Das Leben in der Blase

19. August 2015 • Digitales • von

Der Anteil der Mediennutzer, die sich mit Nachrichten direkt in sozialen Netzwerken versorgen, wächst sprunghaft: Bei Facebook und Twitter sind es inzwischen jeweils 63 Prozent der Amerikaner. Das vermeldet ein Forscherteam um Michael Bartel in einer neuen Studie des Pew Research Center. Vor zwei Jahren waren es bei Facebook noch „nur“ 47 Prozent und bei Twitter 52 Prozent.

Wer Nachrichten primär über soziale Netzwerke bezieht, ist in eine sogenannte „Filter Bubble“.

Wer Nachrichten primär über soziale Netzwerke bezieht, ist in eine sogenannte „Filter Bubble“.

Eine andere tragende Säule des Nachrichtengeschäfts bleibt Google – und zwar nicht bloß als Suchmaschine, sondern mit Google News auch zunehmend als Nachrichtenanbieter. Große Medienkonzerne haben jüngst auf diese Trends reagiert, indem sie Facebook direkt Content liefern und sich mit Google zur „Digital News Initiative“ zusammengeschlossen haben. Handelt es sich dabei um einen Teufelspakt? Es ist zu früh, um darauf eine definitive Antwort zu geben, aber die Sorgenfältchen, die dank solcher Allianzen sich in die Gesichter professioneller Bedenkenträger eingraben, lassen letztere über Nacht noch ein paar Jahre älter aussehen. Jedenfalls besteht akute Gefahr, dass die einstmals großen und halbwegs „unabhängigen“ Dinosaurier-Verlagshäuser endgültig in die Arme und damit in den Würgegriff der „Teenage Giants“ (so nennt die Zürcher Medienforscherin Natascha Just Amazon, Facebook, Google & Co) geraten.

Filter Bubble

Was wir indes bereits wissen: All diejenigen, die Nachrichten primär über soziale Netzwerke beziehen, spinnen sich in einen Kokon ein – in eine sogenannte „Filter Bubble“ (Eli Pariser). Andere Nutzer, zum Beispiel Facebook-„Freunde“, und Algorithmen entscheiden dann darüber, welche Ausschnitte aus der Wirklichkeit sie erfahren. Über kurz oder lang wird das auch beeinflussen, welche Medien überhaupt noch vom breiten Publikum wahrgenommen werden, und vor allem, wie sie wahrgenommen werden.

Auch dazu gibt es vom Pew Research Center spannende neue Erkenntnisse. Ein Forscherteam um Amy Mitchell hat sich damit befasst, wie es um die Glaubwürdigkeit bekannter US-Medienmarken bestellt ist. Gemessen wurde sie in drei Altersgruppen, den „Millenials“ (18-33 Jahre), der „Generation X“ (34-49 Jahre) und den „Baby Boomers“ (über 50 Jahre). Überraschend ist zunächst, dass das Glaubwürdigkeits-Level über die Generationen hinweg in etwa gleich ist. Weit weniger überrascht dagegen, wie niedrig es inzwischen ist.

Google News genießt Vertrauen

Unter den Medien, die über die drei Generationen hinweg „mehr Vertrauen als Misstrauen“ genießen, finden sich neben vertrauten Namen (u.a. New York Times, Washington Post, die TV-Anbieter ABC, CBS, NBC, CNN und BBC) inzwischen auch Google News.

Allein schon, dass die Forschungsfrage so formuliert werden musste, ob die Befragten einem Medium mehr ver- oder misstrauen, deutet auf die historischen Tiefstwerte hin, die nach einem jahrzehntelangen Erosionsprozess inzwischen in puncto journalistischer Glaubwürdigkeit erreicht sind – leider nicht nur jenseits des Atlantik.

Es brennt

Doch wie kann es sein, dass ausgerechnet ein Berufsstand, der davon lebt, dass er seine Antennen weit ausfährt und jeden Trend aufspürt und aufbauscht, die Warnsignale so lange überhören konnte? Dass es im eigenen Haus brennt, wollen ja auch jetzt Viele noch nicht so richtig wahrhaben, obschon im Netz längst Shitstorms gegen die Mainstream-Medien toben und „draußen“ auf der Straße nicht nur Pegida-Anhänger „Lügenpresse“ skandieren.
Erklärbar ist solch kollektives „Kopf in den Sand-Stecken“ wohl nur mit Hilfe der Sozialpsychologie und Verhaltensökonomie: Man bewegt sich eben auch selbst in einer „Filter Bubble“ – auch, weil die Redaktionen so wenig über Medien berichten und weil viele Journalisten weiterhin ihre Vorurteile gegen Elfenbeinturm-Wissenschaftler pflegen. Medienforscher nennen das seit Jahrzehnten „Kollegenorientierung“. So viel Milde, solch ein Euphemismus ist indes ebenfalls merkwürdig. Denn viele Journalisten, Chefredakteure und Medienmanager inklusive, folgen ziemlich blindlings ihrem irrationalem Herdentrieb und sind längst „Victims of Groupthink“, Gefangene ihrer Ingroup, geworden.

Es wird schwer sein, verspielte Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Dass der Tages-Anzeiger demnächst wieder eine Medienseite einrichten wird, ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Aber auch da sollten wir keine Illusionen hegen. Medienjournalisten, die im Konzernverbund agieren müssen, haben es doppelt und dreifach schwer, die Publika (und ihre eigenen Kollegen) über blinde Flecken in der Selbstwahrnehmung aufzuklären.

Eine leicht gekürzte Version ist im SCHWEIZER JOURNALIST #08-09/2015 erschienen.

Quellen/Lesetipps:

Michael Bartel et al. (2015): The Evolving Role of News on Twitter and Facebook, Pew Research Center

http://www.journalism.org/2015/07/14/the-evolving-role-of-news-on-twitter-and-facebook/

 

Amy Mitchell et al. (2015): Millennials No Less Trusting (or Distrusting) of News

Sources, Pew Research Center

http://www.journalism.org/2015/07/14/the-evolving-role-of-news-on-twitter-and-facebook/

 

Eli Pariser (2011): The Filter Bubble. What the Internet is Hiding from You, New York: Penguin Press

 

Bildquelle: Jeff Kubina/flickr.com

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