Vom Schwund des Vertrauens in die Medien

25. Januar 2008 • Ausbildung • von

Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung

Überblick über wissenschaftliche Erkenntnisse

Die Zukunft des Journalismus hängt nicht zuletzt von der Glaubwürdigkeit ab, die Journalisten beim Publikum geniessen – doch damit «ist es nicht weit her»: Mehr als drei Viertel der Bevölkerung vertrauten Ärzten, Polizisten und Lehrern, dagegen noch nicht einmal ein Drittel Journalisten.

Die Zahlen entstammen einer Studie der GfK und betreffen Deutschland, das damit zusammen mit Italien und Grossbritannien das Schlusslicht in einer entsprechenden europäischen Skala bildet.

Spät gefüllte Marktnische
Das Beispiel ist dem neuen Journalistik-Lehrbuch des Darmstädter Professors Klaus Meier entnommen. Es steht exemplarisch für den bemerkenswerten Versuch, einen Überblick über wissenschaftliche Erkenntnisse zu geben, die für Journalisten in der Ausbildung und im Beruf nützlich, ja unabdingbar sind. Die Marktnische hat merkwürdigerweise bisher noch kein anderer Forscher ausgefüllt. Gewiss, es gab das dreibändige Standardwerk «Journalistik» von Siegfried Weischenberg aus den frühen neunziger Jahren – aber das war viel zu voluminös und ist inzwischen veraltet.

Meier hat jetzt eine neue und kompakte, aber auch vielschichtige Darstellung jenes Teilbereichs der Kommunikationswissenschaften vorgelegt, der sich mit dem Journalismus befasst: statt den üblichen «How to»-Einführungen ein klar gegliedertes Grundlagenwerk zur Journalismusforschung. Meier skizziert deren wichtigste Theorien, vor allem empirische Erkenntnisse zur Mediennutzung, zur Organisation des Medienbetriebs sowie zum Redaktionsmanagement, zu journalistischen Arbeitsroutinen wie der Nachrichtenauswahl und zur Berufsgruppe der Journalisten selbst.

Mehr Freiheit, weniger Vertrauen
Abgerundet wird das Werk, das übersichtlich gegliedert und zweifarbig illustriert ist und die Materie durch viele Beispiele veranschaulicht, durch ein Kapitel über «Aktuelle Debatten» der Journalistik, das sich mit Qualität und Qualitätsmanagement, mit Ethik und mit der Zukunft des Journalismus befasst. Auch die – oftmals doch beträchtlich anderen – Verhältnisse in der Schweiz und in Österreich werden im Buch angesprochen.

Einen Befund bleibt uns Meier allerdings schuldig: Bei der eingangs skizzierten GfK-Studie haben die Schweizer Journalisten besser abgeschnitten. Ihnen vertrauen 43 Prozent der Bevölkerung, ihren deutschen Kollegen nur 31 Prozent. Es ergibt sich damit allerdings kein grundsätzlich anderes Bild – denn wenn weit über die Hälfte der Befragten kein Vertrauen in Medienschaffende haben, ist das fraglos ein Alarmsignal.

Den Denkanstoss von Meier gilt es folglich auch hierzulande aufzunehmen: Es sei ein grundsätzliches Phänomen, dass in Ländern mit wenig Kommunikationsfreiheit «grösseres Vertrauen in die Medien» bestehe als «in freiheitlich-pluralistischen Demokratien». Wenn das stimmt, dann sägen offenbar zu viele Journalisten am Ast, auf dem sie allesamt sitzen: Sie gehen mit dem Privileg der Pressefreiheit in einer Weise um, die ihre eigene Glaubwürdigkeit ruiniert.

Klaus Meier, Journalistik, UTB basics, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2007.

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