Der laufende Fisch – Medien können noch viel lernen

22. Mai 2013 • Digitales • von

Wie man dem Fisch das Laufen beibringt, erklärte der kanadische Technologie-Journalist Mathew Ingram Ende April auf dem internationalen Journalismus-Festival im italienischen Perugia. Der Fisch steht hierbei für die alten traditionellen Medien, die seiner Ansicht nach noch viel von den neuen digitalen lernen können.

In seinem Eröffnungsvortrag führte Ingram fünf Merkmale auf: 1) Offen sein, das heißt: Partizipativen und transparenten Journalismus praktizieren. 2) Anderen Anerkennung zollen, das heißt: Immer die Quellen nennen. 3) Menschlich sein, das heißt: Die Lücke zwischen Journalist und Leser schließen. 4) Akzeptieren, dass Nachrichten ein Prozess und kein Produkt sind. 5) Fokussiert sein, das heißt: Den Leser direkter leiten.

Das EJO hat mit Mathew Ingram nach seinem Vortrag in Perugia gesprochen.

EJO: Herr Ingram, Sie haben fünf Dinge genannt, die Medien und Journalisten beherzigen sollten. Eines davon ist „menschlich sein”. Was genau meinen Sie damit?

Mathew Ingram: Unter ‚menschlich sein‘ verstehe ich beispielsweise Fehler zuzugeben. Wenn Journalisten einen Fehler gemacht haben, sollen sie gestehen, dass sie nicht perfekt sind.  Man sollte auch von keinem Journalisten erwarten, dass er immer objektiv ist. Jay Rosen hat das „the view from nowhere“ (der Standpunkt aus dem Nirgendwo) genannt; die Ansicht, dass Journalisten immer penibel objektiv sein müssen.

Ich denke, dass Journalisten in vielen Fällen ihren Lesern einen besseren Service bieten, wenn sie nicht immer objektiv sind und auch mal ihre Sicht der Dinge mitteilen. Wenn ein Journalist sich den Lesern gegenüber menschlich verhält, entsteht eine viel persönlichere Bindung, die den Journalismus stärken kann.

Werden die engen Beziehungen zwischen Leser und Journalist auch weiterbestehen, wenn mehr und mehr Nachrichtenwebsites eine Bezahlschranke einführen?

Das ist eine gute Frage. Vor kurzem habe ich ein längeres Gespräch mit Alan Rusbridger vom Guardian geführt und ihn genau das gefragt. Er meinte, dass Spannungen nicht ausblieben, wenn man auf der einen Seite die Leser dazu bewegen möchte, sich am Journalismus zu beteiligen, die Redaktion sich also gegenüber den Lesern öffnet, und auf der anderen Seite eine Paywall auf der Website zu haben, die das eigentlich verhindert.

Kostenlose Nachrichtenwebsites werden immer mehr Leser anziehen als kostenpflichtige Angebote. Wer eine größtmögliche Leserschaft für seinen Journalismus und die größtmögliche Publikumsbeteiligung erzielen möchte, sollte sein Angebot deshalb nicht kostenpflichtig machen, so wie die BBC oder das National Public Radio. Das sind allerdings öffentlich-rechtliche Medien; für Unternehmen, die wirtschaftliche Gewinnziele haben, ist es schwieriger, auf die Erlöse der Paywall zu verzichten. Meiner Meinung nach gibt es keine klare Antwort auf Ihre Frage.

Während des Übergangs von Print zu Online wurden Redakteure mit einem großen Problem konfrontiert: Sie verstanden das Potential der digitalen Medien nicht oder haben es nicht voll ausgeschöpft. Haben Sie dazu gelernt?

Ich glaube schon, dass inzwischen ein größeres Interesse an digitalen Medien herrscht. Viele Medienunternehmen erkunden neue Möglichkeiten online, da sie sonst ihre Geschäfte aufgeben müssten. Sie müssen online neue Leser erreichen und sie davon überzeugen, sie in irgendeiner Art und Weise zu unterstützen, und sie müssen auch neue Werbequellen erschließen.

