Social Media: Ein Muss für die Öffentlich-Rechtlichen

2. April 2013 • Digitales • von

Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sollten soziale Medien aktiv nutzen – nicht nur weil sie den Journalismus einfacher, schneller und moderner machen, sondern weil sie den Public Value, den Mehrwert für die Gesellschaft, erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommt die ORF-Journalistin Nadja Hahn in ihrer Untersuchung What Good is Twitter? The Value of Social Media to Public Service Journalism.

Hahn führte die Studie als Research Fellow der European Broadcasting Union (EBU) in Kooperation mit POLIS, dem Think Tank für Journalismus und Gesellschaft der London School of Economics, durch. Sie fragte via Online-Fragebogen alle Mitglieder der European Broadcasting Union (EBU), wie sie soziale Medien nutzen und wie diese zum Public Value beitragen können. 23 Rundfunkredakteure in leitender Funktion aus 19 Ländern beantworteten den Fragebogen.

65 Prozent der befragten Rundfunkvertreter stimmen zu, dass soziale Medien den Public Value der Rundfunkmedien erhöhen. Dennoch tun sich laut Hahn viele öffentlich-rechtliche Rundfunkunternehmen in Europa noch schwer mit sozialen Medien. So geben 46 Prozent der Befragten an, dass ihr Unternehmen keine Strategie für den Umgang mit sozialen Medien habe. Die Hälfte der Befragten sagt, dass nur wenige ihrer Kollegen soziale Medien jeden Tag nutzten. Nur 12 Prozent antworten, dass die meisten ihrer Journalisten mit Facebook, Twitter oder anderen sozialen Netzwerken arbeiteten.

Die British Broadcasting Corporation (BBC) nimmt unter den europäischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eine Vorreiterrolle in Sachen Social Media ein. Ihre zeitgemäße Definition von Public Value lautet „Inform, educate, connect“ („Informieren, bilden, verbinden“) und schließt die aktive Nutzung von sozialen Medien mit ein. Der BBC Twitter-Account @BBCBreaking hatte Ende 2012 mehr als 4,5 Millionen Follower, die BBC World Facebook-Seite hatte mehr als 2,5 Millionen Fans.

Insbesondere der Dialog, der in den sozialen Medien zwischen dem jeweiligen Medium und den Nutzern entstehe, sei als Mehrwert zu beurteilen, vor allem für die jüngeren Nutzer, betont die britische Medien-Analystin Claire Enders im Gespräch mit Hahn.

„Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sollten in sozialen Netzwerken vertreten sein, weil sich dort das Publikum tummelt“, sagt Matthew Eltringham, BBC-Journalist und Social Media-Experte. „Die Leute verbringen drei- bis viermal mehr Zeit auf Facebook als auf den Websites der BBC. Wir müssen dort angeln, wo die Fische sind – und die Nutzer von Facebook auf unsere Websites holen.“

Auch BBC-Chefkorrespondentin Lyse Doucet ist der Ansicht: „Wer nicht auf Facebook und Twitter ist, bekommt nicht alles mit.“ Die sozialen Medien sind zweifellos eine wichtige Quelle für Nachrichten geworden – für Nutzer wie für Journalisten. Immer mehr Menschen suchen nicht aktiv nach Nachrichten, sondern „stolpern“ über sie auf Facebook oder Twitter. Im Digital News Report 2012 des Reuters Institute for the Study of Journalism heißt es, dass von 2173 Befragten ein Fünftel in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter auf Nachrichten aufmerksam werden, in der Altersgruppe der 16-24-Jährigen sind es sogar 40 Prozent.

„Twitter hat völlig verändert, wie ich an meine Informationen komme“, sagt auch Stuart Hughes, World Affairs Producer bei BBC. Bis vor drei Jahren habe er ausschließlich Nachrichtenagenturen und das interne BBC-Informationssystem genutzt. Heute überfliege er diese Quellen nur noch – und nutze stattdessen zu 80 Prozent Twitter. „Ich würde keinen einstellen, der nicht weiß, wie man Twitter nutzt“, meint Joanna Carr, Redakteurin bei BBC Radio 4. Für sie ist es ein Tool wie das Telefon, und „es weiß ja schließlich jeder, wie man ein Telefon bedient.“

Hahn kommt in ihrer Befragung dennoch zu der Schlussfolgerung, dass soziale Medien „keine Revolution, sondern eine Evolution für den Journalismus“ darstellen. Neue Technologien und das Internet hätten auf alle Fälle den Journalismus verändert, betont sie, aber auch das Arbeiten mit sozialen Netzwerken erfordere immer noch traditionelle journalistische Werte, wie Factchecking, Sorgfalt, Objektivität und eine Gatekeeper-Funktion der Journalisten.

Die Journalistin des Österreichischen Rundfunks weist in ihrer Untersuchung auch daraufhin, dass nicht alle Journalisten, die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten und soziale Netzwerke nutzen wollen, diese auch uneingeschränkt nutzen dürfen – sie selbst eingeschlossen.

So darf der ORF nur noch eingeschränkt auf dem sozialen Netzwerk Facebook aktiv sein. Vertreter des Verbandes Österreichischer Zeitungen (VÖZ) hatten die Facebook-Auftritte der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt kritisiert, da sie ihrer Ansicht nach „negative Auswirkungen auf die gesamtösterreichischen Werbeerlöse und die österreichische Online-Branche“ hätten. Sie bekamen Anfang 2012 von der Medienbehörde KommAustria und dem Bundeskommunikationssenat Recht, dass diese Aktivitäten gegen das ORF-Gesetz verstoßen.

Laut ORF-Gesetz ist dem öffentlich-rechtlichen Sender die Bereitstellung von „sozialen Netzwerken sowie Verlinkungen zu und sonstige Kooperationen mit diesen“ verboten, es sei denn, sie finden im Zusammenhang mit der eigenen tagesaktuellen Online-Überblicksberichterstattung statt. Der Verwaltungsgerichtshof hatte das Verbot Ende 2012 bestätigt. Ziel des ORF-Gesetzes sei gewesen, „derartige Online-Angebote aus Wettbewerbsgründen grundsätzlich anderen Medienunternehmen vorzubehalten“. Dem Gesetz zufolge dürfen die Facebook-Seiten des ORF „nicht im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Auftrags bereitgestellt werden“.

Seit November 2012 darf der ORF seine Facebook-Angebote wieder betreiben, da der Verfassungsgerichtshof nach einer Beschwerde des ORF dem Verbot sogenannte aufschiebende Wirkung zuerkannt hat. Neue Facebook-Seiten dürfen allerdings nicht entstehen.

Twitter ist im Verbot zwar nicht namentlich erfasst, aber dennoch gilt beim ORF, dass auch keine offiziellen Twitter-Accounts neu entstehen dürfen. Hahn und ihre ORF-Kollegen dürfen von ihren Artikeln auf den ORF-Websites weder zu Facebook noch zu Twitter oder anderen sozialen Netzwerken verlinken und auch keine Live Twitter Feeds vom ORF in ihre Websites einbinden.

Privat twittert Nadja Hahn unter @nadjasnews. Vor kurzem verlinkte sie dort mit folgenden Worten zu ihrer Studie: „Warum Social Media öffentlich rechtliche Pflicht ist und warum Österreich anders ist.“

Hier geht es zur kompletten Untersuchung von Nadja Hahn (als pdf-Dokument auf Englisch): What Good is Twitter? The Value of Social Media to Public Service Journalism

Bildquelle: Gerd Altmann / pixelio.de

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