Hass im Netz – Die Macht der Onlinekommentare

16. Dezember 2015 • Digitales, Qualität & Ethik • von

Zeit Online und Faz.de zensieren sie, Bild.de filtert sie mittels eines Algorithmus heraus. Seit kurzem sieht sich auch Facebook gezwungen, gegen sie vorzugehen. Die Rede ist von Hasskommentaren.

TastaturFakt ist: Immer mehr Menschen äußern sich auf sozialen Netzwerken und auf Nachrichtenseiten auf polemische und respektlose Art und Weise. Mit der Frage, wie sich solche Kommentare im Rahmen der aktuellen Flüchtlingsdebatte auf Einstellungen und Emotionen der Leser auswirken, hat sich Carlotta Nardi in ihrer Bachelorarbeit beschäftigt.

Das demokratische Potenzial von Online-Leserkommentaren ist groß, stellen sie doch eine Form der öffentlichen Partizipation dar. Sie sind eine neue Art der vox populi, also der Stimme des Volkes. Jedoch sind die online publizierten Meinungen häufig von unsachlicher oder beleidigender Sprache gekennzeichnet. In vielen Fällen kommt es zu keiner ernsthaften Auseinandersetzung sondern zu unsachlichen und emotionalen Debatten – mit negativen Folgen für die Beteiligten.

In bisherigen Studien wurde dieses in der Wissenschaft als inzivil betiteltes Verhalten mehrheitlich in der face-to-face Kommunikation untersucht. Carlotta Nardi hat nun erstmalig die Auswirkungen von Inzivilität in Online-Kommentaren für den Leser der Kommentare erforscht. Dabei zeigt sich, dass ein respektloser Umgangston in der Kommentarspalte schädlich für einen offenen Meinungsaustausch im Netz ist. Jedoch kommt es auch darauf an, ob der gelesene Kommentar der eigenen Meinung entspricht oder nicht. Denn je nachdem ob der Leser dem Kommentar zustimmt oder ihn ablehnt, kann ein unsachlicher Umgangston auch förderlich für die Debatte sein.

Rund 430 Personen nahmen an dem hierfür durchgeführten Online-Experiment teil. Sie bekamen zunächst einen Online-Artikel zum Thema Flüchtlingspolitik zu lesen. Daraufhin wurde jedem Versuchsteilnehmer eine aus vier möglichen Leserkommentarversionen gezeigt. Die Kommentarversionen unterschieden sich dabei zum einen in Bezug auf die Ausdrucksweise. Zum anderen unterschieden sie sich inhaltlich: Die Kommentare sprachen sich entweder für die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland aus oder dagegen. Am Anfang der Befragung wurde zudem die eigene Einstellung zum Thema abgefragt. So gab es Personen, die Kommentare gelesen hatten, welche der eigenen Meinung entsprachen und Personen, die Kommentare gelesen hatten, welche sich gegen die eigene Einstellung zum Thema Flüchtlinge richteten.

Respektlosigkeit schadet der Debatte

Die Ergebnisse machen deutlich: Ein respektloser, unsachlicher, sprich inziviler Tonfall in Leserkommentaren hat einen negativen Einfluss auf den Leser. Vor allem dann, wenn es sich dabei um Kommentare handelt, die nicht der eigenen Meinung entsprechen. Am eindeutigsten zeigt sich die Auswirkung solcher inziviler Meinungsäußerungen auf die Emotionen des Lesers. Sowohl beim Lesen von meinungskonformen als auch von meinungsdissonanten Kommentaren führen Respektlosigkeit und Unsachlichkeit zur Bildung negativer Emotionen wie Wut, Entrüstung und Ablehnung.

Ebenso zeigt sich, dass eine inzivile Meinungsäußerung dazu führt, dass sich der Leser gegenüber dem gegnerischen Standpunkt verschließt. Das bedeutet, dass der Leser die gegnerischen Argumente ablehnt, wenn diese in einer beleidigenden oder abschätzigen Sprache formuliert sind. Betrachtet man die Folgen für die (Flüchtlings-)Debatte allgemein, so kann dies möglicherweise zu verstärkt polarisierenden und auseinandergleitenden Sichtweisen führen. Wenn der generische Standpunkt in einem Kommentar hingegen in ziviler Art und Weise, das heißt respektvoll und sachlich, hervorgebracht wird, reagiert der Leser mit einer aufgeschlossenen Haltung gegenüber dem anderen Standpunkt. Er kann sich vorstellen, mit Vertretern der gegnerischen Seite über die Thematik zu diskutieren und ist dazu bereit, deren Argumente anzuerkennen.

