Kommentare von rechts

16. April 2013 • Digitales • von

Wie ticken Online-Kommentierer politisch? Und was unternehmen Medienportale, damit ihnen „ihre” Kommentierer kein schlechtes Image verschaffen? Antworten aus der Medienwissenschaft und von vier Portalen.

Häme, Gift, Unzufriedenheit, Anwürfe gegen Volksgruppen oder Politiker – wer die Publikumskommentare auf newsnet.ch (tagesanzeiger.ch, bernerzeitung.ch, derbund. ch, bazonline.ch), 20min.ch, blick.ch und nzz.ch liest, kann manchmal am Guten und Schönen im Menschen zu zweifeln beginnen. Oder sich konsterniert fragen: Gibt es wirklich so viele Rechtsbürgerliche in der Schweiz?

Nicht unbedingt. Das zeigen die Resultate von Thomas Friemel, Oberassistent am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Uni Zürich (IPMZ): Er forscht über Online-Kommentare  und hat dazu knapp 4000 Personen befragt, die auf den Sites von NZZ, Blick, 20Minuten und Newsnet rekrutiert wurden. Da sich die Befragten selbst auf einer Links-rechts-Skala eingeordnet haben, kommt Friemel zum Fazit: „Es gibt einen Unterschied zwischen jenen, die Online-Kommentare nur lesen, und jenen, die solche verfassen: Bei allen vier Titeln sind die Kommentar-Schreibenden weiter rechts positioniert als diejenigen, die nur lesen.”

Rechts kommentiert also überdurchschnittlich oft – dafür ist links anderswo aktiver. Friemel hat nämlich auch gefragt, ob die Befragten „like”-Buttons benutzen. Das Ergebnis: „Diejenigen, die den Button häufiger benutzen, sind bei allen vier Titeln politisch eher links. Kommentiert wird also von denen, die leicht rechter sind als der Durchschnitt, geliked eher von denen, die leicht linker sind als der Durchschnitt der jeweiligen Zeitung.”

Links oder rechts – was sich an Kommentaren auf den vier Online-Portalen findet, ist nur ein Teil der eintreffenden Reaktionen. Denn nach der Überprüfung durch die Verantwortlichen werden zwischen etwa 25 und rund 70 Prozent dieser Reaktionen gelöscht. Zur Kontrolle setzen Newsnet, 20min.ch und blick.ch in einem ersten Schritt Software-Filter ein; bei blick.ch kommt ein „Karma-System” dazu, das mittels grünen oder roten Balkens anzeigt, ob der einzelne User bisher schon Kommentare geschrieben hat, die veröffentlicht werden konnten – oder eben nicht.

Bei den vier Portalen werden alle Kommentare überprüft; das ist angesichts des Volumens von zwischen 400 und 8000 täglich aufwendig. Denn die Medienhäuser müssen sich vor allfälligen Klagen schützen und sind laut Presserat verantwortlich für die Inhalte, die sie auf ihren Online-Portalen veröffentlichen. Und es kommt so allerlei herein, auch wenn sich die Kommentierenden – mit Ausnahme von 20min.ch, das neben einer freiwilligen Registrierung auch anonyme Kommentare zulässt – mit Namen und Mailadresse anmelden müssen.

Bei blick.ch, sagt Benjamin Rüegg, habe man neben der Registrierung auch ein Login mit Facebook eingeführt, „in der Hoffnung, dass die Kommentierer dadurch, dass mit Facebook Name und Wohnort genannt werden, etwas ‚gebändigt’ werden. Es nützt aber nichts.” Bei nzz.ch müssen sich Kommentierende laut Anja Grünenfelder, Teamleiterin NZZ-Nachrichteredaktion, registrieren, damit „sich die Leser etwas mehr mit dem Kommentar auseinandersetzen, den sie publizieren, und sich genauer überlegen, was sie schreiben”.

