Private Jalousien für die digitale Welt

29. November 2016 • Digitales, Qualität & Ethik • von

Wir bauen hohe Zäune um unsere Gärten, ziehen die Vorhänge zu, damit die Nachbarn uns nicht durchs Fenster schauen. Doch dass wir digital mehr und mehr in einer verglasten Wohnung mit durchsichtigen Möbeln leben, wollen wir nicht wissen oder wir resignieren. Wir haben aber Anspruch auf Privacy, auf Jalousien im Digitalen.

jalousienEs ist fünf Minuten vor zwölf, wenn wir uns nicht völlig des Privaten berauben lassen wollen, gläsern geworden durch Onlinekäufe, digital überwacht, berauscht durch Smart-Home, Smartphone und weitere im Wortsinn smarte Techniken: geschickt auf den eigenen Vorteil bedacht – wobei zu fragen ist, wer mit „eigen“ gemeint ist. Auch hier gehen die Einschätzungen auseinander, auch dies ein Signal, endlich hellwach und aktiv zu werden: Vernetztes Denken, vernetzte Fertigkeiten, vernetzte, somit gestufte ethische Verantwortung sind die Schlüssel für eine gelingende Transformation in eine digitale Gesellschaft. Ihr Rückgrat ist ein Publikums- und Privacy-Kompass; er hilft, innovative Technik zielbewusst zu nutzen.

Immer wieder hört man aber, in der vernetzten Welt sei Privatsphäre überholt und Datenschutz unmöglich, zumal es keine Garantie gebe, was künftig mit Daten geschehe. Eine Milieustudie für Deutschland (DIVSI 2016) belegt, wie diese Auffassung sich ausbreitet: Zwei von drei Befragten finden, man müsse sich halt an den freien Umgang mit persönlichen Daten im Internet gewöhnen; die meisten sehen zwar Staat und Unternehmen auch in der Verantwortung, aber über 80 Prozent die Einzelperson; und jeder zweite Befragte findet, er handle zurückhaltend im Netz. Michael Latzer (2015) ergänzt aus einer Umfrage in der Schweiz den Befund, dass die Nutzer verglichen mit 2011 mehr Selbstschutz betreiben, häufiger Datenschutzbestimmungen lesen und öfter verlangen, dass ihre persönlichen Daten gelöscht werden. Doch das „Privacy Paradoxon“, wonach Menschen ihrer Einsicht zum Trotz de facto häufig sorglos im Internet agieren, löst dies nicht auf.

Im Gegenteil: Der Diskurs wirkt wie mit angezogener Handbremse geführt; offenbar wird unterschätzt, mit welchen komplex ins Private eingreifenden Infrastrukturen wir uns zunehmend umgeben: wenn etwa Smart-Fernseher Gespräche im Raum auch an Drittanbieter weiterleiten können oder ein Raumtemperaturmesser auch aufzeichnet, ob die Personen im Raum sich schweißtreibenden Tätigkeiten widmen; oder wenn Facebook-Likes zu Rückschlüssen auf Intelligenz oder Parteiorientierung oder sexuelle Orientierung etc. herangezogen werden; oder dass selbst vorsichtiges Nutzerverhalten Schlüsse auf private Vorlieben ermöglicht.

Jeder von uns muss sich solcher Zusammenhänge bewusst sein und dann entscheiden, ob und was davon er will. Viele neue Produkte sind ja nicht generell schädlich. Sie können aber auf staatlicher, unternehmerischer und individueller Ebene so eingesetzt werden, dass sich die Grenzen zwischen dem, was jemand privat halten will, und dem, was er öffentlich preisgeben möchte, verwischen.

Den Gesetzgeber rufen oder ein Schulfach Medienkompetenz fordern, kann nützen, wird aber nicht genügen. Uns muss zuerst der Wert der Privatsphäre wieder klar werden: Betrachten wir sie als unveräußerliches Menschenrecht, dann leitet sich daraus der Anspruch ab auf Autonomie, Würde, Solidarität und Gerechtigkeit und damit auf Privacy-Schutz durch individuelle Kontrolle und verantwortliche Datenverarbeitung sowie auf Privacy-Kompetenz durch einen ethischen Kompass, der uns entscheiden hilft. Ethik liefert Verhaltensempfehlungen, sie begründet Handlungsoptionen und Einschränkungen – und hat verschiedene Akteure im Blick.

Ein Beispiel: Den Hinweis, dass ein Smart-Fernseher Gespräche im Raum verwertet, in einer dicken Gebrauchsanweisung zu vergraben, lässt sich auch als bewusste Desinformation aus Profitgründen interpretieren. Ein Beleg für Hersteller-Ethik hingegen wäre es, diesen Hinweis gut sichtbar auf Seite Eins der Anleitung zu platzieren – und ein verbraucherethisches Zeichen, an dem Konsumenten ihre Kaufentscheidung ausrichten könnten. Oder: Der Satz „Ich habe nichts zu verbergen“ mag beim Thema „innere Sicherheit“ Sinn machen, ist aber zugleich unsolidarisch. Denn eine solche Leitlinie würde jeden, der dennoch von seinem Recht auf Geheimnisse und persönliche Dinge Gebrauch macht, verdächtig machen, und wer eine Krankheit für sich behalten will, um deswegen nicht diskriminiert zu werden, stünde öffentlich am Pranger. Privatsphäre schützt auch vor den Blicken aller auf die Benachteiligungen mancher.

