Deepr: Wenn Leser Journalisten beauftragen

4. Dezember 2014 • Digitales • von

In der digital story „As the Children Wait” begleiten Journalisten obdachlose Jungen, die auf den Straßen von St. Louis im Senegal leben. Als Teil einer ausführlichen Multimedia-Präsentation fängt das Videomaterial die Jungen dabei ein, wie sie tagsüber betteln und nachts auf Pappkartons schlafen. Glossare, Fotos und Videos, die in den Text eingebettet sind, liefern Hintergrundinformationen, Analysen und Kontext. Was diese Reportage von anderen unterscheidet: Thema und Inhalt wurden von den Lesern selbst ausgewählt.

Bei der Ersterscheinung der Reportage auf godeepr.com war sie nur für die Leser sichtbar, die im Vorfeld bezahlt hatten. Deepr ist ein Journalismus Start-up aus Berlin, das seine Leser dazu aufruft, über Multimedia-Pakete abzustimmen – und für sie zu zahlen – noch bevor sie in Auftrag gegeben werden. Die Abstimmenden können dabei auch den Inhalt gestalten. Long-Form Features – von deepr als „eine beeindruckende digitale Leseerfahrung“ beschrieben – umfassen hochwertige Video- und Audio-Ausschnitte, Bilderstrecken und Zeitstrahle.

„Deeps“ können für einen Euro erworben werden

Wenn ein sogenannter „deep“, also eine Geschichte, fertig ist, erhalten die Kunden einen individuellen Link, der mit bis zu drei weiteren Personen geteilt werden kann. Nach der Veröffentlichung können diese „deeps“ für einen Euro auch von anderen Lesern erworben werden. Zurzeit gibt es 114 zahlende Leser und einen Newsletter mit mehr als 200 Abonnenten.

Deepr wurde im Januar dieses Jahres von vier Deutschen gestartet, die einen Hintergrund in Programmierung, Wirtschaft, Design und Recht haben. Sie sehnten sich nach gut geschriebenen, web-affinen Inhalten, die sie ihrer Meinung nach nicht von traditionellen Medien erhielten. „Es ist eine Stärke, dass wir keine Journalisten sind, weil wir deshalb die Dinge aus der Perspektive der Leser betrachten“, meint einer der Gründer, Armin Eichhorn (28). Er träumte davon, die gleiche faszinierende Qualität in Text und Anschauungsmaterial liefern zu können wie der National Geographic, den er selbst seit vielen Jahren liest.

Die Beziehung zwischen Journalisten und Lesern neu erfinden

Deeprs facettenreiches Multimedia-Konzept mag nicht neu sein. Jedoch strebt die Webseite laut Eichhorn danach, die Beziehung zwischen Journalisten und Lesern neu zu erfinden. „Die Leser sind die Redaktion“, sagt er. Autoren können sich bei deepr bewerben und werden auf der Grundlage ihrer bisherigen Publikationen von Eichhorn nach einem persönlichen Gespräch ausgewählt. Der Großteil des derzeitigen Autoren-Pools besteht aus im Ausland ansässigen deutschen Journalisten, wobei das Interesse internationaler Journalisten aus Ländern wie Brasilien, Italien und den USA wachse, so Eichhorn. Deutsche schreiben in ihrer Muttersprache; anschließend übersetzen sie oder das deepr-Team die Arbeit ins Englische. Die Journalisten schlagen eine Story vor und die Leser stimmen dann über die Idee ab, wobei sie gleichzeitig mindestens einen Euro beisteuern. Erst wenn ein Artikel innerhalb eines festgelegten Zeitraums 300 Euro erreicht hat, erhält er grünes Licht.

Das neueste erfolgreich finanzierte „deep“ beschäftigt sich mit Kokain-Handel in Peru: Laut Eichhorn erhält der Autor – entsprechend der deepr-Richtlinien – einige Wochen Zeit, um daran zu arbeiten und sich auf die Qualität der Story zu konzentrieren.

