Blogger – Machtergreifung der Machtlosen

11. Juli 2008 • Digitales, Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Il Giornale
Es gab eine Zeit, da führten New York Times, Washington Post und Wall Street Journal die Politiker dieser Welt quasi am Gängelband, derart gross waren Macht und Einfluss dieser Blätter. Heute ist das definitiv nicht mehr so. Oder besser: nicht mehr ganz so.

Zwar bleibt das bedruckte Zeitungspapier nach wie vor sehr einflussreich, und wenn man die durch die Qualitätspresse im Internet generierten Kontakte hinzurechnet, dann wird deutlich, dass diese weltbekannten Tageszeitungen von immer mehr Menschen gelesen werden. Aber die Macht, die politischen Akteure sowie die öffentliche Meinung zu beeinflussen, teilen sie sich heutzutage mit anderen. Neue Medien sind auf den Plan getreten und haben an Ansehen, Einfluss und Präsenz gewonnen. Wo? Natürlich im Internet. Wie? Durch Blogs und diese „seltsamen“ Internetseiten, an deren Wirkung die grossen amerikanischen Zeitungsverlage (inklusive der führenden Chefredaktoren des Landes) so lange nicht geglaubt haben.

Die sahen von oben auf sie herab, nicht selten geradezu verächtlich, und waren überzeugt, dass diese Online-„Zeitungen“ ihnen niemals würden das Wasser reichen können. Heute hecheln sie ihnen dagegen hinterher. In den Vereinigten Staaten gibt es kaum mehr einen Journalisten von Rang, der nicht seinen eigenen Blog unterhält, nicht den Dialog mit seiner Leserschaft sucht – und zwar vom eigenen Blatt dazu ermuntert. Und entsprechend ändern sich die Gewohnheiten der Menschen. Wenn man nämlich heute am Morgen aufsteht, dann wirft man zwar immer noch einen Blick auf die Schlagzeilen, z.B. der Times – gleichzeitig schaltet man aber den PC ein, um nachzusehen, was denn Drudge Report, Huffington Post, Politico oder Blogger wie Andrew Sullivan oder Daily Kos zu berichten haben. Sie machen Meinungen, locken Millionen von Besuchern auf ihre Seiten und entfachen oftmals unter den Internetbenutzern ein derartiges Tamtam, dass Leute wie Barack Obama und John McCain eigene Stäbe von Mitarbeitern beschäftigen, deren alleinige Aufgabe es ist, das Internet immer im Blick zu behalten: um die allgemeine Stimmung zu sondieren, um etwaige Diffamierungsversuche im Keim zu ersticken – oder um eigene unter falschem Namen gleich selbst zu initiieren… Das Besondere am Internet ist, dass es ganz neue Formen von Journalismus möglich macht.

Betrachten wir z.B. den Drudge Report, die geniale Erfindung von Matt Drudge. Worum handelt es sich hier eigentlich? Um eine Website? Einen Blog? Weder das Eine noch das Andere: Es ist ein Portal, das Artikel, die anderswo erschienen sind, erneut lanciert und damit zur Diskussion stellt. Dabei liegt das Erfolgsgeheimnis sowohl in der Auswahl der Artikel sowie in der schnoddrigen Art von Matt Drudge selbst: Aufgewachsen in Hollywood, weiss Herr Drudge nur zu genau, wie man Schlagzeilen macht und Klatsch und Tratsch unter die Leute bringt. Dabei platziert und entfernt er seine Meldungen nach Belieben und bestimmt Ton und Ausrichtung seiner Website im Alleingang. Und wenn er mit Exklusivem aufwartet, können die Folgen für die Betroffenen wahrhaft fatal sein. So war er es, der 1998 die heimliche Beziehung zwischen Monica Lewinsky und Bill Clinton aufdeckte, nachdem das amerikanische Wochenmagazin Newsweek sich aus Pietätsgründen geweigert hatte, mit diesem Scoop an die Öffentlichkeit zu gehen. Drudge war es auch, dem wir das Bild von Barack Obama zu verdanken haben, das ihn in einer somalischen Stammestracht zeigt. Jawohl, Obama. Über Jahre galt Drudge als Rechtspopulist, seit einiger Zeit jedoch hat er ein wohlwollendes Auge auf den afroamerikanischen Präsidentschaftskandidaten geworfen. Nach Meinung einiger Politologen war seine Unterstützung für Obama sogar ausschlaggebend für dessen Erfolg im Rennen um die Wahl zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Eine Übertreibung? Vermutlich, aber Matt Drudges Website wird jedes Jahr von Millionen Internetbenutzern besucht, und seine Einnahmen aus dem Projekt belaufen sich auf rund 800.000 Dollar jährlich. Keine schlechte Leistung.

