Regionale Medien und das Web 2.0

17. Januar 2012 • Digitales • von

Partizipativer Journalismus: Motor für mehr publizistische Vielfalt – oder Marketing-Instrument der Redaktionen? Studie untersucht die Strategien von Regionalzeitungen im Zeitalter von Web 2.0

Unter dem Einfluss des Social Web experimentieren Redaktionen weltweit mit neuen Formen der Publikumsbeteiligung. Vom BILD-Leserreporter bis hin zum britischen Guardian, der seine Leser und User einlud, gemeinsam mit den Redakteuren online riesige Datensätze nach Hinweisen auf steuersündige Abgeordnete zu durchkämmen, werden derzeit die verschiedensten Modelle erprobt. Doch trägt dieser neue „partizipative Journalismus“ tatsächlich zur publizistischen Vielfalt bei – und welche Bedeutung messen ihm die Verantwortlichen in den Medienhäusern zu?

Antworten auf diese Frage gibt jetzt ein Forschungsprojekt der Dortmunder Journalismuswissenschaftlerin Annika Sehl. Im Rahmen ihrer Studie „Partizipativer Journalismus in Tageszeitungen. Eine empirische Analyse zur publizistischen Vielfalt im Lokalen“ hat sie Chefredakteure und Redaktionsverantwortliche deutscher Tageszeitungen befragt und zudem eine Inhaltsanalyse der Printausgaben der Braunschweiger Zeitung, der Rheinischen Post und der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung vorgenommen. Damit setzt die Studie einen spannenden Akzent auf Modelle des partizipativen Journalismus in regionalen und lokalen Medien, die im Vergleich zu den überregionalen Marktführern oft über weit weniger Ressourcen verfügen, mit neuen Formaten zu experimentieren.

Fazit der Studie: In den untersuchten Zeitungen finden sich zum Zeitpunkt der Analyse vielfältige Leserbeiträge, die in der Tat zu einer höheren Meinungsvielfalt und Themenbreite in den Lokalteilen beitrugen. Allerdings dominieren Beiträge und Formate, in denen die Leser auf die vorangegangene redaktionelle Berichterstattung reagieren – vergleichsweise selten hingegen finden sich Formate, in denen die Leser ganz neue Themen auf die Agenda der Tageszeitung bringen oder sich sogar am Rechercheprozess beteiligen konnten. Ihre Rolle als Gatekeeper wollen viele Medienmacher also auch im Zeitalter von Journalismus 2.0 nicht aufgeben.

Aufschlussreich sind auch die Ergebnisse der Chefredakteursbefragung: Mit 94% gaben die allermeisten Befragten an, mittels partizipativem Journalismus die Leser-Blatt-Bindung stärken zu wollen, 79% bzw. 69% erhofften sich, auf diesem Weg neue Zielgruppen für die Online- bzw. für die Print-Ausgabe der Zeitung zu erschließen. Damit scheinen ökonomische Motive eine deutlich größere Rolle für die Redaktionsleitung zu spielen als der von den Verfechtern des partizipativen Journalismus oft geäußerte Wunsch nach einer breiten Einbindung des Publikums in den medialen Prozess: 82% versprachen sich von partizipativen Formaten, Rückmeldung zur Berichterstattung zu erhalten, und die Erhöhung der Meinungsvielfalt bzw. die Vertiefung der Lokalberichterstattung war nur für 64% bzw. 54% der Befragten ein Beweggrund.

Informationen zu der Studie über Annika Sehl: annika.sehl@tu-dortmund.de

 

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