Anregung zur Zukunftsschau

30. Dezember 2010 • Digitales • von

Wohin entwickeln sich die digitalen Medien? In einem neuen Buch äußern sich zu dieser Frage 14 amerikanische Internet-Spezialisten.

In den achtziger Jahren gab es in Bochum einen Kommunikationsforscher mit dem Spitznamen Edi. Edi stand für Editor, und Edi hieß so, weil er mehr Bücher als andere herausgab – rekordverdächtig, für damalige Verhältnisse jedenfalls. Seither hat sich der Publikationszwang für Nachwuchswissenschafter dramatisch verschärft, aber wenn heute, im zu Ende gehenden Jahr, ein Autorengespann den “Edi” verdient hätte, so wären das Stephan Weichert und Leif Kramp.

Das Erstaunliche dabei ist, wie sie als Grenzgänger zwischen Medienforschung und Journalismus es trotz “Fließbandproduktion” immer wieder schaffen, Substanzielles auf den Markt zu bringen. Auch ihr neuestes Werk “Digitale Mediapolis” – als dritter Herausgeber ist diesmal der Leiter des Ressorts Digital bei Focus Online, Alexander von Streit, mit von der Partie – verdient Aufmerksamkeit.

Das Editoren-Trio hat in den USA 14 Vordenker der Internet-Gesellschaft interviewt; darunter sind fast alle, die Rang und Namen haben: Internet-Guru Jeff Jarvis; Chris Anderson, Chefredaktor des Medienmagazins “Wired”; Geneva Overholser, ehemalige Ombudsfrau der “Washington Post” und heutige Journalismusprofessorin.
Befragt werden ferner Jay Rosen, der Vordenker des Bürgerjournalismus; Tom Rosenstiel, Chef des Project for Excellence in Journalism, das weltweit die Maßstäbe dafür setzt, was Medienforschung zu leisten vermag, die dem Qualitätszerfall des Journalismus empirisch nachspürt; und Paul Steiger, der einstige Managing Editor des “Wall Street Journal”, der inzwischen mit seinem stiftungsfinanzierten Projekt Pro Publica vorexerziert, wie ein kleines, Team neue Maßstäbe für den investigativen Journalismus setzt.

“Weil das Netz längst kein Nebenthema mehr ist, sondern inzwischen fast jeden sozialen Bereich unseres Lebens im Griff hat, sollten Journalisten ihre Trutzburgen mit den dicken Mauern verlassen und sich mit dem Medienvolk verbünden, um eine bürgernähere, authentische Berichterstattung zu praktizieren”, fordern Weichert und Kramp.
An diesem Ratschlag mag man Zweifel hegen. Zum einen sind die Printmedien nach wie vor die Cashcows der Verlage, und das “Medienvolk” im Internet müsste wohl erst davon überzeugt werden, dass professioneller Journalismus wertvoll ist und deshalb nicht gratis zu haben ist, wenn das vorgeschlagene Bündnis gelingen soll. Zum anderen zeigten die jüngsten Enthüllungen von Wikileaks, wie schmal der Grat für eine solche Kooperation ist.

Durch Beihilfe journalistischer Profis bei der Vermarktung, und das von bekannten Medien wie der “New York Times”, dem “Spiegel”, dem “Guardian”, “Le Monde” und “El País”, wurden die Aktivitäten von Wikileaks flugs als Ruhmesblatt des investigativen Journalismus geadelt – obschon überwiegend Klatsch in Umlauf gebracht wurde, als gäbe es nicht mehr den Unterschied zwischen “the public’s interest” und “the public interest”, an den uns soeben noch Stephen Whittle und Glenda Cooper vom Reuters Institute der Oxford University in einer weiteren bemerkenswerten Publikation erinnerten. Trotzdem wird die Medienzukunft absehbar online sein. “Digitale Mediapolis” lädt in anregender Perspektivenvielfalt dazu ein, sich mit dieser Zukunft auseinanderzusetzen.

Stephan Weichert, Leif Kramp, Alexander von Streit (Hg.): Digitale Mediapolis. Von-Halem-Verlag, Köln 2010. Stephen Whittle, Glenda Cooper: Privacy, probity and public interest. University of Oxford: Reuters Institute for the Study of Journalism, 2009.

Erstveröffentlichung: NZZ vom 28.12.2010

 

 

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