Wie man Leser gewinnt

19. Januar 2007 • Ausbildung • von

Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung

Die meisten Blattmacher wissen es: Kaum ein Leser liest seine Zeitung oder Zeitschrift vom Anfang bis zum Ende.
Meist «scannen» und blättern wir – und entscheiden anhand der Illustrationen, Überschriften und Leads, ob wir uns für einzelne Artikel genauer interessieren oder nicht. Gründlichere Informationen über das Leseverhalten verdanken wir dem Zeitungsforscher Mario Garcia, der bereits Anfang der neunziger Jahre mit Hilfe einer aufwendigen Apparatur Leser bei der Zeitungslektüre beobachtete und aufzeichnete, in welcher Reihenfolge sie Informationen verarbeiten.

Demnach wirken vor allem Farbbilder auf einer Zeitungsseite als Blickfang – und oftmals entscheidet die Bildunterschrift noch vor der Schlagzeile darüber, ob ein Beitrag weitere Aufmerksamkeit findet. Man wird deshalb von Kunstfehlern reden müssen, wenn Journalisten zwar mit Sorgfalt ihre Texte recherchieren und schreiben, aber lieblos und in letzter Minute die Rubriken texten und den Volontär die Bildlegende schreiben lassen. Überschrift, Vorspann, Bildunterschrift – Texte, welche die Aufmerksamkeit des Lesers steuern, sind nicht nur wichtig; es ist auch schwer, sie treffsicher zu formulieren. Deshalb verdienen sie in der Journalistenausbildung besondere Aufmerksamkeit.

Gleichwohl: Ist das nicht übertrieben, wenn sich – nach dem Erstling von Detlef Esslinger und Wolf Schneider (1993) – jetzt ein zweites ganzes Lehrbuch allein solchen Kurztexten widmet? Fraglos liesse sich das meiste, was Markus Reiter zum Thema zu sagen hat, auch in einem Buchkapitel zusammenfassen. Aber die vielen, teils gelungenen, teils unfreiwillig komischen Beispiele würden dann als Anschauungsmaterial fehlen. Mit ihnen illustriert der Autor, Chefredaktor einer Kommunikationsagentur in Stuttgart und vormals Feuilletonredaktor bei der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», einerseits die hohe Kunst des Auf-den-Punkt-Textens, und anderseits warnt er vor den vielen Fallstricken der Verkürzung. Solide handwerkliche Tipps hält Reiter also nicht nur für Einsteiger bereit.

Dass der Schweizer Medienexperte Carl Imboden inzwischen mit seiner Readerscan-Methode Zeitungsverlagen gründlichere Aufklärung über die Eigenwilligkeiten und Rezeptionsgewohnheiten der Zeitungsleser anzubieten hat, wird zwar eingangs erwähnt – aber zu diesem (nicht gerade billigen) «Herrschaftswissen» eröffnet Reiter leider keinen Zugang. Insofern bleibt das Buch hinter den wissenschaftlichen Möglichkeiten zurück. Welche Überschriften, Leads und Bildlegenden gelesen werden und welche nicht, werden wir also wohl erst in der nächsten Lehrbuchgeneration erfahren: wenn das, was die Verleger derzeit an Erkenntnissen und Expertisen zu diesem Thema einkaufen, bis in die Journalistenschulen durchgesickert ist.

Markus Reiter: Überschrift, Vorspann, Bildunterschrift. UVK, Konstanz 2006.

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