Das Geschäftsmodell ähnelt dem des Crowdfunders Kickstarter

Ein anderes „deep“ über einen Mann, der seit 20 Jahren mit Tourette-Syndrom lebt, hat nur noch wenige Tage für die Finanzierung. Sollte diese nicht gelingen, wird die Geschichte nicht veröffentlicht und das Geld wird den Geldgebern rückerstattet. Das Geschäftsmodell funktioniert analog dem der amerikanischen Crowdfunding-Webseite Kickstarter, bei der ein Projekt vollständig finanziert werden muss oder niemals realisiert wird. Eichhorn hofft auf hohe Leser-Bindung – Kickstarter-Nutzer stimmten häufig nur für ein oder zwei Projekte ab und kehrten nur spärlich zurück.

„Die alte Medien-Denkweise ist, dass wir uns einbilden zu wissen, was die Öffentlichkeit zu lesen braucht, was sie zu wissen und zu haben braucht“, sagt Frank Eckert, ein freiberuflicher Journalist, der die „deeps“ ehrenamtlich redigiert. „Das ist sehr vage – zu vage. Bei deepr trifft die Öffentlichkeit die Entscheidung und bietet auf Themen, die interessant klingen. Der Inhalt liegt in der Hand derer, die dafür bezahlen.“

Deepr ist nur eine von einer Vielzahl neuer, publikumsfokussierter Webseiten in Deutschland, auf denen zahlende Mitglieder zusätzliche Vorteile genießen. Bei Krautreporter, einer Nachrichten- und Kultur-Webseite, die vor acht Monaten startete, kann jeder Mitglied werden – für fünf Euro im Monat. Alle Mitglieder fungieren als eine Art digitale Vorstandsmitglieder, die über neue Inhalte abstimmen und Kommentare hinterlassen können. Die Mitglieder der neuen investigativen Webseite CORRECT!V erhalten zusätzliche Hintergrundinformationen und kostenlose Bücher und werden zu besonderen Veranstaltungen eingeladen.

Im Gegensatz zu diesen Start-Ups meidet deepr den Status einer Non-Profit Organisation. Die Gründer haben sich gegen eine Unterstützung durch Stiftungen entschieden, da sie befürchteten, sie könnten bei Ende der finanziellen Förderung noch kein nachhaltiges Geschäftsmodell entwickelt haben.

Deepr ist ein „schlankes Start-Up“, aber es wird erwartet, dass die Beteiligung wächst

Das Team, das aus Freiwilligen besteht, hat die Webseite basierend auf dem Konzept eines „schlanken Start-Ups“ aufgebaut: Je weniger Geld dem Team zur Verfügung stehe, desto gründlicher müssten sie über ihr Editorial und ihr Geschäftsmodell nachdenken, erzählt Eichhorn.

„Wir gehen davon aus, dass die durchschnittliche Finanzierung eines „deeps“ mit der Zeit steigt, und dass unsere Transaktionskosten [Anm. d. Autors: im Moment zahlen sie 20% an PayPal] mit der steigenden Anzahl an Transaktionen sinken werden“, sagt Eichhorn.

Deepr passt in eine Zeit, in der Leser ihre Nachrichtenwahl leicht auf der Grundlage ihrer Interessen und Gewohnheiten anpassen können. Während Werbetreibende daraus Profit schlagen, versucht deepr, kommerzielle Inhalte von seinen Produkten fern zu halten. „Wir sehen einfach nicht, wie unabhängiger Qualitätsjournalismus mit Geld in Einklang stehen könnte, das nicht direkt von den Lesern stammt“, heißt es in deeprs detailliertem Leitbild. Ist dieses Modell alleine tragfähig? Eckert wartet einen Moment, bevor er antwortet. „Nichts ist sicher und alles verändert sich“, sagt er, „zunächst die Gewohnheiten der Leser und dann die der Rezipienten.“

 

Übersetzung: Kathrin Gatzen

Bildquelle: godeepr.com Ingrid Hägele and Andrew Oberstadt

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