Onlinenachrichten im postfaktischen Zeitalter

3. Juli 2017 • Digitales, Forschung aus 1. Hand, Qualität & Ethik • von

In welchen Ländern haben Internetnutzer am ehesten Zugang zu vielfältigen, kritischen Nachrichten, Hintergrundberichterstattung und Analyse von professionellen Medien? Und welche Medienorganisationen können sich diese Form von Journalismus überhaupt noch leisten? Die Resultate einer am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung (IPMZ) der Universität Zürich durchgeführten Studie zeigen große Länderunterschiede und unterstreichen die Bedeutung öffentlicher finanzierter Nachrichtenangebote.

In Ländern, in denen ein starker öffentlicher Rundfunk vorhanden ist, sind Medienunternehmen am ehesten in der Lage, ihrem Publikum Analyse und ausgewogene Berichterstattung zu bieten.

Informationen aus dem Internet sind nur bedingt glaubwürdig – das zumindest denkt knapp ein Drittel der Internetnutzer in der Schweiz gemäß einer aktuellen Befragung des World Internet Projects. Anbieter von «Fake News» bevölkern das Netz und sind optisch häufig kaum von professionellen Medien zu unterscheiden. Und auch die digitalen Angebote von traditionellen Zeitungen und TV-Sendern bieten immer wieder Anlass für Kritik, da der omnipräsente Ressourcenmangel nicht selten zu Lasten der Inhalte geht. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Medien überhaupt noch wichtige Funktionen für die Demokratie –  etwa Information, Legitimation oder Integration – wahrnehmen und ein Gegengewicht zu Falschmeldungen im Internet darstellen können.

Zur Beantwortung wurden die Onlinenachrichten verschiedener Medienorganisationen (öffentlicher Rundfunk, privater Rundfunk, Zeitungsverlage, Boulevard- und reine Onlineanbieter) in Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Italien, Großbritannien und den USA untersucht. Die Studie beruht auf einer quantitativen, standarisierten Inhaltsanalyse von Onlinenachrichten. Insgesamt 1660 Artikel von 48 Medienunternehmen wurden in einer künstlichen Woche im Jahr 2012 erhoben. Untersucht wurde, ob die Berichterstattung Kriterien erfüllt, wie Hintergrundberichterstattung, Analysequalität, Relevanz von Themen, kritisches Hinterfragen und Integration verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in den öffentlichen Diskurs, etwa durch eine ausgewogene Berichterstattung, die ein breites Spektrum an Themen erfasst.

Die Ergebnisse zeigen, dass es große Länderunterschiede hinsichtlich der publizistischen Leistungsfähigkeit von Onlinemedien gibt. In Ländern, in denen das journalistische System von einem hohen Grad an Professionalität geprägt ist sowie ein starker öffentlicher Rundfunk vorhanden ist (z.B. Großbritannien, Deutschland oder die Schweiz) sind Medienunternehmen am ehesten in der Lage, ihrem Publikum Analyse, Hintergrundberichterstattung und ausgewogene Berichterstattung zu bieten. Dagegen berichten Onlinemedien in Ländern mit polarisierten Mediensystemen (z.B. Frankreich und Italien) häufiger kritisch-distanziert über die politischen und wirtschaftlichen Eliten.

Zudem lassen sich große Unterschiede zwischen den Nachrichteninhalten verschiedener Medienorganisationen zeigen. Interessanterweise schneiden reine Onlineangebote in Bezug auf analytische und kritische Berichterstattung besser ab als die meisten anderen Anbieter. Diese Medienangebote, z.B. Huffington Post, Rue 89 oder Open Democracy haben keine Entsprechung in der Offline-Welt und sind daher vergleichsweise neue Player auf den nationalen Medienmärkten. Um sich abzuheben und ihre Nische auf dem Medienmarkt zu finden, scheinen sie bewusst auf einen Kontrast zu den Kurzmeldungen der Mainstreammedien zu setzen. Politische und gesellschaftliche relevante Nachrichten, kombiniert mit einem großen Anteil an Analyse und Hintergrundberichterstattung werden vor allem von öffentlichen Rundfunkanbietern publiziert. Auch scheint es in Ländern, in denen der öffentliche Rundfunk reichweitenstark ist, einen Ausstrahlungseffekt auf private Anbieter zu geben.

Länderübergreifend zeigt sich, dass vor allem öffentlich finanzierte Medienunternehmen publizistisch leistungsstark sind, während ein Großteil der privat-kommerziellen Anbieter eher auf Kurznachrichten und Unterhaltung setzt. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die sukzessive Einschränkung der Publikationsmöglichkeiten von öffentlichen Medien im Internet, wie sie in einigen Ländern insbesondere von Verlegerseite vorangetrieben wird, vereinbar ist mit den normativen Anforderungen an Massenmedien in der Demokratie.

Humprecht, E. (2016). Shaping Online News Performance. Political News in Six Western Democracies. Basingstoke: Palgrave Macmillan.

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