Totgeglaubte leben länger

3. November 2014 • Digitales, Ressorts • von

Siegfried Weischenberg hat eine großartige, aber leider auch ziemlich einseitige Spurensuche zu Max Webers Einfluss auf die Entwicklung der Publizistikwissenschaft vorgelegt.

Darin bekommt Elisabeth Noelle, die international wohl wirkungsmächtigste deutsche Kommunikationsforscherin der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, ein zweites und irgendwie auch zweitklassiges Begräbnis: Sie habe zu den „heimlichen Herrschern in Deutschland – seit Adenauer und bis nach Kohl“ gehört, aber „nach ihrem Tod, der publizistisch registriert wurde (mehr nicht), war sie dann – jedenfalls ausserhalb des Fachs – erstaunlich schnell vergessen.“ Ihre Mainzer Schule habe „jahrelang lang die deutsche Journalismusforschung mit Behauptungen dominiert, welche einer empirischen Überprüfung – jedenfalls auf Dauer – nicht Stand halten konnten“.

Das ist so pauschal schlichtweg Unfug – und obendrein war Weischenberg vorschnell. Denn die „Pythia vom Bodensee“, wie Noelle auch genannt wurde, ist zumindest wissenschaftlich wieder in aller Munde. Forscher beziehen sich auf Noelles Schweigespirale, um die Wirkungen von sozialen Netzwerken auf die öffentliche und halböffentliche Kommunikation zu beobachten. Am Beispiel der italienischen Parlamentswahlen zeigt Cristina Malaspina von der London School of Economics, dass in Italien Facebook und Twitter es den Menschen leichter gemacht hätten, ihre Meinung öffentlich preiszugeben.

Im Pew Research Internet Project wurde in den USA soeben der Frage nachgespürt, wie sich die insgesamt in den USA sehr polarisierte Diskussion um die NSA-Enthüllungen Edward Snowdens bei Facebook, Twitter & Co entfaltet. In Interviews mit insgesamt 1800 Probanden fanden die Forscher heraus, dass sich die grosse Mehrheit auch in den sozialen Netzwerken nicht mehr exponiert als sonst: 86 Prozent der Befragten gaben an, in einem persönlichen Gespräch Stellung zu Snowden und der NSA-Überwachung beziehen zu wollen, aber nur 42 Prozent würden das auf Facebook und Twitter tun. Von den 14 Prozent der Befragten, die Snowden/NSA nicht im persönlichen Gespräch diskutieren wollten, waren nur 0,3 Prozent bereit, sich dazu in sozialen Medien zu äußern.

Und – der wohl wichtigste Befund: Sowohl im persönlichen Gespräch als auch in den sozialen Medien gilt, wer seine Gefolgschaft auf seiner Seite zu wissen glaubt, äußert sich deutlich eher als diejenigen, die befürchten müssen, bei Preisgabe ihrer persönlichen Meinung isoliert zu werden.

Quellen:

Siegfried Weischenberg: Max Weber und die Vermessung der Medienwelt. Empirie und Ethik des Journalismus – eine Spurenlese,.Wiesbaden: Springer VS, 2014

Cristina Malaspina: The Spiral of Silence and Social Media: analysing Noelle-Neumann’s phenomenon application on the Web during the Italian Political Elections of 2013, London School of Economics and Political Science

Keith Hampton et al: Social Media and the ‘Spiral of Silence’, Posting des Pew Internet Research Project v. 26.8.2014

Bildquelle: Martin Fisch/flickr.com

Erstveröffentlichung: Schweizer Journalist Nr. 10+11/2014

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