Wikinews: Komplementarität statt Konkurrenz

19. März 2014 • Digitales, Qualität & Ethik • von

Das Internet hat den kommunikativen Zugang zur Öffentlichkeit in technischer und ökonomischer Hinsicht auf bislang unerreichte Weise vereinfacht. Was aber bedeutet diese ‚Demokratisierung der Publikationsmittel‘ für den professionellen Journalismus der Massenmedien? Müssen wir uns darauf einstellen, künftig durch Bürgerjournalismus statt durch professionelle Berichterstattung über das Zeitgeschehen auf dem Laufenden gehalten zu werden?

Diese Frage ist nicht nur wegen des technischen Potentials des Internets relevant, sondern gerade auch vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzierungskrise traditioneller Anbieter von Informationsjournalismus, deren Funktionsfähigkeit für die Zukunft alles andere als gesichert erscheint.

In meinem an der Universität Fribourg (Schweiz) durchgeführten Dissertationsprojekt habe ich die Nachrichtenplattform Wikinews unter die Lupe genommen und untersucht, welche journalistischen Vermittlungsleistungen die Berichterstattung der von Laien betriebenen Plattform im Vergleich zur professionellen Online-Berichterstattung etablierter Tageszeitungen erbringt.

Laut eigenem Leitbild und internen Nutzungsbestimmungen werden an die Wikinews-Beiträge sehr hohe journalistische Qualitätsanforderungen gestellt: unter anderem Aktualität, Quellentransparenz, Vollständigkeit, Ausgewogenheit, Trennung von Nachricht und Kommentar. Die Beiträge werden gemeinschaftlich von der Community verfasst – der erste Entwurf eines Autors wird innerhalb kurzer Zeit von anderen Nutzern mit weiteren Quellen und Fakten ergänzt, gekürzt oder zur Diskussion gestellt, bevor er veröffentlicht wird. Aufgrund dieses kollaborativen Editierungsprozesses (Prinzip der sogenannten Schwarmintelligenz) müsste hier eigentlich nach dem Motto „Viele Augen sehen mehr als zwei“ eine besonders hohe Nachrichtenqualität entstehen. Doch wie ist es tatsächlich darum bestellt?

Um diese Frage zu beantworten, wurden in einer allgemeinen Strukturanalyse die nutzergenerierten Nachrichten aus allen Ressorts über drei Monate hinweg mit der Berichterstattung von süddeutsche.de verglichen (n= 752 Artikel). In einer zweiten, ereignisbezogenen Argumentationsanalyse wurde wiederum während circa 3 Monaten die Berichterstattung von Wikinews über das kontroverse Verkehrs- und Städtebauprojekt ‚Stuttgart 21‘ mit der einschlägigen Berichterstattung von süddeutsche.de, faz.net, welt.de und taz.de verglichen (dazu wurden aus 466 Artikeln insgesamt n= 6‘442 Argumente im Sinne einzelner Aussagen zu unterschiedlichen thematischen Aspekten von ‚Stuttgart 21‘ codiert).

Soviel vorab: Die Studie zeigt, dass Wikinews für den professionellen Journalismus keine Konkurrenz darstellt. Die Plattform erbringt allenfalls eine komplementäre Funktion, wie es auch bei anderen Formen öffentlicher Laienkommunikation der Fall ist, wie zum Beispiel bei Blogs, Microblogging-Diensten wie Twitter, nutzergenerierten Podcasts und Social News-Plattformen wie yigg.de oder webnews.de. Das Laienportal erfüllt nämlich mehrere journalistische Leistungsmerkmale in deutlich geringerem Umfang als die ausgewählten Online-Angebote von Tageszeitungen. Während sich zum Beispiel die Aktualität der Wikinews-Berichterstattung kaum von der professionellen Referenzberichterstattung unterscheidet – die Beiträge behandeln größtenteils aktuelle Ereignisse der letzten 24 Stunden – verfügt das Laienportal über eine geringere Periodizität, da es immer wieder Tage gibt, an denen hier gar keine neuen Nachrichten publiziert werden.

Die Kontinuität der Berichterstattung ist somit gering. Mit durchschnittlich zwei bis drei Beiträgen täglich ist der Publikationsoutput zudem massiv niedriger als in den verglichenen professionell-journalistischen Online-Angeboten. Ließe sich hier allenfalls noch der Einwand von „Qualität geht vor Quantität“ geltend machen, muss die publizistische Eigenleistung des Laienportals aber insofern als gering eingestuft werden, als etwa vier von fünf seiner Artikel auf bereits publizierte massenmediale Beiträge zurückgehen, deren Inhalte selektiv aggregiert und zusammengefasst werden. Wikinews erweist sich somit als eine ‚Recyclingstätte‘ für (fremde) Nachrichten. Allerdings kann man kritisch anmerken, dass auch im professionellen Journalismus die Mehrfachverwertung von Inhalten und die Abhängigkeit von Agenturen zunehmen. Vor diesem Hintergrund ist es umso interessanter zu wissen, wie bereits anderswo publizierte Inhalte auf dem Nachrichtenwiki ausgewählt, gewichtet und gegebenenfalls neu bewertet werden. Wie steht es also um die Inhalte selbst?