Bei Huffington Post handelt es sich hingegen um den ersten Blog, der sich zu einer veritablen Online-Zeitung gemausert hat. Das Verdienst daran trägt Arianna Huffington, von Geburt Griechin, und zwar eine, die es verstanden hat, ihre Beziehungen zur amerikanischen High Society – die sie während ihrer Ehe mit dem amerikanischen Milliardär Michael Huffington knüpfen konnte – nutzbringend einzusetzen. Im Jahr 2005, im Alter von 55 Jahren, entschloss sich die während Jahren als Topjournalistin tätig gewesene „rote Arianna“, sich selbständig zu machen, indem sie ihren eigenen, linksprogressiv ausgerichteten Blog lancierte. Dabei gelang es ihr, Schwergewichte aus der US-Politik und -Wirtschaft dazu zu bringen, eigene Beiträge für die Site zu schreiben, wenn auch teils unter einem Pseudonym. Frech, unverfroren, manchmal gar srupellos: Derart gross war der Erfolg von Huffington Post, dass Arianna Huffington eine richtige Redaktion gründen konnte, deren Mitarbeiter heute eine Exklusivmeldung nach der anderen produzieren und stets fundiert das Zeitgeschehen kommentieren. Seit einigen Monaten ist es der meistgelesene Blog weltweit, und Time Magazine zählt seine Gründerin zu den 100 einflussreichsten Frauen auf unserem Planeten.

Andrew Sullivan, ein konservativer Schwuler, hat dagegen kein neues Genre kreiert: Sein Blog ist ein klassischer Vertreter seiner Art. Während der frühen 90er war Sullivan Chefredakteur des New Republic, realisierte aber bald schon, dass seine Website eine grössere Leserschaft hatte als seine Zeitschrift. Von dieser trennte er sich 1996, um fortan als Freiberufler und vor allem als Blogger tätig zu sein. Später wurde Sullivan von Time rekrutiert und war fortan mit The Daily Dish auf dem Time-Portal präsent. Von dort wurde er 2007 von den Herausgebern des Atlantic Monthly abgeworben und wanderte samt seiner gewaltigen Leserschaft auf deren Portal ab: Im letzten Jahr allein zählte sein Blog 40 Millionen Besucher.

Und dann wäre da noch Politico. Auf dieser Website versammeln sich einige der profiliertesten politischen Journalisten der USA, die dort – frei von allen redaktionellen Schranken – ihre Talente voll zur Blüte bringen können. Im Ansatz stets fundiert und informativ, gebührt Politico spätestens seit seiner Berichterstattung über den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf die Ehre, dasjenige Portal zu sein, über das man die US-Politik am besten verfolgen kann. So etwas bringt vielleicht eine Site unter einer Million zustande.

Die grosse Mehrheit der Blogs wird gerade mal ein paar Wochen alt oder fristet seine Tage in der totalen Anonymität. Deshalb sollte man nicht vergessen, dass Drudge, Huffington oder Sullivan nicht aus dem Nichts auf der Bühne erschienen sind: Als sie sich in ihre Online-Abenteuer stürzten, waren sie bereits etablierte Journalisten, d.h. sie hatten Kontakte, Erfahrung und eine gewisse Berühmtheit. Dennoch fällt ihnen allen das Verdienst zu, an das Internet geglaubt und eine Karriere jenseits altbekannter Muster versucht zu haben. Dieser Wagemut wurde belohnt. Und dank Zeitgenossen wie diesen hat für die Blog-Kultur soeben eine neue, vielversprechende Saison begonnen.

Übersetzung: Oliver Heinemann

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