Agieren, nicht nur reagieren

19. Oktober 2017 • Aktuelle Beiträge, Digitales • von

Die Anforderungen an die technischen Fertigkeiten der Journalisten und die Erwartungen, dass sie mit neuen Kanälen wie Social Media rasch umgehen können, werden weiter steigen.

Ein Blick in die der deutschen recht ähnlichen Schweizer Medienlandschaft zeigt: Endlich wächst die Aufgeschlossenheit im Journalismus fürs Social Web. Schweizer Forscher porträtierten 21 Medienschaffende. Sie wollten herausfinden, wie sich Medienleute heute im Netz verhalten. Die Experten stellten Journalisten ein gutes Zeugnis dafür aus, wie sie mittlerweile recherchieren, veröffentlichen und mit ihrem Publikum diskutieren. Über das Publikum gelangen sie rasch an Informationen, Einschätzungen, Augenzeugen, Fachleute und Inspirationen. Die Befragten hatten den Eindruck, dass das Publikum seine Erwartungen stetig nach oben schraube und zum Beispiel auch von Radios und Printmedien online mehr Bewegtbilder wünschen, also crossmediale Angebote – eine im Kern medienpolitische Herausforderung.

Aber Journalisten sorgen sich auch wegen der Verzerrungseffekte sozialer Medien. Und sie finden, Politik lasse sich über soziale Medien nur schwer vermitteln. Dieser Punkt erlaubt aber nicht, sich zurückzulehnen, sondern verlangt, dem etwas entgegen zu setzen. Viele Politiker betrachten gerade Soziale Medien als reizvolle Kommunikationskanäle, um Politik zu vermitteln und direkt an ihr Wahlvolk zu gelangen. Donald Trump nutzt den Kurznachrichtendienst Twitter so intensiv wie kaum ein anderer Politiker.

Klassische Massenmedien dürfen nicht hinnehmen, dass sie hier umgangen werden, sondern sollten Konzepte testen und überlegen, wie sie politische Inhalte auch über das Social Web vermitteln. Dieses wird im politischen Journalismus variantenreicher und bedeutsamer. Einige Medienorganisationen kooperieren bereits mit Diensten wie Snapchat und verschicken kurze Videos, die mit längeren journalistischen Texten verknüpft sind, um jüngere Zielgruppen besser an sich zu binden.

Hierzu gibt es zwar wenige Studien, mir sind auch keine Befunde spezifisch für den politischen Journalismus bekannt. Klar ist aber: Die Anforderungen an die technischen Fertigkeiten der Journalisten und die Erwartungen, dass sie mit neuen Kanälen rasch umgehen können, werden weiter steigen. Agieren ist da oft noch besser als nur Reagieren.

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 15. Oktober 2017

 

Zum Thema auf EJO: Wie Journalisten soziale Medien nutzen (in Deutschland)

 

 
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