Bürgerjournalismus belebt das Mediensystem

28. November 2016 • Digitales, Forschung aus 1. Hand, Qualität & Ethik • von

Der digitale Bürgerjournalismus hat es nicht geschafft, die Medienlandschaft in Europa auf den Kopf zu stellen. Dafür ist er in seinen Routinen und in seinen professionellen Normen zu heterogen. Er dient aber als Stütze schwindender Medienvielfalt.

buergerjournalismusDer digitale Bürgerjournalismus galt vor rund zehn Jahren als großer Hoffnungsträger einer gebeutelten Medienbranche, deren düsterste Zeiten aber erst noch bevorstanden. Die Fürsprecher der Laienberichterstattung, die damals noch weitgehend als Graswurzeljournalismus bekannt war, waren voll des Lobes hinsichtlich der besonderen Potenziale des Bürgerjournalismus im Netz. Dabei stand vor allem ein Aspekt im Vordergrund: Der Jekami-Journalismus, in dem jeder nach seinem Gutdünken einen Teil zur Beschreibung der Welt beitragen konnte, führe dazu, dass sich die Rolle der etablierten Medienorganisationen als alleinige Schleusenwärter der Nachrichtendistribution in Luft auflöste. Kein Thema sei mehr Tabu, mehr Transparenz, mehr Authentizität, keine falsche Objektivität, mehr Dialog, ja sogar mehr Demokratie – und überhaupt: Wer brauche eigentlich noch teuer bezahlte Redakteure, wenn die Amateure in der Online-Welt ohnehin die besseren Journalisten sind? Zumal sie ja sowieso viel unabhängiger seien, da sie keinen organisationalen, ökonomischen oder gar politischen Vorgaben folgen müssten.

Eine vergleichende Perspektive

Heute sind derartig begeisterte Töne nur noch selten zu hören, obwohl sich einige der benannten Potenziale – wie beispielsweise der Demokratiegewinn – immer noch hartnäckig halten. Der Journalismus steckt zwar nach wie vor in einer Finanzierungs- und Glaubwürdigkeitskrise – die Revolution von unten ist jedoch weitgehend ausgeblieben. Grund dafür ist unter anderem die Einsicht, dass es für digitale Bürgerjournalisten eben doch nicht so einfach ist, ohne spezifisches Training gängige Qualitätsstandards zu wahren. In der Folge hat auch im Feld des Bürgerjournalismus ein Trend zur Professionalisierung eingesetzt – und zu einer nüchterneren Betrachtung des Verhältnisses zwischen den beteiligten Akteuren geführt.

Das verdeutlicht eine aktuelle Studie, die aus einem Journalismusforschungs-Netzwerk hervorging, an dem die Österreichische Akademie der Wissenschaften, die Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, die Universität Zürich, die Universität Mailand sowie die Universität Wroclaw beteiligt sind. Aus international vergleichender Perspektive wurde dafür der Status quo des digitalen Bürgerjournalismus in sechs europäischen Ländern (neben Österreich, Deutschland und der Schweiz auch in Großbritannien, Italien und Polen) nachgezeichnet. Problemzentrierte Interviews mit fast 60 Praktikern halfen dabei, ihren Hintergrund, ihre Motive, ihre ethischen Normen und ihr Verständnis von journalistischer Qualität zu beleuchten.

Arrivierter Bürgerjournalismus

Die Erhebung zeigt, dass der Bürgerjournalismus trotz Phänomenen wie Social Media, die gerade in den letzten Jahren enorm an Bedeutung hinzugewonnen haben, im Netz längst in der Mitte des Mediensystems angekommen sind. National wie international existiert eine Vielzahl bürgerjournalistischer Online-Projekte, die in den meisten Fällen – losgelöst von jeglichen kommerziellen Interessen – von Einzelpersonen oder kleineren Gruppen betrieben werden und sich mit den unterschiedlichsten Themen befassen. Allerding lässt sich eine stetige Professionalisierung von bürgerjournalistischen Projekten beobachten, da immer mehr Plattformen auf redaktionsähnliche Strukturen bauen, arbeitsteilig funktionieren, klare unternehmerische Konzepte verfolgen und sogar Governance-Strukturen aufbauen. Nicht selten besteht ein enger Kontakt zu traditionellen journalistischen Medienhäusern – natürlich erst recht, wenn diese versuchen, Nutzer zum Beispiel als Leserreporter aktiv in die Gestaltung ihrer Inhalte einzubinden.

