Nachrichtenfaktoren beeinflussen Partizipation

22. Mai 2012 • Digitales • von

Während einige Beiträge auf Nachrichtenwebsites unkommentiert bleiben, entfallen auf andere dutzende Kommentare.

Eine Studie erklärt dieses Phänomen mit der Nachrichtenwerttheorie: Die Nachrichtenfaktoren eines Beitrags können durchaus die Anzahl der Kommentare beeinflussen.

Die 1965 von Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge entwickelten Nachrichtenfaktoren – Ereignismerkmale, die es wahrscheinlicher für ein Ereignis machen, zur Nachricht zu werden – dienen sowohl als journalistische Selektionskriterien als auch als Auswahlkriterien des Publikums. Patrick Weber vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich hat mittels einer Online-Inhaltsanalyse geprüft, ob sich das Modell auch auf selektive mediale Partizipation ausweiten lässt und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Befunde insgesamt dafür sprechen.

Weber hat mit Welt.de, FOCUS online und sueddeutsche.de drei Online-Angebote untersucht, die jeweils über eine beitragsbezogene Kommentarfunktion verfügen und die sich hinsichtlich der Kontrolle durch die Anbieter unterscheiden. So müssen sich die User bei sueddeutsche.de erst anmelden, bevor sie Beiträge kommentieren können, und bei FOCUS online werden Kommentare prinzipiell vor ihrer Veröffentlichung geprüft.

Das Angebotsranking deutscher Online-Angebote, das in den Internet-Facts 2008 II veröffentlicht wurde, lieferte die Auswahlgrundlage des Mediensamples. In der Studie wurden nur journalistische Online-Angebote berücksichtigt. Die reichweitenstärksten Angebote Spiegel online und Bild.de wurden ausgeschlossen, da sie  im Untersuchungszeitraum Oktober/November 2009 über keine artikelbezogene Kommentarfunktion verfügten.

Im Rahmen der Codierung wurden 251 Inlandsbeiträge und 285 Auslandsbeiträge erfasst. Die Analyse zeigte, dass sich In- und Auslandsberichterstattung deutlich hinsichtlich der Anzahl der Kommentierungen und der sie beeinflussenden Nachrichtenfaktoren unterscheiden.

Nur der Nachrichtenfaktor Schaden löst sowohl in nationaler als auch internationaler Berichterstattung mehr Kommentare aus. Die Nachrichtenfaktoren Kontroverse, Einfluss und Reichweite sind dagegen weder in der In- noch Auslandsberichterstattung relevant für die Anzahl der Kommentare, stellt Weber in seiner Studie fest.

Für Beiträge über das Inland ist der Nachrichtenfaktor Frequenz bedeutsam. Diese werden häufiger kommentiert, wenn Nutzer weniger Kontextwissen benötigen, um sich äußern zu können, weil über ein in sich abgeschlossenes Geschehen berichtet wird.

Zudem werden laut der Studie Artikel umso häufiger kommentiert, je mehr Vorwissen über einen Sachverhalt durch vorhergegangene Berichterstattung verfügbar ist oder je mehr fehlendes Hintergrundwissen durch journalistische Analysen ausgeglichen wird.

In der Auslandsberichterstattung sind vor allem Eigenschaften der Ereignisländer relevant: Berichte über Länder, die gleichzeitig einen hohen Status und große Nähe zu Deutschland haben, werden häufiger kommentiert. Bei Berichten über Länder, die Deutschland zwar sehr nah und verbunden sind, denen es aber gleichzeitig international an Macht und Wohlstand fehlt, ist allerdings mit weniger Kommentaren zu rechnen.

Wie erwartet hängen die Anzahl der Nutzerkommentare auch von der Kontrolle durch die Anbieter und der Anmeldung der Nutzer ab: Auf Websites, die die Hürden für mediale Partizipation hoch legen, sind deutlich weniger Kommentare pro Beitrag zu finden.

Weber, Patrick (2012): Nachrichtenfaktoren & User Generated Content. Die Bedeutung von Nachrichtenfaktoren für Kommentierungen der politischen Berichterstattung auf Nachrichtenwebsites. In: Medien&Kommunikationswissenschaft, 60. Jg., H.2, S. 218-239.

 

 

 

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