Journalistische Transparenz unterm Halbmond

11. Januar 2013 • Digitales, Qualität & Ethik • von

Eine Studie untersucht den Umgang mit journalistischen Transparenz-Instrumenten in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten.

In einer digitalen Welt mit weltumspannenden sozialen Netzwerken scheint es kaum möglich, Diskussionen zu unterdrücken, Debatten zu manipulieren, Themen zu zensieren oder Informationen zu verschleiern. Erste Anzeichen lassen den Schluss zu, dass sowohl ägyptische als auch emiratische Medien Erkenntnisse aus den Umwälzungen des „Arabischen Frühlings“ gezogen haben. Das spiegelt sich auch in den journalistischen Transparenzmechanismen wider, die in beiden Ländern genutzt werden.

Der Dortmunder Journalistik-Absolvent Andreas Sträter hat seine Masterarbeit dem Thema „Transparenzmechanismen im Medienorient“ gewidmet und in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Ägypten journalistische Instrumente zur Herstellung von Transparenz erforscht. Das Ergebnis: Durch einen neuen Umgang mit Offenheit ist sowohl in den VAE als auch in Ägypten erstmals ein Bewusstsein dafür gereift, dass die Rechtfertigung des eigenen Handelns eng mit der öffentlichen Verantwortung des Journalismus verflochten ist.

Definition von Transparenz

Mithilfe eines interdisziplinären Ansatzes soll zunächst identifiziert werden, wie Transparenz in der Journalistik definiert wird. Die US-amerikanischen Medienwissenschaftlerinnen Stephanie Craft und Kylie Heim verorten die Diskussion über Transparenz in einem interdisziplinären globalen Diskurs, in dem Transparenzmechanismen in der Politik und in der Ökonomie, aber auch von Verbraucherschützern hinterfragt werden. Antriebskräfte eines verstärkten Aufflackerns von Transparenz in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen sind die Globalisierung, das verstärkte Aufkommen demokratischer Ideen, das Internet und – bedingt durch den demografischen und technologischen Wandel – das Emporkommen der ersten „Digital Natives“.

Die Wirtschaftsanalytiker Don Tapscott und David Ticoll betrachten Transparenz aus Sicht der Ökonomie – und nähern sich dem Begriff in ihrer Definition zunächst allgemein: „Transparency is information about an organization that is available to people or other organizations (…)“ Die Autoren führen unter anderem das Internet-Portal Ebay an, das Käufern ermöglicht, ihre Verkäufer öffentlich zu bewerten, um so Vertrauen (oder Misstrauen) in den Verkäufer herzustellen.

In der Journalistik wird generell unterschieden zwischen „Fremdtransparenz“, die von außen in eine Organisation oder in ein System gebracht wird, und einer „Selbsttransparenz“, die von innen aus sich heraus hergestellt wird. Im Journalismus kann „Fremdtransparenz“ zum Beispiel durch Medienjournalismus, durch Medienforschung, durch den Presserat, durch Medienselbstkontrolle, durch Ombudsmänner oder durch die als „Watchdogs“ fungierenden Medienblogger hergestellt werden. Die Transparenz, die ein Journalist, ein Autor, ein Fernsehteam oder eine Redaktion über sich selbst herstellt, bezeichnet der Journalismusforscher Klaus Meier als journalismusinterne „Selbsttransparenz“, die sich aus dem Journalismus selbst heraus schält.

Methode

Im Mittelpunkt der Studie stehen vier Hypothesen, zu denen insgesamt zwölf Journalisten und Medienexperten aus den VAE und Ägypten mittels qualitativer halbstandardisierter Leitfadeninterviews persönlich, telefonisch und schriftlich befragt worden sind.

Während in westlichen Ländern ausführlich darüber diskutiert und qualitativ wie quantitativ erforscht wird, inwiefern das Social Web den Stellenwert einer zivilgesellschaftlichen Medienregulierung einnehmen kann, hat die selbstreflexive Diskussion über Medien in der arabischen Welt erst begonnen. In der Journalismusforschung liegt bislang noch kein systematisches Wissen über den tatsächlichen Umgang mit den Instrumenten zur Herstellung medialer Transparenz in der arabischen Sphäre vor. Aus diesen Gründen erfolgt die Annäherung an den Themenkomplex explorativ-qualitativ.

Länderauswahl: Neues Arabien gegen altes Arabien

Die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten in dieser Studie gegenüber zu stellen, ist vor allem deshalb reizvoll, weil diese beiden Länder innerhalb der arabischen Sphäre viele Unterschiede aufweisen. Diese Diskrepanzen lassen sich nicht nur auf die Mediensysteme beziehen, sondern auch auf die politische und kulturelle Entwicklung der Staaten. Während Ägypten über Jahrhunderte organisch gewachsen ist, sind die VAE, wie es FAZ-Journalist Rainer Hermann formuliert „eine menschliche Konstruktion, entstanden als Willensakt (.) auf dem Reißbrett“. In den VAE wachse etwas vollkommen Neues mit Menschen aus 200 Nationen und Einheimischen, die im eigenen Land längst die Minderheit seien, so Hermann. Doch die Kundgebungen, Proteste und Aufmärsche in den Jahren 2011 und 2012 haben eine Neuordnung der arabischen Welt angestoßen, so dass in dieser Studie zwei Pole dieser sich gerade neu findenden Sphäre betrachtet werden.

