Die (Un-)Schuld der Medien

14. Juni 2013 • Digitales, Qualität & Ethik • von

Tagelang waren die Zeitungsseiten im vergangenen Herbst voll von Bildern und Texten, die laut protestierende Menschen portraitierten, viele Nachrichtensendungen machten mit Meldungen von immer neuen Ausschreitungen auf.

Tatsächlich folgten auf die Veröffentlichung des Schmähvideos „The Innocence of Muslims – Die Unschuld der Muslime“ im September 2012 heftige Reaktionen in einigen muslimisch geprägten Ländern. Doch ein aktueller Report des Ethical Journalism Network (EJN), einem durch das Global Editors Network unterstützten Zusammenschluss von Journalistenorganisationen, wirft die Frage auf: Fuhren die Nachrichtenredaktionen das Thema möglicherweise unverhältnismäßig groß?

Schließlich wurden bereits nach wenigen Tagen Chronologien nötig, um den Nachrichtendschungel zu lichten. Das von der UNESCO geförderte EJN hinterfragt in „Innocent Mistakes“ das Handeln der Medien im Zusammenhang mit dem umstrittenen Video. Und beurteilt die Berichterstattung rückblickend als übertrieben und polarisierend.

Medienschaffende aus den USA, Großbritannien, Pakistan und der Türkei haben den Bericht auf der Grundlage von Interviews mit Journalisten und Redakteuren im jeweiligen Land gemeinsam erarbeitet. Sie kommen zu dem Schluss: „Publizistische Fehlentscheidungen könnten in diesem Fall tatsächlich Vorurteile und Missverständnisse zwischen den Kulturen begünstigt haben.“ Die Medien hätten – grenzübergreifend und in seltsamer internationaler Eintracht – mangelnde und falsche Informationen über die Hintergründe des Filmes verbreitet, ebenso wenig die Hintergründe der Proteste hinterfragt und überdies Stimmen verschwiegen, die zu friedlichen Aktionen aufriefen.

Dabei gab es diese Stimmen sehr wohl. Sie überwogen laut dem Report sowohl in Ägypten als auch in anderen muslimisch geprägten Ländern, was angesichts der unglaublich simplen Machart des Filmes rückblickend wenig überrascht. Das Video, das die ersten Proteste am Jahrestag der Anschläge auf das World-Trade-Center in New York am 11. September 2012 auslöste, kann man höchstens als Low-Budget-Produktion bezeichnen. Um einen ernsthaften Angriff auf den Islam darzustellen, war es nach Meinung vieler Beobachter zu schlecht produziert. Es zeigt einen jungen Mann, der mit Gefolge in einer Wüstenlandschaft umherzieht und im Laufe des Filmes frauenfeindliche und menschenverachtende Gewalttaten begeht, begleitet von äußerst platten Dialogen.

Während der Film nach Angaben von Beteiligten zunächst „Wüstenkrieger“ heißen sollte, fügte der Produzent Mark Basseley Youssef nach bisherigem Kenntnisstand nachträglich Passagen ein, die sich explizit auf den Propheten Mohammed und den islamischen Glauben bezogen. In dieser Form, die auch in arabischer Übersetzung ins Internet gelangte, erregte das Video Wut bei etlichen Muslimen in Ägypten, Libyen, Pakistan und vielen anderen Ländern. Im libyschen Benghasi nutzten Terroristen die Aufregung als Deckmantel für einen Anschlag auf die Botschaft der USA, wobei der Botschafter John Christopher Stevens und drei seiner Mitarbeiter getötet wurden.

Auch religiöse und politische Akteure reagierten, das EJN nennt die markantesten Beispiele: Von einigen muslimischen Geistlichen wurden Fatwas gegen die Video-Produzenten ausgesprochen, der pakistanische Eisenbahnminister Ghulam Ahmad Bilour verhängte ein Kopfgeld. Dass die Nachrichtensender und Berichterstatter damals vor allem derartige Extreme thematisierten, kritisieren die Autoren des EJN-Berichts explizit: Die Massenmedien hätten die Stimmung zwischen muslimischen und anderen religiösen Gemeinschaften zusätzlich aufgeheizt – sei es durch bewusste Beschreibungen eines Feindbildes oder fahrlässige Recherche.

Eine solche unterlief etwa Associated Press. Glaubt man EJN, hatte eine Falschmeldung der Agentur und anderer Medien am 12. September verheerende Auswirkungen. Sie berichteten über Hinweise, nach denen der Film von 100 israelischen Investoren finanziert worden sei, die dafür fünf Millionen Dollar aufgewendet hätten. Dies hatte der ägyptische Kopte Mark Basseley Youssef, der sich in der Rolle des Produzenten als amerikanischer Jude mit dem Namen Sam Bacile ausgab, gegenüber AP in einem Interview angedeutet. Auch wenn AP die Meldung zwei Tage später zurückzog und sich für den Fehler entschuldigte, die Information über jüdische Finanzierung für das Hassvideo war im Umlauf und erregte weiteren Unmut unter Muslimen.

