Die Schule als „PokeSpot“: Medien als Kreativwerkzeug

19. September 2016 • Digitales, Qualität & Ethik • von

Die Ferien mit Pokemon jagen, Olympia in Fernsehen und Zeitung verfolgen und Shaun-das-Schaf-Youtube-Sessions sind vorbei, Handy und Tablet müssen nun wieder in der Schublade verschwinden, zum Zeitunglesen bleibt morgens auch keine Zeit. Doch warum spielen traditionelle und auch neue Medien in den Schulen, insbesondere in der Volksschule, auch im Jahr 2016 zumeist keine Rolle?

pokemon-1553995_1280Fernsehen und Videospiele sind aus einer (vermeintlich) „pädagogischen Brille“ heute noch immer gebrandmarkt als die „Seuchen“ der modernen Gesellschaft, die die Kinder aggressiv oder lethargisch, gewaltbereit aber auch gelangweilt und abgestumpft werden lassen. In Zeitungen stehen ohnehin nur Horrorgeschichten, das Radio bespielt die Kinder auf dem chauffierten Weg in die Schule, und dann ist da noch das Internet, dieses große, unheilvolle aber auch unheimliche Netzwerk aus Informationen aber auch Personen, die nicht immer nur Gutes im Sinne haben. Ängste vor Mobbing, Pornografie und entsprechenden  „Kinderfängern“ sind berechtigt, dies zeigen nicht nur aktuelle Fälle.

Von einer anderen Perspektive aus betrachtet, sind aber gerade die modernen Medien „Werkzeuge“, die helfen, zu lernen und „Werke zu vollbringen“, so der Neurowissenschaftler Gerald Hüther. Wenn man die Medien derartig versteht, so Hüther in einem aktuellen Interview, dann verlieren die Medien ihre Verführungskraft bzw. eben diese Wirkung. Heute, im Jahr der Pokemonjäger, haben 60 Prozent aller Kinder Zugang zum Internet und nutzen es vor allem für die Informationssuche und um Videos auf YouTube zu schauen. Zwei Problembaustellen lassen sich identifizieren, die dem Einsatz der Medien als „Werkzeug“, um etwas im Hüther’schen Sinne zu „schaffen“, im Wege stehen:

Erstens: Auf der einen Seite dominiert die Angst oder sagen wir, der Respekt vor der Unberechenbarkeit gerade „neuer“ Medien. Eltern suchen nach Hilfe zum „safer surfen“; und in der Schule sollte es lieber nicht zu digital zugehen. Wie beruhigend, wenn die Schule zum „analogen Idyll“ wird und das Handy dort sogar verboten ist. Dies ist allerdings eine etwas „romantische Vorstellung von einem Ort des Lernens“.

Zweitens: Auf der anderen Seite fehlen konkrete Richtlinien, quasi Bedienungsanleitungen für Lehrer und Schüler, fehlt ein „Link“ zwischen Schule und Medien. Die Formulierung aus dem bestehenden Volksschullehrplan, einen kindgerechten Umgang mit modernen Kommunikations- und Informationstechnologien zu ermöglichen, erscheint hier etwas allgemein.

Die Ausgestaltung und der Einsatz von Medien als „Kreativwerkzeug“ liegt also in Lehrerhand. Doch wirklich kompetent können sie das nur, wenn sie entsprechend ausgebildet sind. Ist der Fachbereich Medienpädagogik in der Medien & Kommunikationswissenschaft etabliert, spielen (digitale) Medien in der Lehrerbildung nach wie vor kaum eine Rolle. Solange an den Hochschulen nichts passiert bzw. alles auf dem Prinzip der Freiwilligkeit basiert (bestätigt auch durch die Kultusministerkonferenz in Deutschland), hängt es tatsächlich vom freiwilligen Engagement weniger Lehrkräfte ab, ob Schüler von den digitalen Medien profitieren.

Heute und hier geht mein Appell aber an die Medien und Medienwissenschaftler selber; auch wenn der Wille zur Integration insbesondere neuer Medien bei den Lehrern geweckt wäre und die Politik Leitlinien entwerfen würde, können die Mechaniker, die die Werkzeuge herstellen und benutzen, einen kreativen Einsatz der Medien am besten erklären. Die Notwendigkeit eines stärkeren Wissenstransfers zwischen Medien- und Kommunikationswissenschaften und Pädagogik sowie zwischen Wissenschaft und Medienpraxis zeigen nicht nur die Ergebnisse eines von mir mitgestalteten Projekts zur Einrichtung einer innovativen Volksschule am Technologiestandort Klagenfurt. Des Weiteren lässt sich auf einer Metaebene fordern, vor allem Zeitungen als Bildungsmedien zu verstehen. In diesem Sinne appelliere ich auch an die Medienmacher, erstens mehr Inhalte für Kinder und Jugendliche aufzubereiten (abgesehen davon, dass diese ja die potenziellen Leser von morgen sind…), und zweitens eine stärkere Präsenz der Medien in den Schulen anzustreben – weil spannend ist es ja immer, wenn da die Leute auftauchen, die „was mit Medien machen“.

Erstveröffentlichung: derStandard.at vom 19. September 2016

Bildquelle: pixabay.com

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