Bürgerjournalismus ist tot. Es lebe die Kommentarfunktion!

26. März 2014 • Digitales, Qualität & Ethik • von

Von einigen hoch gejubelt, von anderen schon früh todgeweiht: Der unabhängige Bürgerjournalismus in der Schweiz hat einen steinigen Weg hinter sich. Bis heute existiert kaum eine funktionierende Plattform. Die Alternative scheint der partizipative Journalismus zu sein. Allerdings verbannen Medien ihre Leser dabei größtenteils in die Kommentarspalte.

Von Laien generierte Online-Publizistik wie Wikis und Nachrichtenblogs sowie von etablierten Medienunternehmen unabhängige Zeitungen sind an der Schweiz langsam aber sicher vorbeigezogen. Eine Plattform, die auch heute noch bewirtschaftet wird und nach eigenen Angaben rund 1675 „Regioporter“ hat, ist beiuns.ch. Andere Projekte sind meist sang- und klanglos wieder verschwunden. Bereits 2008 wurde die Problematik der geringen Anzahl von Laien-Nachrichtenplattformen in der Schweiz erkannt.

In dem Aufsatz „Die Laien kommen! Wirklich?“ stellten die Kommunikationswissenschaftlerinnen Mirjam Kopp und Philomen Schönhagen von der Universität Fribourg fest, dass man kaum geeignete bürgerjournalistische Webseiten findet, die „vielfältige Themen“ behandeln und zugleich über eine „rege Beteiligung“ verfügen. Der einzige im Text erwähnte bürgerjournalistische Schweizerblog „Citizen Basel“ erfüllte denn auch die von Kopp und Schönhagen erwähnten Kriterien nicht. Der „Offene Kanal von Basel“, wie sich der Blog selbst nannte, ist bereits seit längerem nicht mehr abrufbar.

Wo liegt aber denn nun das Problem, dass der Bürgerjournalismus sich nicht so etablieren konnte wie in anderen Ländern? In Seattle beispielsweise gibt es 54 medienunabhängige Bürgerreporter-Plattformen, deren Berichte von der Seattle Times prominent auf ihrer Webseite verlinkt werden, um so die Einbußen in ihrem eigenen Lokalressort zu beheben und damit aus Laienkonkurrenten Partner zu machen. Stefan Bosshart vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung (IPMZ) der Uni Zürich setzt sich seit mehreren Jahren mit dem Themenfeld Laienjournalismus und Nutzerbeteiligung auseinander.

Für ihn ist die geografische Reichweite mit ein Grund für den Misserfolg von Bürgerjournalismus in der Schweiz: „Die Schweiz ist zum einen viel kleiner als die USA und zerfällt zusätzlich in vier Sprachregionen. Umso schwerer ist es hierzulande, genügend traffic auf Laien-Webseiten zu erzeugen. So kann auch kaum Werbung geschaltet werden, um daraus die für den Betrieb nötigen Einnahmen zu generieren.“ Bürgerjournalismus funktioniere nur, wenn Bedarf bestehe. Auch das Paradebeispiel der südkoreanischen Nachrichtenplattform OhmyNews lässt sich laut Bosshart nicht auf die Schweiz übertragen: „Zur Entstehung von OhmyNews hat die in Südkorea einseitige Medienlandschaft massgeblich beigetragen. Der Gründer und linksliberale Journalist Oh Yeon Ho wollte etwas gegen die rechtskonservative Mainstream-Berichterstattung unternehmen und glaubte, dies über ein Bürgermedium zu erreichen. In der Schweiz besteht aber bereits eine vergleichsweise vielfältige Medienlandschaft.“

Nach wissenschaftlicher Definition ist OhmyNews aber nicht mehr im Bereich des Bürgerjournalismus anzusiedeln, sondern im sogenannten partizipativen Journalismus, bei dem sowohl Laien als auch Profis am Endprodukt beteiligt sind. Denn sämtliche von Laien produzierte Berichte werden von professionellen Journalisten redigiert und auf Augenhöhe mit dem redaktionellen Inhalt publiziert. Ähnliche Formate wie OhmyNews existierten in der Schweiz bisher nicht. Nur annähernd vergleichbar, aber um einiges rudimentärer ist hierzulande das Portal „Meine Gemeinde“ der Aargauer Zeitung. Dort sucht man jedoch vergeblich nach investigativen Nachrichtenperlen aus Wirtschaft und Politik von Laienjournalisten. Vielmehr geht es auf dieser Plattform darum, dass auf der Leser über Ereignisse aus ihrer eigenen Gemeinde berichten. Ausgewählte Artikel werden auch in der Print-Ausgabe der Aargauer Zeitung publiziert. Journalistische Grundprinzipien wie Objektivität und Relevanz scheinen hier wenig Beachtung zu finden.  Trotzdem ist die Aargauer Zeitung mit dieser Form des partizipativen Journalismus einer der wenigen Akteure in der Schweizer Medienlandschaft.