Das Netzwerk macht neben diesen generellen Verfehlungen auch spezifische Tendenzen in den Berichten bestimmter nationaler Medien aus. Die US-amerikanischen Medien fielen besonders dadurch auf, dass sie – abgesehen von den Falschmeldungen über den Produzenten – kaum nach den wahren Hintergründen der Video-Produktion oder den Ursachen für die Proteste fragten, sondern sich eher auf die Gewalt fokussierten. Sie beschrieben die Auseinandersetzungen als riesige Ereignisse, an denen sich die große Masse der Menschen in Ländern wie Ägypten beteiligte. Dabei demonstrierten etwa bei einem der ersten Proteste in der 16-Millionen-Einwohner-Stadt Kairo gerade einmal 3.000 Menschen.

Insgesamt gaben US-amerikanische Medien kleinen Randgruppen mit extremen Einstellungen eine große Plattform, sowohl in Berichten aus dem Ausland als auch aus den USA. Vor allem der Rundfunksender CNN stellte die Kopfgeld-Äußerung des pakistanischen Eisenbahn-Ministers, von der sich die Regierungspartei als Ganzes distanzierte, als offizielle Linie dar. Muslimisch-christliche Gemeinschaftsproteste in pakistanischen Städten wie Samundri oder in den Regionen Kashmir und Swat verschwiegen die amerikanischen Medien dagegen größtenteils.

Das Netzwerk der nationalen Radios NPR und die Agentur Bloomberg waren zwei der wenigen positiven Ausnahmen. Während Reporter der NPR die Rolle der Medien als Triebkräfte der Aggression kritisch hinterfragten, lieferte Bloomberg Kontext zu den Ursachen der ausbrechenden Gewalt – namentlich das steigende Misstrauen gegenüber den USA durch deren Drohnenangriffe in der arabischen Welt und im Nahen Osten.

Besonders negativ erscheint rückblickend dagegen die Berichterstattung des Magazins Newsweek. Wie die Organisation Fairness and Accuracy in Reporting (FAIR) beobachtet, goss die Reporterin Ayaan Hirsi Ali ihre generell islamophobe Haltung in Berichte, die mit einigen neuen Infos zu aktuellen Geschehnissen angereichert waren. FAIR macht das an folgendem Zitat fest: „Die muslimischen Frauen und Männer (und ja, es sind viele Frauen unterwegs), welche die Idee unterstützen, der Blasphemie verdächtige Personen zu foltern, sind keine kleine Gruppe. Im Gegenteil, sie repräsentieren den Mainstream des heutigen Islam.“

Unter den für den Report befragten britischen Journalisten beklagten sich einige, durch Online-Leserkommentare und den großen Einfluss der sozialen Medien könnten sie das Niveau der Berichterstattung nur schwerlich aufrecht erhalten. Dies sei auch in dieser Krisensituation, in der etliche Amateur-Videos und Bilder von brutaler Gewalt in den sozialen Medien kursierten, ein Problem gewesen. Guardian-Redakteur Chris Elliot bringt es auf den Punkt: „Es ist schwer über etwas nicht zu berichten, worüber alle reden“. Er bezieht sich damit auf die Flut an Tweets und Facebook-Einträgen zu den Geschehnissen, die erst viel später durch offizielle Quellen zu verifizieren oder falsifizieren waren.

Während sich die Journalisten also auf einem schmalen Grat bewegten, zeigte eine kurz darauf durchgeführte Umfrage im Auftrag des Guardian, dass eine differenzierte und deeskalierende Berichterstattung dringend nötig gewesen wäre: Demnach stimmten 43 Prozent aller Briten (und 39 Prozent der parallel befragten Amerikaner) der Aussage zu: „Es gibt fundamentale Konflikte zwischen dem Westen und muslimisch geprägten Staaten.“ Der Aussage „Muslime und westliche Gesellschaften können friedlich nebeneinander existieren“ stimmten dagegen nur 41 Prozent zu (47 Prozent der Amerikaner). Wenn man diese Werte mit Befragungen vor den Geschehnissen um das Schmähvideo vergleicht, wird deutlich, dass das Vertrauen in muslimisch geprägte Länder im Vereinigten Königreich gesunken ist.

Die britischen Medien, insbesondere die BBC, erkannten die Rolle der TV-Sender und Zeitungen als sprichwörtliche Brandbeschleuniger in dieser Situation. Doch dies bezogen sie weniger auf sich selbst als auf die Medien im Nahen Osten und der arabischen Welt. Während das EJN dies kritisiert, stimmt das Netzwerk der Analyse inhaltlich zumindest teilweise zu: Etwa im Falle der urdusprachigen Medien in Pakistan beobachtete die Organisation, dass die Zeitungen mit aggressiv anmutenden Bildern der Demonstranten aufmachten. In Pakistan erhielten die Bürger am 21. September frei, die Regierung forderte sie zu friedlichen Protesten gegen „Die Unschuld der Muslime“ und für den Propheten Mohammed auf. Doch bei den Kundgebungen wurden 30 Personen getötet und über 300 verletzt. Die Experten vermuten, dass die Zeitungen mit Bildern von zornerfüllten Demonstranten die implizite Botschaft vermitteln wollten, die Pakistani lehnten sich mit aller Stärke gegen die westlichen Verunglimpfungen auf und ließen sich nicht durch die USA kontrollieren.

