Jetzt mal langsam: Portraits brauchen ihre Zeit

29. Mai 2015 • Digitales, Internationales • von

Gabriella Hummel and Laura Brüllmann: Initiantinnen von One Day Portray

Gabriella Hummel and Laura Brüllmann: Initiantinnen von One Day Portray

Das Onlinemedium One Day Portray will es mit der schnelllebigen Medienwelt aufnehmen. Das Mittel? Journalismus, der sich Zeit nimmt für Inhalt und Qualität. Publiziert werden deshalb ausschließlich Portraits von Personen, die einen Tag lang begleitet wurden.

Vor zwei Jahren haben Gabriella Hummel und Laura Brüllmann gemeinsam das Journalismus-Studium abgeschlossen. Die Berufsrealität, die sie danach antrafen, entsprach jedoch nicht ihren Vorstellungen. Vertiefte Recherche und persönliche Gespräche? Fehlanzeige. Zeit ist ein rares Gut. Mit aufwendigeren Textsorten wie der Reportage oder dem Portrait kamen die Einsteigerinnen deshalb selten in Berührung.

Statt sich mit der Situation kampflos abzufinden, nahmen sie die Dinge selbst in die Hand. Innerhalb des vergangenen halben Jahres wurde aus der ersten Idee ein ernstzunehmendes Projekt: Das Onlinemedium One Day Portray. Darauf sollen ausschließlich Portraits erscheinen, für welche die Autoren und Autorinnen einen ganzen Tag mit der portraitierten Person verbracht haben. Hummel und Brüllmann haben dafür die Textsymbiose Reportage-Portraits kreiert.

Auf Sammeltour mit Crowdfunding

Im September soll ihr Projekt offiziell starten. Einmal wöchentlich werden die Portraits dann auf Deutsch und Englisch publiziert, um auch ein internationales Publikum anzusprechen. Wie die Beiträge aussehen könnten, zeigen die bereits veröffentlichten Schreibstücke auf der Homepage. Die Gründerinnen haben sich auch schon weitere Ideen gemacht: Einmal im Monat sollen One Night Portrays erscheinen und Menschen vorstellen, die ihren Alltag in der Nacht leben. Die eindrücklichsten Portraits sollen zudem jährlich in einem Buch erscheinen.

Die große Motivation der zwei Journalistinnen hat auf andere Schreibende abgefärbt. Einige von ihnen haben sich gemeldet um mitzuwirken. Einzig die Finanzierung ist noch offen. Knapp eine Woche bleibt dem Duo, um das Startkapital mittels Crowdfunding zu sammeln. Gelingt es, dürfte die Medienwelt bald um einige ausgefeilte Portraits reicher sein.

Jasmin Schraner hat für EJO mit Co-Gründerin Gabriella Hummel über das Projekt gesprochen.

EJO: Was zeichnet ein Reportage-Portrait im Vergleich zu klassischen Portraits aus?
Dass man sich genügend Zeit genommen hat, um eine Person in ihrem natürlichen Umfeld zu erleben. Wir zeigen auf, wie sich die Person verhält, wie sie sich gibt und was sie den ganzen Tag erlebt. Die Geschichte eines Menschen im Kontext seines Alltags verpackt, ist eine spannende und inspirierende Mischung.

EJO: Wer sind die Menschen, die auf One Day Portray portraitiert werden sollen?
Unser Motto lautet: Es geht nicht um besondere Menschen, sondern darum, das Besondere im Menschen zu finden. Für ein Portrait kommt also jeder und jede in Frage – es geht nur darum, es gut rüberzubringen. Das macht One Day Portray auch spannend.

EJO: Von Ihnen, Gabriella Hummel, sind bereits erste Reportage-Portraits erschienen. Wie waren Ihre Erfahrungen mit dieser Portrait-Form?
Extrem positiv. Es ist zwar anstrengend, sich einen Tag lang auf eine Person zu konzentrieren, bewusst da zu sein, zu beobachten und Momente einzufangen. Am Ende gab es aber immer sehr herzliche Umarmungen. Man baut eine Art Mini-Freundschaft auf, wenn man so viele Stunden miteinander erlebt. Der Text selbst entsteht dann meist in sehr kurzer Zeit.