Es gibt Empfehlungen und Initiativen zu Internet Governance und Privacy, die die Kompetenz von Verbrauchern schärfen und „digitale Selbstverteidigung“ lehren – also zeigen, wie man auch im Digitalen Jalousien runterlässt. Hier sind Journalisten gefordert, sie müssten dazu beitragen, dass darüber systematischer informiert wird, sowie die Diskussion über Privacy anstoßen. Und Journalisten können direkt die Privacy-Kompetenz des Publikums fördern, indem sie deutlich machen, wann und inwiefern ein User-Kommentar die Privatsphäre anderer User verletzt. Und warum man nicht nur jemand helfen muss, dem vor aller Augen in der Straßenbahn Gewalt angetan wird,  sondern auch dem, der im Netz verbal verletzt wird.

Links

Internet-Governance-Foren
Österreich: igf-austria.at/
Schweiz: swiss-igf.ch/
Deutschland: intgovforum-deutschland.org/

Privacy International

Baumann, Max-Otto (2015): Privatsphäre als neues digitales Menschrecht? Ethische Prinzipien und aktuelle Diskussionen. In: Divsi (Hrsg.) Diskussionsbeiträge, 07.

Divsi (Hrsg.) (2016): Big Data. Eine Untersuchung des iRights.Lab im Auftrag des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet. Hamburg.

Divsi (Hrsg.) (2016): Internet-Milieus 2016. Die digitalisierte Gesellschaft in Bewegung. Hamburg.

Latzer, Michael (2015): Vertrauen und Sorgen bei der Internet-Nutzung in der Schweiz 2015. Themenbericht aus dem World Internet Project – Switzerland 2015. Zürich: IPMZ.

Erstveröffentlichung: derstandard.at vom 28. November 2016

Bildquelle: pixabay.com

 

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  • „…Es gibt Empfehlungen und Initiativen zu Internet
    Governance und Privacy, die die Kompetenz von Verbrauchern schärfen und
    „digitale Selbstverteidigung“ lehren – also zeigen, wie man auch im Digitalen
    Jalousien runterlässt….“

    Solche Initiativen sind gut gemeint und wichtig. Ich habe jedoch wenig Hoffnung, daß sie die Mehrzahl der Konsumenten erreichen. Im Gegenteil. Die sind inzwischen so besessen, stets die neueste Kommunikationstechnik zu haben. Der neuste Schrei sind die sog. Gesundheits-Apps mit Armbändern, die Blutdruck, Pulsschlag und jegliche Bewegung an irgendeine unbekannte I-Net Adresse senden, oft von Krankenkassen und sonst. Versicherungen gefördert. Alles freiwillig.
    Fehlt nur noch der Rauchmelder am Zeigefingerring und die können mir anhand meiner
    gerauchten Zigarren einen Gesundheitsmalus aufdrücken oder wenn ich meinen
    körperpflichtbewußten Halbmarathon heute nicht absolviere.

    Wohlbemerkt, es sind jetzt noch alles Angebote, die man freiwillig annehmen kann. Sind genügend Irre da, die sich das antun, wird es vermutlich zur Pflicht. Verweigerer zahlen sich dann dumm und dabbisch mit erhöhten Versicherungsprämien. Vorläufer sind die sog. Bonushefte beim Zahnarzt, die sicher bald auch digital im Netz stehen.

    Journalisten könnten durchaus beste Aufklärungsarbeit leisten.
    Auch gut gemachte Talk-Shows oder Doku Soaps wären sicher auch hilfreich. Es gibt sicher noch genug, die das gerne tun würden. Aber wo? In den MSM finden sie kaum Gehör. Die sind auf etwas anderes dressiert: Den vollständigen gläsernen Konsumzombie formen. Ob jedoch mehr Aufklärung zum Erfolg führt, bezweifle ich.

    Interessanter ist daher für mich die Frage: welche Beweggründe veranlassen den Menschen, sich freiwillig so ‚nackig‘ zu machen? Vor allem im Fratzenbuch und andere. Warum schützt er seine Privatsphäre nicht mehr – stellt sie oft vollständig öffentlich?

    Ein Vergleich mit dem, wie war es früher im Dorf als es noch kein Internet gab, steht noch aus. War der Mensch da weniger gläsern? Ich enke, nein. Es waren nur andere Mittel parat um ihn bei Laune zu halten – zu knechten. Mit einem Unterschied. Er war noch nicht von Familie und Sippe entwurzelt; fand dort noch seine Rolle im Spiel miteinander. Heute sucht er die krampfhaft im Außen. Solange dieser Aspekt ausgeklammert bleibt, werden die meisten Aufklärungsversuche scheitern. Es müßte also dem Menschen seine Beweggründe
    klar werden, alles von sich preis zu geben. Das gehört m. E. mit in das Aufklärungspaket.

    Erschreckend für mich ist auch die Beobachtung, daß alle Bildungsschichten mitmachen, entkoppelt vom eigentlichen Sinn des Lebens. Was der ist, weiß ich auch nicht, aber sich so vom Außen freiwillig vereinnehmen lassen, kann’s nicht sein.

    Danke Marlis Prinzing, ein ganz heißes Thema.

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