Die englischsprachigen Medien in Pakistan berichteten dem Report zufolge eher zurückhaltend über die Proteste der Muslime, rückten jedoch nicht die Gewalt in den Mittelpunkt. Urdusprachige Medien versuchten hingegen offenbar noch, anti-amerikanische Stimmung zu schüren, indem sie über Interventionspläne der USA spekulierten.

Auch im Rundfunk kursierten solche Spekulationen und es wurden Hassparolen weiterverbreitet. Wie im Fall des öffentlichen Mordes an dem Gouverneur Salmaan Taseer 2011 war auch diesmal die öffentliche Meinung, welche die pakistanischen Rundfunksender wahrnahmen, aufgeheizt und tendenziell pro Demonstration und pro Gewalt. Laut EJN entsprachen die Medien dieser Wahrnehmung und transportierten die aufgeheizten Emotionen in ihren Berichten weiter, statt sie distanziert zu analysieren und zu hinterfragen.

Dieses Problem wohlfeiler Berichterstattung sehen die Autoren des Berichts auch bei den türkischen Medien. Doğan Tiliç, Journalist und Professor für Medien und Kulturwissenschaften an der Middle-East Technical University in Ankara, erklärt, türkische Medien folgten generell meist einer der drei Instanzen mit ihrer Berichterstattung: der Regierung, den Familien mit Medienbesitz oder der verbreiteten öffentlichen Meinung. Im Falle des Schmähfilmes fiel die unkritische Haltung in der Türkei eher obrigkeitshörig statt volksnah aus. Wie im Zusammenhang mit den aktuellen Protesten gegen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan berichteten die türkischen Medien auch rund um „Die Unschuld der Muslime“ sehr unkritisch gegenüber der Regierungspartei AKP. Diese versuchte in dem Zeitraum, strengere internationale Regelungen gegen Blasphemie durchzusetzen.

Laut Faruk Bildirici, Ombudsmann der Zeitung Hürriyet, gab es darüber keine Berichterstattung, ebenso wie generell kein Diskurs über religiöse Themen stattfinde. „Es wird von Tag zu Tag schwieriger, über den Islam in der muslimischen Welt zu diskutieren, es wird immer sofort als Islam-Kritik aufgenommen. Jeden Tag bewegen wir uns in der Türkei weiter weg vom Säkularismus.“ Dabei finden laut EJN auch immer öfter Hassparolen Eingang in die türkische Berichterstattung. Nur: Solange sie den Regierungsinteressen nicht widersprechen, würden sie auch nicht geahndet.

Die Verbreitung von Hassparolen war im Zusammenhang mit „Die Unschuld der Muslime“ sowohl bei westlichen als auch bei arabischen Medien ein großes Manko, das die Auseinandersetzungen etwa in Pakistan nach Meinung des EJN angefacht hat. Um dem langfristig entgegen zu wirken, schlägt das EJN eine globale Datenbank über Hassparolen vor. In ihr sollen Begriffe gelistet werden, die bedenkliche Auswirkungen haben könnten, damit Redaktionen weltweit für deeskalierende Berichterstattung sensibilisiert werden.

Das EJN formuliert weitere Empfehlungen, um Medien für Krisensituationen wie rund um das Schmähvideo zu wappnen. Sie wollen einen internationalen Prozess etablieren, durch den in regelmäßigen Abständen ethisch bedenkliche Artikel und Berichte in Schlüsselländern wie den USA und Großbritannien analysiert werden. Journalisten sollten sich an den Kritikpunkten orientieren und künftig mit anderen Standards arbeiten. Vor allem empfehlen die Autoren des EJN-Berichtes jedoch, mehr Forschung über journalistische Standards zu betreiben.

Es müssten Leitlinien ausgearbeitet werden, wie Informationen vor der Veröffentlichung auf möglicherweise hasserweckende Wirkung geprüft werden können. Außerdem müsse den Redaktionen geholfen werden, eine selbstkritische Fehlerkultur zu etablieren, sodass Redaktionen Fehler wie die Information über israelische Finanziers des Schmähvideos im Nachhinein zugeben und berichtigen können. Zu guter Letzt müsse sich an der alltäglichen Arbeit der Journalisten etwas verändern, schreiben die Autoren. Minderheiten, die extrem polarisieren, dürften in der Berichterstattung nicht mehr Vorrang bekommen vor dem moderaten Mainstream – wie dies rund um „Die Unschuld der Muslime“ vor allem in den US-Medien der Fall war.

Aidan White, Direktor des EJN, mahnt schließlich: „Der Report hebt Verfehlungen in der Berichterstattung über diesen kontrovers diskutierten Film hervor, die jeden Journalisten schockieren sollten. Er zeigt die Notwendigkeit von genauester und mit Kontext angereicherter Berichterstattung auf, Geschehnisse müssen besonders sorgfältig analysiert werden, wenn sie einen Einfluss auf fragile Beziehungen zwischen Kulturen und Gemeinschaften haben können.“

Bildquelle: Marco Hazard / Flickr

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