Ich möchte mir gerne einreden, dass die Paywall bei Medienunternehmen Teil einer größeren Strategie ist und sie sich nicht hinter ihr verstecken wollen. Es reicht nämlich nicht, eine Paywall zu errichten und dann weiterhin so zu arbeiten wie vorher. Das mag für die New York Times funktionieren, aber das heißt nicht, dass es auch für andere Medien funktioniert. Medien müssen verstehen, dass eine Paywall zwar die Einnahmen, aber nicht die Zahl der Leser erhöhen kann. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Journalisten noch kreativer werden.

In Ihrem Interview mit Alan Rusbridger für Paidcontent live hat er gesagt, dass es zwecklos sei, Bezahlschranken einzuführen, wenn BBC News, AOL oder SkyNews weiterhin kostenlose Informationen für die Leser bereithalten…

Ich glaube, dass Online-Nachrichtenangebote von der BBC, vom National Public Radio und von vielen anderen immer kostenlos bleiben werden. Das heißt, jedes Medium, das sich dazu entschließt, Nachrichten gegen Bezahlung anzubieten, wird gegen sie antreten müssen, indem es bessere Inhalte anbietet. Das ist meiner Ansicht nach auch der Grund, warum der Guardian, die Daily Mail und andere Zeitungen sich gegen die Paywall entschieden haben: Medienunternehmen wie die BBC sind riesig und haben tausende Journalisten, mit denen andere Medien nur schwer mithalten können.

Native Werbung scheint eine neue wichtige Einkommensquelle für Medien zu sein. Bringt sie Probleme für den Journalismus mit sich?

Damit native Werbung effektiv und auch ethisch korrekt ist, muss volle Transparenz gewährleistet sein. Wenn man versucht, Werbung als redaktionelle Inhalte zu verkaufen, merken die Leser das und verlieren ihr Vertrauen in das Medium. Und sobald Leser ihr Vertrauen verloren haben, werden sie nicht mehr zu der Website zurückkehren, egal ob die Inhalte etwas kosten oder nicht. Ich glaube, dass auch in Werbung ein hohes Informationspotential steckt, und solange die Informationen für die Leser nützlich sind, schadet sie keinem. Es muss eben nur deutlich gekennzeichnet werden, dass die Inhalte von einer Firma und nicht von der Redaktion stammen.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Medien in Europa: Tun sie genug, um ein zukunftsfähiges ökonomisches Modell zu entwickeln, oder hinken sie der aktuellen Entwicklung hinterher?

Ehrlich gesagt habe ich mich noch nicht eingehend mit der Situation in Europa beschäftigt, aber ich habe den Eindruck, dass sie der Entwicklung hinterherhinken. Vor nicht allzu langer Zeit sagte man zum Beispiel, dass es den Zeitungen in Deutschland gut ginge – momentan sieht die Lage anders aus. Ich denke, dass viele Länder wie Deutschland aufgrund der Sprachbarriere vom globalen Markt abgeschnitten sind. Dort gibt es auch weniger Zeitungen, die mit anderen englischsprachigen Medien weltweit konkurrieren müssen, als zum Beispiel in den USA.

Ich würde sagen, dass Sprachbarrieren zwar kurzzeitig solche Länder wie Deutschland von der weltweiten Konkurrenz abgeschirmt haben, langfristig die Sache aber anders aussieht. Inzwischen sind nämlich alle Länder vom weltweiten Wettbewerb betroffen und diejenigen, die sich nicht schon vor fünf Jahren den Entwicklungen geöffnet haben, sind jetzt in Schwierigkeiten, weil sie unzeitgemäß sind.

Übersetzt aus dem Englischen von Tina Bettels

Walking Fish. A Talk with Mathew Ingram

Bildquelle: Alessio Jacona

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