Um diejenigen auszubremsen, die sich in Kommentaren nicht bremsen können, wird die Kommentarfunktion bei manchen Artikeln schon gar nicht aufgeschaltet. Ausnahme ist hier nzz.ch; blick.ch ist dabei sehr zurückhaltend. Bei 20min.ch wird die Kommentarfunktion manchmal aus Kapazitätsgründen nicht geöffnet, manchmal auch aus inhaltlichen Gründen: „Bei einzelnen Themen, etwa Beiträgen über den Nahost-Konflikt, sind häufig inakzeptable Kommentare zu erwarten, deshalb können sie oft nicht kommentiert werden”, so Olaf Kunz, Blattmacher Online und Leitung Community von 20min.ch.

Newsnet hat laut Eliane Loum-Gräser, Projektleiterin Tamedia-Unternehmenskommunikation, in letzter Zeit die Kommentarfunktion „etwas zurückhaltender” eingesetzt. Im Zusammenhang mit der Konvergenz und der Einführung der Paywall bestehen laut Loum Pläne, die Funktion sparsamer einzusetzen und die eintreffenden Kommentare „noch sorgfältiger” zu prüfen, damit tagesanzeiger.ch „zum Ort der hochstehenden und anregenden Leserdebatte” wird.

Wie solche Debatten geführt werden, ist wichtig. Denn Online-Leser schließen aus den Kommentaren auf die „Kundschaft” des jeweiligen Mediums: In seiner Studie hat Thomas Friemel gefragt, ob die Befragten die Online-Kommentare für ein Abbild dessen halten, was die übrigen Leser des jeweiligen Titels denken: „Eine Mehrheit der Leser sieht das so, und zwar bei allen vier Titeln”, sagt Friemel: „Sie gehen davon aus, dass sie mit den Kommentaren ein repräsentatives Meinungsbild der Leserschaft des Titels erhalten.” Ein Ergebnis, das – angesichts der Resultate Friemels bezüglich politischer Positionierung der Kommentierenden – zu denken geben müsste.

Onlinekommentare

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Die Crux mit den Clicks

Daumen hoch und Daumen runter: Bei blick.ch, Newsnet und nzz.ch können die Kommentare positiv oder negativ bewertet werden. Seltsam ist bei blick.ch dabei, dass ein „like” dazu führen kann, dass etwa gleich fünf Punkte dazugezählt werden – oder gar keine. Benjamin Rüegg erklärt das mit technischen Gründen: „Damit die Site nicht dauernd neu geladen werden muss und so das System belastet wird, werden die Zahlen nicht ständig neu aktualisiert.” Der Sprung um mehrere Punkte entstehe, weil in der Zwischenzeit auch andere abgestimmt hätten; ein scheinbar nicht gezähltes „like” erscheine dann erst mit der nächsten Aktualisierung.

Seltsames auch bei nzz.ch: Nicht Registrierte können einen Kommentar zwar „liken”; wollen sie aber „disliken”, erscheint die Aufforderung, sich einzuloggen. „Unser Kommentarsystem kommt als Paket von einem externen Anbieter, wir können leider nur wenige Details konfigurieren. Wir werden das aber prüfen”, meint dazu Florian Steglich, Leiter des NZZ-Labs. Sowohl bei blick.ch wie bei Newsnet ist es zudem möglich, einen Kommentar mehrfach zu bewerten, wenn man die Cookies löscht. Solche Mehrfachbewertungen könnten ausgenützt werden, um Kommentare zu pushen. „Bislang konnten wir diesbezüglich keinen Missbrauch feststellen. Sollte dies künftig einmal der Fall sein, werden wir weitere Schritte prüfen”, so Eliane Loum-Gräser von Tamedia/Newsnet.

Erstveröffentlichung: EDITO + KLARTEXT – das Schweizer Medienmagazin, Nr. 2 / 2013

Bildquelle: Gerd Altmann  / pixelio.de

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