Alte Tanten, junge Tanten

23. Oktober 2014 • Digitales • von

Social Media seien die Zukunft der Medien, sagen die Medienchefs. Sie sagen es und glauben es nicht.

Ohne Twitter und ohne Facebook, so lesen wir in den alten Medien jeden Tag, geht heute gar nichts mehr. Ohne die neuen Social Media sind die alten Medien tot. Medienleute, so schreibt beispielsweise der Tages-Anzeiger,„müssen lernen, Social-Media-Programme zu bedienen”. Medienleute „müssen lernen, mit ihrem Publikum in einen Dialog zu treten”. Damit wären wir bei Pietro Supino. Supino ist der der oberste Chef des Blatts. Er ist Verwaltungsratspräsident von Tamedia. Supino hat keinen Twitter-Account. Er hat auch keinen Facebook-Account. Social Media findet er überflüssig.

Lesen wir noch kurz die Neue Zürcher Zeitung (NZZ)  zum gleichen Thema. „Das Angebot der klassischen Medien wird immer stärker durch Social-Media-Interaktion ergänzt”, schreibt das Blatt. Damit wären wir bei Etienne Jornod. Jornod ist der oberste Chef des Blatts. Er ist Verwaltungsratspräsident der NZZ-Gruppe. Jornod hat keinen Twitter-Account. Er hat auch keinen Facebook-Account. Social Media findet er überflüssig.

Machen wir also den Reality-Check. Schauen wir mal, wer von der Schweizer Medienprominenz Twitter und Facebook aktiv nutzt und wer den Trend der Gegenwart verschläft. Wir betrachten die Chefredaktoren (CR) und die Firmenchefs (CEO). Ein Kreuz bedeutet Aktivität, eine Null bedeutet Inaktivität.

NameTwitterFacebook
René Lüchinger, CR Blick00
Marc Walder, CEO Ringier00
Roger de Weck, CEO Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG)0x
Rudolf Matter, CEO Schweizer Radio und Fernsehen (SRF)00
Markus Spillmann, CR NZZxx
Veit Dengler, CEO NZZxx
Res Strehle, CR Tages-Anzeigerx0
Christoph Tonini, CEO Tamedia0x
Roger Köppel, CEO Weltwoche00
Roger Schawinski, CEO Radio 100
Markus Somm, CR Basler Zeitung00
Peter Wanner, CEO AZ Medien00

Das Gegenbeispiel zur alt-jungen Tante NZZ ist Ringier. In Interviews positioniert sich ihr CEO Marc Walder zwar gerne als digitaler Visionär. Entscheidend für Medienhäuser, sagt er, sei „der Sprung in die neue digitale Welt mit Social-Media-Einbindung”. Selber hingegen ist Theoretiker Walder ein praktizierender Social-Media-Abstinent. Er agiert weder auf Twitter noch auf Facebook. Auch Blick-Chefredaktor René Lüchinger, sein wichtigster Hausjournalist, bewegt sich digital in demselben Sleep-Modus. Das ist eine ziemlich ernüchternde Statistik. Nur gerade zwei von zwölf medialen Opinion- Leadern sind sowohl auf Twitter wie auch auf Facebook im Geschäft. Der weltweite Trend der Social Media ist an den Chefetagen der etablierten Medienindustrie praktisch spurlos vorbeigegangen.

Die Ausnahme ist die NZZ, und ganz besonders ihr Chef Veit Dengler. Seit er vor einem Jahr in die Schweiz kam, hat er auf Twitter etwa 2800  Tweets abgeschossen. Er produziert im Schnitt acht solcher Kurznachrichten pro Tag, zu seiner Firma, über Medien, Politik und Kultur. Auch auf Facebook ist Dengler mit über 1500 aktuellen „Gefällt mir”-Reaktionen der klare Spitzenreiter. NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann ist ebenfalls auf beiden Plattformen gut präsent.

Das ist mehrheitsfähig. Der Grossteil der Schweizer Medien-Elite sind Social-Media-Ignoranten – auch wenn sie gern das Gegenteil sagen. „Über Social Media läuft viel”, sagt etwa AZ-Verleger Peter Wanner. „Die Komponente Social Media ist ein wichtiger Aspekt”, sagt etwa Radio- und Fernseh-Direktor Ruedi Matter. Es läuft viel, es ist wichtig, außer bei sich selbst.

 

Bildquelle: Maria Elena / flickr.com

Erstveröffentlichung: Die Weltwoche vom 16. Oktober 2014

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  • Martin Jungfer

    Die These des Autors scheint zu lauten: Nur dort, wo die CEOs und Chefredaktoren selbst auch Twitter und Facebook nutzen, wird das Thema ernstgenommen. Auch wenn die NZZ in der “Analyse” gut wegkommt, halte ich es für zumindest sehr gewagt, daraus abzuleiten, ob ein Medienunternehmen Social Media wirklich treibt.

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