Der Fokus der Studie lag jedoch nicht nur auf dem Einfluss einer inzivilen Ausdrucksweise auf die Einstellung gegenüber der gegnerischen Seite in einer Debatte, sondern auch auf der Frage, inwiefern Inzivilität die Wahrnehmung der eigenen Meinung beeinflusst. Dabei zeigte sich, dass der Leser sich in seiner eigenen Meinung bestärkt und sicher fühlt, wenn der gegnerische Kommentar in inziviler Form geschrieben ist. Enthält der Kommentar beispielweise eine Beleidigung und richtet sich eindeutig gegen die Meinung des Lesers, fühlt er sich angegriffen und ist folglich nicht dazu bereit, sich auf die gegnerische Argumentation einzulassen. Stattdessen beharrt er auf seinem eigenen Standpunkt und fühlt sich darin bestätigt. Enthält der gegnerische Kommentar hingegen einen höflichen Umgangston, so ist der Leser eher dazu bereit, sich mit der Gegenseite auseinanderzusetzen. In diesem Fall, so lässt sich vermuten, wird die eigene Perspektive in Frage gestellt und kritisch hinterfragt.

Gleichzeit kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass Kommentare, die der Meinung des Lesers entsprechen, jedoch in unsachlicher Form verfasst sind, ebenfalls zu einer solchen Verunsicherung führen können. Äußert sich ein Anhänger der eigenen Meinung in einem Kommentar somit auf inzivile Art und Weise, indem er beispielweise die gegnerische Seite der Debatte beschimpft, so kann dies dazu führen, dass nicht, wie intendiert, die Gegenseite negativ wahrgenommen wird, sondern die eigene.

Insgesamt zeigt sich: Die Art und Weise der Meinungsäußerung in Online-Leserkommentaren hat einen erheblichen Einfluss auf die Einstellungen und Emotionen des Lesers. Die inhaltliche Übereinstimmung des Kommentars mit der eigenen Meinung spielt dabei ebenso eine entscheidende Rolle, wie die gewählte Ausdrucksweise. Die Untersuchung zeigt auch, dass eine inzivile Ausdrucksweise nicht ausschließlich negative Folgen für eine Debatte zwischen Vertretern unterschiedlicher Standpunkte hat, sondern auch dazu führen kann, den eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen.

Herausforderung für Facebook und Co.

Es drängt sich die Frage auf, inwiefern ein respektvoller Umgangston im Internet eine zu erfüllende Voraussetzung für eine fruchtbare Debatte ist. Genau vor diesem Problem steht gerade auch Facebook. Mit der Task Force, einem Verbund aus Unternehmen und NGOs, will das soziale Netzwerk nun gegen den Hass im Netz vorgehen. Auch die Politik hat sich dem Thema angenommen und fordert striktere Regulierungen.

Wie mit der wachsenden Polemik im Netz generell umzugehen ist, bleibt bislang ungeklärt. Sollte die Kommentarfunktion ganz abgeschafft werden, wie etwa bei Süddeutsche.de, oder bedarf es „nur“ einer stärkeren Moderation der Kommentare – die Strategie von Welt.de? Die richtige Lösung im Spannungsfeld zwischen Zensur und Meinungsfreiheit ist noch nicht gefunden.

Bildquelle: ilouque / Flickr CC

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  • Hans

    Polemik, Diffamieren und Belehrungsgehabe kommt leider oft von Journalisten. Über wichtige Dinge wird kaum aufgeklärt (TTIP) oder relativiert und verharmlost, Menschen und Politiker werden kampagnenartig dämonisiert. Die Leserschaft sogar offen angefeindet weil sie anderer Meinung( Ukraine,Syrien) ist. Die Wut ist da die logische Reaktion. Vielleicht sollten sich Journalisten endlich mal offen stellen, auch die Miedgliedschaft in Lobbynetzwerken und Thinktanks kann Objektivität ja nur abträglich sein und zu massivem Vertrauensverlust führen. Ist das denn so schwer nachvollziehbar?

  • Grmph

    “Polemik, Diffamieren und Belehrungsgehabe kommt leider oft von Journalisten.”, wie uns Hans polemisch und diffamierend belehrte.

    Danke dafür, Sie sind einer der Menschen, die imemr wieder alle Vorurteile bestätigen.

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