Schlechte Noten für ‘Citizen Journalists’

13. Juli 2010 • Digitales • von

Die „alten“ Medien sind, was Interaktivität anbelangt, besser als ihr Ruf – während „neue“ Medien wie Blogs und Social Media erheblichen Nachholbedarf in Sachen Qualität haben.

Zu diesem Ergebnis kommen mehrere internationale Studien, die kürzlich auf dem Weltkongress der internationalen Kommunikationswissenschaftler – der International Communication Association – in Singapur vorgestellt wurden.

So hatte ein Team der University Missouri die Web-Ausgaben von 187 etablierten Tageszeitungen in den USA im Vergleich zu 106 – teils preisgekrönten –Citizen Blogs bzw. Citizen Journalism Websites untersucht. Das Ergebnis: Die Web-Ausgaben der US-Tageszeitungen wurden von den Wissenschaftlern in vielen relevanten Kategorien besser bewertet. Die etablierten Medien lagen nicht nur in Sachen Interaktivität vorn – ihre Web-Ausgaben waren auch thematisch weit offener, boten mehr Informationen und wiesen technisch eine höhere Qualität auf. Erstaunlich viele Citizen Blogs verlinkten zudem nur selten auf andere Online-Angebote.

Ein Team der Universität Amsterdam hatte über 100 niederländische Politik-Blogs untersucht – auch hier ergibt die Studie ein ernüchterndes Fazit: Die meisten dieser Blogger sind männlich, weiß, mittleren Alters und üben gehobene Berufe aus – die erhoffte Diversifizierung des politischen Diskurses in der Blogosphäre ist also ausgeblieben. Zu einem überwiegenden Teil bezogen die Politik-Blogger ihre Informationen aus den Massenmedien, nur selten recherchierten die Blogger eigenständig Nachrichten und ergänzten so das von den traditionellen Medien gelieferte Informationsangebot. Vergleichsweise selten bezogen sich die Blogger zudem auf – oft vernachlässigte – lokale oder regionale Themen; stattdessen stand auch hier die nationale Politik im Vordergrund.

Die Qualität von klassischen Leserbriefen versus Rückmeldungen auf veröffentlichte Artikel per Kommentarfunktion im Internet hat ein Team der University of Arkansas vergleichend untersucht – am Fall einer Debatte um einen Bestechungsskandal an der Universität von Arkansas im Jahr 2008. Analysiert wurden zwar lediglich 25 Leserbriefe in der Tageszeitung Arkansas Democrat-Gazette und 96 Blog- bzw. Kommentar-Einträge auf der Website der Zeitung Arkansas Times – die Ergebnisse können aufgrund der geringen Stichprobe also sicher nicht verallgemeinert werden. Doch auch hier schnitt das „alte“ Medium Zeitung besser ab: Die Diskussionsbeiträge waren vielfältiger und komplexer, während im Internet seltener argumentiert und öfter geschimpft wurde.

Aber auch umgekehrt boten die in Singapur vorgestellten Studien Überraschendes: Eine Studie des College of Staten Island/CUNY hatte vergleichend untersucht, wie Journalisten versus Blogger über eine in den USA diskutierte Neufassung des Informantenschutzes für Journalisten berichtet hatten. Diese Debatte ist auch für Blogger relevant, stellt sich hier doch die Frage, ob Blogger künftig einen den Journalisten vergleichbaren Rechtsstatus erhalten sollen. Wider Erwarten diskutierten die Blogger den Fall weniger eigennützig, als die Forscher zunächst angenommen hatten.

Quellen:

Papers vorgestellt bei der Jahrestagung der International Communication Association vom 22. bis 26. Juni in Singapur.

Audience Responses to Controversy: Medium Comparison between Letters to the Editor and Blogs
Donna Lampkin Stephens, University of Central Arkansas, USA
Nokon Heo, University of Central Arkansas, USA

Comparing Legacy News Sites With Citizen News and Blog Sites:  Where’s the Best Journalism?
Margaret Ellen Duffy, University of Missouri, USA
Esther Thorson, University of Missouri, USA
Mi Rosie Jahng, University of Missouri – Columbia, USA

A Comparative Content Analysis of Newspaper and Weblog Reporting on Attempts to Pass a Media Shield Law
C.W. Anderson, College of Staten Island, The City University of New York (CUNY), USA

What’s Journalism Got to Do With It? Political Blogs and Bloggers
Tom Bakker, University of Amsterdam, The Netherlands
Klaus Schoenbach, University of Amsterdam, The Netherlands
Claes H. De Vreese, University of Amsterdam, The Netherlands

Autorin: Susanne Fengler

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