In Wikinews sind Nachrichten aus den Bereichen Kultur (Musik, Theater, Film, bildende Kunst etc.) sowie Natur und Umwelt bedeutend häufiger als in der professionellen Vergleichsberichterstattung vertreten, umgekehrt tauchen News aus Wirtschaft und Sport sowie Ratgeber-Beiträge (z.B. Beratung in Mietfragen, Versicherungstipps etc.) kaum auf. Auch in der Berichterstattung über ‚Stuttgart 21‘ werden inhaltlich andere Akzente gesetzt als in der massenmedialen Vergleichsberichterstattung von süddeutsche.de, faz.net, welt.de und taz.de. Über Demonstrationen, Polizeieinsätze, Filz-Vorwürfe an die Politik und Rücktrittsforderungen an Politiker wird häufiger berichtet, während in den Massenmedien die sachlichen Argumente, welche direkt für oder gegen den Bahnhofsumbau sprechen (z.B. Kostenentwicklung, städtebauliche Aspekte, Leistungsfähigkeit der Bahn, ökologische Aspekte, Arbeitsplätze etc.), eher im Vordergrund stehen. Zudem kommen in Wikinews häufiger zivilgesellschaftliche Akteure (z.B. Sprecher von Umweltorganisationen, die sogenannten ‚Parkschützer‘, Demonstranten etc.) zu Wort als in den Massenmedien, wo die Eliten aus Politik und Wirtschaft vergleichsweise einen größeren Artikulationsraum erhalten.

Einzelne Begebenheiten, die in der schnell getakteten und umfassenden Berichterstattung der Massenmedien zum Thema ‚Stuttgart 21‘ als Randnotiz erscheinen, avancieren auf Wikinews bisweilen zum eigentlichen Artikelschwerpunkt und werden hier mit entsprechenden Überschriften besonders hervorgehoben. Dadurch findet eine neue Gewichtung und Perspektivierung statt. Unter dem Titel „Saure Gurken für Stuttgarts Oberbürgermeister Schuster wegen Stuttgart 21“ (18. Okt. 2010) berichtet das Laienportal beispielsweise über eine Aktion des Vereins „Mehr Demokratie”, bei der nach einer Sammlung von 7‘000 Unterschriften unzufriedener Bürger ebenso viele saure Gurken in Gläsern vor dem Stuttgarter Rathaus aufgebaut wurden. Jede saure Gurke stand für den Unmut eines Stuttgarter Bürgers über die empfundene Missachtung seiner politischen Rechte und sollte der Stadtregierung ein Signal sein, endlich einen Volksentscheid über das Bauvorhaben durchzuführen. Von den fünf verglichenen professionellen Online-Zeitungen erwähnt dieses Ereignis bloß die linksgerichtete taz im letzten Absatz eines längeren allgemeinen Artikels über den Bürgerprotest in Stuttgart.

Auf ähnliche Weise wird auch eine weitere massenmediale Randnotiz zur Hauptnachricht auf Wikinews. Während der sogenannten Schlichtungsgespräche zu ‚Stuttgart 21‘ befindet sich Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus auf einer kurzen Dienstreise nach Saudi-Arabien und Katar. Unter der Überschrift „Konziliantes aus der Ferne“ (11. Okt. 2010) berichtet süddeutsche.de, wie Mappus von der Arabischen Halbinsel mitteilt, Veränderungen an der Architektur des geplanten Bahnhofs seien für ihn durchaus verhandelbar. Wikinews berichtet unter Verweis auf die Pforzheimer Zeitung sowie das Magazin Telepolis ebenfalls über das Einlenken von Mappus, stellt allerdings eine andere Aussage in den Mittelpunkt. Unter der Überschrift „Mappus in der Kritik wegen Lobs für Saudi-Arabien“ wird beschrieben, wie der Magistrat seinen Gastgebern gegenüber Bewunderung darüber zum Ausdruck bringt, mit welcher Schnelligkeit sie große Bauprojekte realisieren. Im selben Artikel weist Wikinews darauf hin, dass es sich bei Saudi-Arabien und Katar um Diktaturen handle, denen die Meinung ihrer Bürger nichts wert sei.

Beispiele wie diese verdeutlichen, dass Wikinews insbesondere durch seine existenzielle Abhängigkeit von der massenmedialen Berichterstattung keine ernsthafte Konkurrenz für den professionellen Journalismus darstellt, jedoch aufgrund einer abweichenden Gewichtung bestimmter Themenbereiche, sachlicher Aspekte sowie zitierter Quellen als publizistische Ergänzung betrachtet werden kann.

Bildquelle: WebTreatsETC  / deviantART

Der Beitrag ist Teil einer dreiteiligen EJO-Serie über den Bürgerjournalismus. In den nächsten beiden Wochen lesen Sie, unter welchen Bedingungen er sich etablieren kann, woran er scheitern kann und wie professionelle Journalisten die zunehmende Konkurrenz im Netz sehen.

 

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