Etabliert haben sich aber bisher andere Arten und Formen, um die Leser inhaltlich einzubinden. Zum einen haben die Rezipienten durch Einsenden von Fotos und Videos die Möglichkeit als sogenannte Leserreporter aktiv zu werden. Große wie kleine Medienhäuser profitieren gerne von diesen günstigen, meist sogar kostenlosen Ergänzungen zur eigenen redaktionellen Berichterstattung. Zum anderen entwickelt sich die allgegenwärtige Kommentarfunktion zur Austauschplattform von Sichtweisen und Meinungen weiter. Der Ressortleiter ‚Social Media und Leserforum‘ vom Tages-Anzeiger Christian Lüscher sieht darin Potential: „Kommentare sind längst nicht mehr nur noch Meinungsäußerungen. Es gibt viele Debatten, die dort entstehen und uns als Redaktion einen Mehrwert bieten können.“

Diese eigene Dynamik der Kommentarfunktion habe man bei diversen Ereignissen beobachten können: „Wenn es um die Atomenergie-Diskussion geht, klinken sich plötzlich viele Experten ein, so erhalten wir neue Inputs und Ideen für eine Weiterentwicklung des Themas“, sagt Lüscher. Negative Dynamiken gebe es durchaus auch. Der Lampedusa-Fall, der auf der Website des Tages-Anzeiger eine Welle von rassistischen Meinungsäußerungen auslöste, hat die Redaktion zum Handeln gezwungen: „Wir wollen weg von dieser Bierhallenstimmung und Leserbeiträge auf einem höheren Qualitätsniveau“, erklärt Lüscher. Seit dem 25. März ergänzt der Tages-Anzeiger in seiner Print-Ausgabe die Leserbrief-Rubrik mit Zitaten aus Twitter, Facebook und Kommentaren auf der eigenen Webseite. Auch die Kommentarmöglichkeiten auf der Online-Plattform der Zeitung sollen zu einem späteren Zeitpunkt erweitert werden: Den Lesern werden dann 800 statt 400 Zeichen für ihre Kommentare zur Verfügung stehen. Außerdem wird das sechsköpfige Social-Media- und Leserforum-Team die Kommentare moderieren und einzelne Kommentare mit Mehrwert redaktionell hervorheben. Neben dem Reiter „Die beliebtesten Kommentare” wird es dann auch den Reiter „Ausgewählt von der Redaktion” geben.

Der Leser soll anscheinend aber auf keinen Fall die Rolle des Journalisten einnehmen. Fürchten sich die Journalisten gar vor dem Schreibpotential der Bürger? „Ich meine, jede Zeitung hat ein paar Idioten als Leser, aber müssen sie die auch noch schreiben lassen?“, wurde Verleger Michael Ringier in der Oktoberausgabe des Schweizer Journalist zitiert. Auch die Redaktion des Tages-Anzeiger will die Leserschaft keine Artikel gestalten lassen: „Auch in Zukunft wird die Aufbereitung journalistischer Texte ausschließlich von den Journalisten selbst gemacht“, sagt Lüscher. Angst vor der eigenen Kundschaft sei nicht der Grund, eher der Mangel an journalistischen Kenntnissen der Leser. Stefan Bosshart vom IPMZ begründet diese Zurückhaltung der Medien wie folgt: „Auch in Zukunft und trotz aller Interaktionseuphorie wird gelten: Content is king. Deshalb muss man sich genau überlegen, welche und wie viel Leserbeteiligung für das eigene Medienangebot einen Nutzen stiftet.“

So lässt sich feststellen: In der Schweiz gibt es momentan keine Form von Bürgerjournalismus, der man in der publizistischen Landschaft eine größere Relevanz oder Bedeutung zuschreiben könnte. Zudem wollen nur vereinzelte Medien den Lesern überhaupt Raum bieten für eine eigene Berichterstattung. Christian Lüscher vom Tages-Anzeiger vermutet, daß die Redaktionen Qualitätseinbußen und zu wenig Resonanz in der Bevölkerung befürchten. Wenn es nach den Redaktionen geht, sollen die Leser bei einem aber unbedingt mitmachen: Sie sollen ‚liken‘ und ‚sharen‘, um die Reichweite eines Mediums zu erhöhen. Sobald sie aber Einfluss auf den redaktionellen Teil nehmen wollen, bleibt ihnen nur die Kommentarfunktion. Offen bleibt, ob die Leser denn überhaupt mehr Einfluss haben und vom Rezipienten zum Produzenten werden wollen.

Bildquelle: geralt / Pixabay

Der Beitrag ist Teil einer dreiteiligen EJO-Serie über den Bürgerjournalismus. In der nächsten Woche lesen Sie, wie professionelle Journalisten die zunehmende Konkurrenz im Netz sehen.

Zum Thema:

Wikinews: Komplementarität statt Konkurrenz

 

 

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