dort zum Beispiel bei den Interviewregeln. Den Kauf von Informationen bei Geheimnisanbietern nimmt Russ-Mohl – anders als der Schweizer Presserat – offenbar mit gewissen Vorbehalten hin. Das Fairnessprinzip (beide Seiten anfragen), das in der Schweiz eine besondere Rolle spielt, weil es so oft verletzt wird, kommt in Russ-Mohls Buch eher beiläufig vor. Über einige wenige Oberflächlichkeiten wie den Satz, im Fernsehen sei Journalismus «kaum noch möglich», kann man hinwegsehen. Per saldo überwiegen die Vorteile dieses handlichen, gut aufgebauten und prägnant formulierten Buchs eindeutig. Neueinsteiger, aber auch Veteranen, die wieder einmal ihre Grundlagen auffrischen wollen, lesen es mit Gewinn.

Stephan Russ-Mohl: Journalismus. «Frankfurter Allgemeine»-Buch, Frankfurt am Main 2003. Broschiert, 392 S.
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