In Ägypten gingen während des „Arabischen Frühlings“ Millionen Menschen für tiefgreifende soziale Umwälzungen auf die Straße;  in den Vereinigten Arabischen Emiraten äußerten sich fast gar keine Proteste, weil die Emiratis mit ihrem Leben und der politischen Ordnung in ihrem Staat noch relativ zufrieden sind, wie Katja Niehammer, Junior-Professorin am Arbeitsbereich Islamwissenschaft der Abteilung Geschichte und Kultur des Vorderen Orients des Asien-Afrika-Instituts, festgestellt hat. Die Scheichs, Sultane und Könige vom Arabischen Golf hätten vorgesorgt und sich die Zufriedenheit ihrer Untertanen in den „Oasen der Stabilität“ mit sehr viel Geld erkauft, schreibt Alexander Smoltczyk in Le Monde diplomatique. Der hohe Lebensstandard und der üppige Wohlfahrtsstaat sollen noch weiter ausgebaut werden, um so Zufriedenheit und innere Stabilität zu gewährleisten, so Hermann.

Ergebnisse: Kaum Nährboden für innovative Transparenz-Instrumente

Die Auswertungen der Interviews lassen folgende Schlüsse zu: In den VAE gibt es tendenziell mehr Offenheit gegenüber innovativen Transparenz-Instrumenten als in Ägypten, obwohl ägyptische Medien immer mehr auf Twitter und Facebook setzen, um am Markt zu bleiben und Glaubwürdigkeit zu suggerieren. Im repressiven Medienumfeld Ägyptens gab es in der vorrevolutionären Phase kaum Nährboden für innovative Transparenz-Instrumente (H1).

Eine Kenntlichmachung von Eigentumsstrukturen oder Angaben zu Auflagen und Quoten gibt es in Ägypten überhaupt nicht. Werden Printmedien und TV-Medien miteinander vergleichend analysiert, so fällt auf, dass Printmedien zwar führend bei der Installation von Transparenz-Instrumenten sind, dennoch kann keine allgemeingültige Aussage getroffen werden, sondern jedes Medium sollte in punkto Transparenz für sich analysiert werden (H2).

Social Media- und Transparenzinstrumente befeuern wie in westlichen Ländern zwar die Partizipation, aber sie haben auch einen leicht illusionären Effekt und dienen der Publicity und dem Marketing. Transparenz ist dabei eher eine mögliche Folge und ist oftmals gar nicht beabsichtigt, so dass die Implementierung dieser Tools oftmals einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund hat, um auf diese Weise die Medienmarke zu stabilisieren (H3).

Letztlich lässt sich das verstärkte Aufflackern an journalistischer Transparenz auch in den politischen Kontext der Auswirkungen der arabischen Revolution setzen. Beiden Phänomenen ist gemein, dass jeder Bürger die Möglichkeit erhalten möchte, seine Stimme zu erheben – selbst in der arabischen Sphäre, die bisher eher von Unterdrückung als von Demokratie und freier Meinungsäußerung geprägt war (H4).

Lernprozess für den arabischen Journalismus

Diese Studie hat letztlich aufgezeigt, dass die Auswirkungen des „Arabischen Frühlings“ den arabischen Journalismus sowohl in Ägypten als auch in den VAE in seinem Wesenskern berühren. Insgesamt, so lässt sich bilanzieren, hat ein Lernprozess im arabischen Journalismus eingesetzt, der punktuell für mehr Transparenz und einen offeneren Einsatz von Transparenzmechanismen und Instrumenten in den autokratischen Sphären des Medienorients geführt hat.

In den beiden untersuchten Ländern besteht über das Web 2.0 – sowohl innerinstitutionell als auch branchenextern – die generelle Möglichkeit zur Medienkritik. In den technikfreundlichen Emiraten gibt es trotz restriktiver Tendenzen nach außen hin eine große Offenheit gegenüber innovativen Transparenzmechanismen, während sich einzelne Journalisten noch zurückhaltend zu dem Transparenzgedanken äußern – möglicherweise benötigen sie noch etwas Zeit. Westliche Konzepte von Journalismus, Öffentlichkeit und Transparenz lassen sich vor dem Hintergrund der aufgezeichneten Schranken weder schnell noch komplett deckungsgleich auf andere Kulturen anwenden.

In der postrevolutionären Phase in Ägypten gibt es allerdings den Zwang, auf Facebook und Twitter zu setzen, weil die Medien sonst befürchten müssten, die Glaubwürdigkeit für immer an das Internet oder sonstige nicht-kernjournalistische Mitbewerber zu verlieren. Diese Veränderungen sind über die tiefschürfenden, gesellschaftlichen Umwälzungen des „Arabischen Frühlings“ an die Oberfläche gewabert, so dass beide Phänomene kaum trennscharf voneinander zu betrachten sind, wenngleich Demokratie und Transparenz nicht foliengleich übereinander gelegt werden können.

Literatur

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Craft, Stephanie / Heim, Kyle (2009): Transparency in Journalism: Meaning, Merits, and Risks. In: Wilkins, Lee / Clifford G. (Hrsg.): The Handbook of Mass Media Ethics. New York, London.

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Fengler, Susanne (2006): USA – Musterland des Medienjournalismus? Ein Rundflug – und eine Spurensuche. In: Journalistik Journal 2/2006, S. 32. Dortmund.

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