Auch die medienpraktischen Vorerfahrungen vieler Bürgerjournalisten lassen eine Professionalisierung des Feldes erkennen. Zwar gibt es nach wie vor Akteure, die in ihrem bisherigen Berufsleben kaum je mit Fragen der journalistischen Recherche oder der Textproduktion zu tun hatten. Nicht wenige von ihnen nutzen jedoch gezielt journalistische Weiterbildungsangebote, um sich auf ihre Tätigkeit als Bürgerjournalist vorzubereiten. Andere wiederum absolvieren gerade ein medien- oder kommunikationswissenschaftliches Studium – und sehen ihr Engagement für eine bürgerjournalistische Webseite als Chance, um die Redaktionspraxis kennenzulernen bzw. um ihr persönliches Portfolio aufzubessern. Wieder andere haben bereits eine komplette journalistische Berufsausbildung abgeschlossen – oder sind gar schon pensioniert – und geben ihr Erfahrungswissen nun an jüngere und weniger erfahrene Mitstreiter innerhalb eines Projektes weiter. Als ‚Laien’ lassen sich all diese Akteure kaum noch bezeichnen.

Journalistische Ethik als Herausforderung

Beträchtliche Unterschiede zeigen sich aber auch, wenn es um professionelle ethische Standards geht. Meistens orientieren sich Bürgerjournalisten in ihrer Inhaltsproduktion an einzelnen, ausgewählten Prinzipien, denen sie eine große Bedeutung beimessen. Dazu gehören Normen wie Transparenz, Akkuratesse, Faktentreue sowie Unparteilichkeit. Dabei zeigen sich jedoch länderspezifische Unterschiede: Während polnische Bürgerjournalisten häufig betonen, in ihren Beiträgen auch objektiv sein zu wollen, lehnen dies italienische Vertreter entschieden ab, da Objektivität in ihren Augen nicht existiert. Zahlreiche Journalisten distanzieren sich auch explizit von Objektivität, um sich von professionellen Journalisten zu unterscheiden. Die angewandte Subjektivität in der Berichterstattung geht aber immer mit Transparenz einher.

Während Bürgerjournalisten sich vereinzelt sogar an professionellen Ethik-Kodizes von Presseräten orientieren, machen andere ethische Bedenken von der Reaktion des Publikums abhängig: Solange die User mit den Inhalten keine Probleme bekunden, gibt es für manche Laien keinen Grund zur Besorgnis. Konkrete ethische Handlungsanweisungen findet man am ehesten noch auf Webseiten, die interessierten Laien eine Plattform für die Publikation von Beiträgen bieten, wie dies zum Beispiel bei myheimat.de oder beiuns.ch in der Schweiz der Fall ist. Dadurch, dass solche Plattformen Verhaltensregeln für die Inhaltsproduktion der Bürgerjournalisten verfassen müssen, sind sie dazu gezwungen, eine gewisse Governance-Struktur aufzubauen. Allerdings zeigen diese Beispiele, dass von einer einheitlichen „Ethik des Bürgerjournalismus“ nicht die Rede sein kann.

Heterogenität als Chance

Fasst man die Resultate unserer Studie zusammen, widersprechen diese einer Vereinheitlichungsthese des Bürgerjournalismus in Europa. Ganz im Gegenteil, die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Bandbreite unterschiedlicher Formen und Formate im Netz gegenwärtig kaum noch zu überblicken ist und sich noch weiter ausdifferenzieren dürfte. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass neue und innovative journalistische Startups, die nicht immer von professionellen Journalisten aufgebaut wurden, sondern von Akteuren mit unterschiedlichem Hintergrund, in die Medienmärkte eindringen. Dementsprechend variieren auch die Motive, die Bürgerjournalisten dazu bringen, sich für ein bestimmtes Projekt einzusetzen. Während einige der Akteure ein vorwiegend technisches Interesse am partizipativen Publizieren haben, stehen bei anderen die Vermittlung von Expertenwissen, ein (wie auch immer ausgerichtetes) politisches Sendungsbewusstsein, das Ziel der Gemeinschaftsbildung oder schlicht die Freude am Schreiben im Vordergrund. Es ist also nicht verwunderlich, dass unter den Akteuren auch die Vorstellungen darüber auseinandergehen, was guter Journalismus ist.

Dies ausschließlich als Defizit zu werten, wäre jedoch falsch, denn gerade in dieser Heterogenität liegt die große Chance des digitalen Bürgerjournalismus: Dadurch, dass er unterschiedlichen Perspektiven und Ansätzen Raum bietet, trägt er zur Vielfalt des Journalismus bei. Er tut dies allerdings nicht unbedingt in Konkurrenz zu herkömmlichen journalistischen Akteuren, sondern vielmehr als Ergänzung dazu – vor allem auf lokaler und regionaler Ebene, wo die Medienvielfalt in den letzten Jahren am stärksten gelitten hat. In diesem Sinne sorgt er für eine nachhaltige Belebung des Mediensystems – von innen, nicht von außen.

Eine Kurzfassung dieses Beitrags erschien am 2. November 2016 auf derStandard.at.

Bildquelle: Tony Webster / Flickr CC: Chuck on the scene – Citizen journalism; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

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