EJO: Nach dem Journalismus-Studium habt ihr gemerkt, dass die Berufsrealität eine andere ist, als ihr sie euch vorgestellt habt. Was hat damals zu dieser Erkenntnis geführt?
Ich denke jeder, der Journalist werden will, hat eine gewisse – ich sage mal romantische – Vorstellung vom Beruf und davon, was dieser bewirkt und beinhaltet. Doch die Zeiten sind vorbei, in denen sich Journalisten Zeit nehmen konnten für ein Thema, in die Tiefe recherchieren und Leute treffen. Klicks und Zeit sind mittlerweile wichtiger als die Qualität einer Geschichte.

EJO: Schwingt da auch Kritik am Journalismus-Studium mit, das scheinbar an der Realität vorbeigeht?
Nein, das Studium kann schließlich nichts dafür, dass die Branche in einer Krise steckt. Das wurde uns auch einigermaßen realistisch vermittelt. Nur ist es schon so: Im Journalismus-Studium lernt man auch Reportagen und Portraits zu schreiben – Textsorten, mit denen man später im Job nur noch wenig in Berührung kommt.

EJO: Und das wollt ihr mit One Day Portray jetzt ändern. Was muss geschehen, damit sich ein Projekt wie das eure tatsächlich durchsetzen kann?
Die Leser müssen wohl bereit sein, dafür zu bezahlen. Im Internet herrscht eine starke Gratiskultur. Man ist es gewohnt, dass alles kostenlos ist. Aber nichts ist kostenlos. Irgendeiner zahlt immer. Wir wollen so werbefrei wie möglich bleiben. Gleichzeitig wollen wir One Day Portray auch jedem zugänglich machen – ein Dilemma. Das Problem ist: Die Zeit ist wohl noch nicht reif für bezahlte Online-Inhalte, deshalb müssen wir eine andere Lösung finden.

EJO: Um das Startkapital zu beschaffen habt ihr euch für eine Crowdfunding-Kampagne entschieden. Was versprecht ihr euch von dieser?
Crowdfunding ist eine großartige Weise, Werbung für das Projekt zu machen – das hätte man mit herkömmlichen Maßnahmen nie geschafft. Zudem können wir so eine erste Leserschaft gewinnen und schauen, ob die Leute unser Projekt überhaupt wollen. Wir haben eine extrem coole Crowd und viele Leute, die uns unterstützen. Das macht Freude und motiviert uns jeden Tag erneut.

EJO: Aber dennoch: One Day Portray soll kostenlos sein, ohne Werbung und trotzdem qualitativ hochwertig…. Das hört sich nach einem Riesenaufwand an! Was habt ihr für Lösungen, um das Projekt später finanzieren zu können?
Die Finanzierungsstrategie ist eine unserer nächsten grossen Aufgaben nach dem Crowdfunding. Wir haben uns bis jetzt bewusst alle Türen offengelassen und an vielen Modellen und Möglichkeiten herumstudiert – auch um zu schauen, was möglich ist und wo Kooperationen denkbar wären. Kooperationen mit anderen Medien werden wir wohl am ehesten pushen. In welchem Rahmen genau, wissen wir aber noch nicht.

EJO: Eure Crowdfunding-Kampagne läuft noch knapp eine Woche. Warum sollen die Leute euer Projekt unterstützen?
Weil die Goodies super sind! Und weil sie damit ein Zeichen für Journalismus setzen, der sich Zeit nimmt. Dafür gibt es kostenlos viele gute Portraits.

 

Link zur Crowdfunding-Kampagne von One Day Portray:
https://wemakeit.com/projects/one-day-portray

Weitere Informationen:
http://onedayportray.com

Bild: Ruben Assenberg van Eijsden

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