Ethik statt Leichtsinn

6. Februar 2017 • Digitales, Qualität & Ethik • von

Weil Populismus und Faktenverdrehen sachgerechten Journalismus extrem herausfordern, hat ein Team aus Forschern und Journalisten einen Werkzeugkasten zum Faktenprüfen entwickelt.

Journalisten hatten es immer mit Lügen zu tun. Und es ist seit jeher eine zentrale Aufgabe von professionellem Journalismus, den Lügnern die Maske vom Gesicht zu reißen, wenn dies öffentlich und für die Gesellschaft relevant ist. Neu ist aber, wie Verlogenheit in der Politikkommunikation regelrecht kultiviert und von US-Präsident Donald Trump gar mit skurrilen Sprachblüten wie „alternative Fakten“ auf eine absurde Spitze getrieben wird. Aber auch in anderen Ländern folgen Politiker seinem „Vorbild“, nutzen soziale Medien und Big Data, um ihre Themen und ihre Sichtweisen am klassischen Informationsjournalismus vorbei direkt an ihre Zielgruppen zu bringen.

Die Lügenschwemme und – damit verknüpft – der enorme Einfluss von Social Media-Plattformen sind die größten Sorgen für 2017. Das ergab eine vom Reuters Institut der Universität Oxford im Dezember 2016 durchgeführte Befragung von 143 führenden Medienschaffenden aus Redaktions-, Management- und Digitalbereich in 24 Ländern, die Nic Newman in seinem Projektbericht „Journalism, Media, and Technology Trends“ auswertete.

Weil Populismus und Faktenverdrehen sachgerechten Journalismus noch mehr denn je generell – sowie aktuell etwa durch die Wahlen in Frankreich und Deutschland extrem herausfordern, stellte ein Team aus Forschern und Journalisten, unter ihnen Ex-Guardian-Chef Alan Rusbridger, Ende Januar einen Werkzeugkasten auf die Reuters-Website, ein kollaboratives Dokument, zu dem Fachkundige ihre Tipps beitragen können, um Lügen zu entlarven, Fakten zu prüfen, das Publikum besser zu erreichen und zu aktivieren und um von Erfahrungen etwa in Russland oder Österreich zu profitieren. Das Dokument belegt, dass Rückgrat-Training und Haltung im Journalismus grenzübergreifende Anliegen sind.

Die Herausforderungen 2017 liegen laut Reuters-Umfrage in noch drei weiteren Bereichen: Experimentieren – mit Facebook Messenger, WhatsApp, Snapchat, Chatbots, sprachgesteuerten Diensten (Amazon’s Alexa, Apple’s Siri, Google’s Assistant), Plattformen regulieren, Technikfolgen-Kompass justieren. Auf der Liste zum Umgang mit Medieninnovationen ganz oben: Künstliche Intelligenz, Algorithmen, digitale Überwachungstechnik. Kurz: Ethik statt Leichtsinn.

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 5. Februar 2017

Bildquelle: pixabay.com

 

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