Digitale Dienstverweigerung

30. Oktober 2015 • Digitales • von

Mein digitales Dasein hat sich zum Guten geändert. Ich lebe nun ein werbefreies Leben.

AdblockFür Swisscom, Coop, Cartier und Samsung ist es keine allzu gute Nachricht. Seit letzter Woche können mir Swisscom, Coop, Cartier und Samsung gestohlen bleiben.

Ich gehöre seit letzter Woche zu den digitalen Dienstverweigerern. Ich habe mir einen Adblocker installiert. Der Adblocker sperrt sämtliche Online-Werbung auf meinem Computer, Tablet und Smartphone.

Das Ding funktioniert gut. Es unterdrückt die gesamte Internetwerbung von Banners bis Pop-ups. Nur bei Videos schleichen sich manchmal noch unerwünschte Werbebotschaften ein. Hier muss die Software noch etwas besser werden.

Mein neues digitales Dasein ist angenehm. Ich muss nicht mehr dieses blöde “X” anklicken, oben rechts oder sonstwo versteckt, damit ich die Werbung vom Bildschirm kippen kann. Die Werbung schafft es nun gar nicht mehr auf den Schirm.

Für Swisscom, Coop, Cartier und Samsung ist es keine allzu gute Nachricht.

Für andere ist es eine noch schlechtere Nachricht. Für Ringier, Tamedia und NZZ-Gruppe ist es eine miserable Nachricht.

Zehn Jahre lang haben auch die Schweizer Medienhäuser darauf hingearbeitet, dass die Online-Werbung ihre niederbrechenden Zeitungs- und Zeitschriftenanzeigen ersetzen könnte. Sie waren auf keinem schlechten Weg. Seit dem Jahr 2010 ist ihre Printwerbung um 500 Millionen Franken geschrumpft. Ihre Online-Werbung aber hat seitdem um 200 Millionen zugenommen.

Doch nun ist diese Tendenz durch die Adblocker heftig bedroht. Die Werbekiller im Internet gibt es zwar schon seit einigen Jahren. Doch erst vor ein paar Wochen begann ihr eigentlicher Siegeszug. Auslöser war Apple. Der digitale Trendsetter bot für seine iPhones nun eigene Adblocker an. Die Dinger liefen wie verrückt, obwohl sie zum Teil die Sicherheitsbestimmungen verletzten.

Auf einmal wurde es schick, die Online-Werbung vom Bildschirm zu fegen. Schick wurde es besonders bei den jüngeren Konsumenten. Sie sind die wichtigste Zielgruppe der Werbeindustrie.

In der Schweiz, so die Schätzung, stoppen inzwischen rund fünfzehn Prozent der Internetnutzer die Werbung im Netz. Die Tendenz ist stark steigend. Weltweit belaufen sich die jährlichen Mindereinnahmen durch Reklamefilter schon auf über zwanzig Milliarden Dollar. 2016 wird es doppelt so viel sein. Den Großteil des geblockten Geldes verliert die Medienindustrie. Auch Ringier, Tamedia und die NZZ-Gruppe werden zunehmend leiden.

Medienhistorisch ist das eine interessante Geschichte. Sie zeigt auf, wie sich die Werbung von einem Feld der Ungewissheit in ein Feld der Gewissheit verwandelt hat.

In den alten Printzeiten war Werbung vollkommen unkontrollierbar. Der Werbekunde hatte keine Ahnung, ob die Leser von Zeitungen und Zeitschriften sein Inserat beachteten oder gleichgültig überblätterten. Er investierte ins Prinzip Hoffnung. Die Konsumenten waren genauso hilflos unterwegs. Sie konnten sich zwar über all die unerwünschten Anzeigenseiten ärgern. Aber sie konnten nichts dagegen tun, wenn sie das Blatt nicht abbestellen wollten.

In den neuen Internetzeiten ist Werbung hingegen vollkommen kontrollierbar. Der Werbekunde weiß nun auf die Kommastelle genau, wie viele Leser sein Inserat im Netz beachten und wie viele nicht. Er investiert ins Prinzip Messbarkeit. Auch die Konsumenten haben nun die Verfügungsgewalt. Sie können die Werbung jederzeit von ihrem Bildschirm verbannen, ohne dass sie gleich das gesamte Angebot abbestellen müssen.

Auch ich bin ein richtig emanzipierter Medienkonsument geworden. Ich liebe die Information und schmeiße die Werbung weg.

Erstveröffentlichung: Weltwoche vom 15. Oktober 2015

Bildquelle: Screenshot Adblock Plus

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