Forschung mit Tuchfühlung

6. Mai 2015 • Digitales, Qualität & Ethik • von

2349098787_2cd660c18c_bBetrachtet man Journalismus als eine bestimmte Kultur, so ist es nur logisch, ihn auch wie eine solche zu erforschen – mit Feldforschung und mit Tuchfühlung. Diese Einsicht hat sich eine neue Generation von Journalismusforschern zu eigen gemacht und die Ethnographie, eine erprobte und originäre Methode aus der Anthropologie, wiederentdeckt.

 

Ein Ethnograph ist kein distanzierter Beobachter, er taucht ein in eine bestimmte Kultur oder Subkultur und beobachtet intensiv ihre Alltagspraxis. Auf diese Art und Weise verbringen Forscher Wochen oder Monate in Redaktionen, beschreiben und analysieren den Wandel des Journalismus.

Solche Forscher erkunden unbekanntes Land. Sie sind Chronisten von Riten und Ritualen, untersuchen alte Praktiken und neue Strukturen. Sie verlassen die Sicherheit ihrer akademischen Umgebung und begeben sich direkt in eine Kultur, die sich unumstößlich verändert. Manchmal werden sie mit offenen Armen, manchmal mit Misstrauen empfangen. Aber sie mischen sich einfach unter und nehmen teil. Wenn sie aus dem Feld zurückkommen, um über ihre Ergebnisse zu berichten, erzählen sie Geschichten über Grabenkämpfe, über Niederlagen und Verluste, aber auch von Hoffnung und Innovation.

„In den letzten zehn Jahren haben wir eine neue Welle von Ethnographien erlebt. Sie haben dazu beigetragen, journalistische Routinen in der Online-Produktion und in zusammenwachsenden Redaktionen besser zu verstehen“, sagt David Domingo, einer der Autoren des Buches Newsroom Ethnographies in the Second Decade of Internet Journalism. „Es gab dieses Gefühl, dass die neue Art, wie Nachrichten gemacht werden, gar nicht so innovativ sei, wie wir annahmen. Ethnographien haben geholfen, zu erklären, wie mit Neuerungen umgegangen wird, wie sie gemanagt oder auch verhindert werden.“

Kürzlich erschienene Bücher zeigen das Spektrum dieser Art Journalismusforschung auf: David Ryfe verbrachte für sein Buch „Can Journalism Survive? An Inside Look at American Newsrooms“ seine Zeit in verschiedenen Lokalmedien. Nikki Usher warf in „Making News at New York Times“ einen Blick hinter die Kulissen der New York Times. Und Chris Anderson untersuchte den Wandel von städtischem Journalismus am Beispiel verschiedener Nachrichtenanbieter in Philadelphia.

Doch das neue Interesse an Ethnographien ist nicht beschränkt auf Bücher oder den amerikanischen Kontext. Fachzeitschriften wie Journalism Practice, the International Communication Gazette, Journalism Studies, und Journalism haben in den vergangenen Ausgaben ethnographische Redaktionsstudien veröffentlicht.

In Redaktionen rumzuhängen und dabei Leute, Alltagshandeln und das Nachrichten-Machen zu beobachten ist kein neues Phänomen. Aber es war aus der Mode gekommen. Das erste Beispiel einer Redaktionsethnographie stammt aus den 1950ern. Allerdings war es bis zu den 1970ern und 80ern nicht üblich, viel Zeit für Forschung in Redaktionen zu verbringen. Nach den zwei mageren Jahrzehnten, die dann folgten, sehen wir nun ein zweites „goldenes Zeitalter der Redaktionsethnographie“, sagt Chris Anderson. Aber es ist nicht mehr so leicht für Forscher, den Zugang zu Redaktionen zu bekommen. Die Redaktionen seien sensibler für kommerzielle Zwecke geworden. „Jeder versucht die magische Kugel zu finden – sei es eine App, eine besondere Art Metriken zu zählen oder native advertising. Sie alle wollen das Geheimrezept – wenn sie es denn finden – für sich behalten. Sie wollen nicht, dass andere sehen, wie sie Innovation herstellen.“

David Domingo weist noch auf andere Herausforderungen hin, vor denen Journalismusforscher beim Beobachten derzeit stehen. Das digitale Umfeld erschwert es Forschern, Beziehungen und Austausch via E-Mail oder in den sozialen Medien zu verfolgen. Ein weiteres Problem, sagt Domingo, sei die Fokussierung der Forschung auf Journalisten, unter der die Untersuchung anderer Redaktionsbereiche wie Marketing- oder IT-Abteilungen litten.

Wenn der Zugang gelingt, treten weitere Schwierigkeiten im Umgang mit dem Forschungsobjekt, den Journalisten, auf. Plötzlich schwenkt das Objektiv auf sie, anstatt andersherum. „Du willst nicht wie ein Nerd dastehen“, sagt Chris Anderson. „Du willst aber auch nicht als Forscher auftreten und sie wie Insekten unter der Lupe betrachten. Niemand mag das.“ Um dem zu entgehen, solle man einen Dialog pflegen, empfiehlt er.

Anderson und Domingo unterstreichen beide, dass Ethnographien zwar den Blick für den Wandel in der Nachrichtenproduktion geschärft hat, dass es nun aber an der Zeit sei, den Blickwinkel zu erweitern. Anderson etwa schreibt über die „Erweiterung der Redaktion“ und schlägt vor, das „Nachrichten-Ökosystem“ zu untersuchen. Dazu zählt er Blogger, citizen journalism oder non-profit Organisationen. Domingo setzt sich für eine ähnliche Strategie ein. „Wir können es uns nicht mehr leisten, nur die Redaktionen zu betrachten, wenn wir die Nachrichtenproduktion von heute verstehen wollen“, sagt er. „Das ist natürlich eine Herausforderung, weil das Forschungsgebiet schnell ausufert. Aber die Akteure werden einen schon dahin führen, wo etwas Wichtiges passiert.“

Ethnographie erfordert Zugang, Zeit und Hartnäckigkeit. Gleichzeitig sei es aber auch eine Frage des Temperaments, meint Chris Anderson. „Wenn Du jemand bist, der möglichst klare Antworten haben und mit ihnen die Nachrichten positiv beeinflussen will, dann ist Ethnographie nichts für Dich. Wenn Du aber Komplexität magst und damit umgehen kannst, am Ende mehr Fragen zu haben als vorher, dann ist Ethnographie das Richtige für Dich.“

Erstveröffentlichung auf EJO Englisch am 25. März 2015

 

Übersetzung aus dem Englischen: Judith Pies

 

Bildquelle: Rafael Anderson Gonzales Mendoza/flickr.com

 

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