Tracking und Transparenz

12. Juli 2017 • Aktuelle Beiträge, Digitales • von

Nur jeder zehnte User zahlt für Online-Nachrichten; jeder fünfte installiert Werbeblocker auf dem PC. Noch ahnen viele Nutzer nicht, wie stark ihr Surfverhalten kommerzialisiert wird.

Was wir online machen, hinterlässt Datenspuren. Sie zu „tracken“, also zurückzuverfolgen, offenbart private Vorlieben und bringt so Werbegeld ein. Weil die Europäische Union nun auch da die ePrivacy besser schützen will, empören sich Medienunternehmen – und übersehen dabei Chancen.

Aus „Browsing-Histories“ über unsere Wege im Netz entwickeln Werber Anzeigen, die auf Verhaltensweisen und Zielgruppen zugeschnitten sind. Das ist nicht neu. Überraschen mag aber, wie wichtig ausgerechnet für Nachrichten-Webseiten dieses Geschäft ist. Eine Studie aus den USA für 2015 illustriert dies: Die beliebtesten Nachrichtenseiten verkauften die Surf-Spuren ihrer Nutzer an durchschnittlich 20 „Third-Party“ Server, also an Server von Dritten – und damit an doppelt so viele wie andere Webseiten; die New York Times bediente sogar 44 kommerziellen Tracker, also Onlinespuren-Leser – allen voran Google und Facebook.

Nutzer merken davon meist nichts. Das will die EU-Kommission mit ihrem Vorschlag für eine neue ePrivacy-Richtlinie ändern. Für deutsche (und europäische) Verlagshäuser ist das Tracking-Geschäft ebenfalls bedeutsam. Sie verfassten einen offenen Brief  gegen die Richtlinie. Denn sie sähe vor, dass Nutzer selbstbestimmt entscheiden, ob sie Tracking wollen, und will das Werbe-Oligopol von Google, Facebook und Co. aufweichen. Die Medienhäuser hingegen würden lieber ein größeres Stück dieses Kuchens haben und fürchten, geringere Trackingerlöse höhlten ihr jetziges Geschäftsmodell aus.

Ihre Sorge ist nachvollziehbar, zumal sie seit Jahren ihr Geld immer härter verdienen. Der neue Digital News Report des Reuters Instituts in Oxford, für den 70.000 Personen in sechs Ländern befragt wurden, hält fest: Nur rund jeder Zehnte zahlt für Online-Nachrichten; jeder fünfte installiert Werbeblocker auf dem Computer. Noch ahnen viele Nutzer nicht, dass gerade jene Medienhäuser ihr Surfverhalten besonders stark kommerzialisieren, bei denen sie das nicht vermuten, denen sie, so der Reuters-Bericht, mehr trauen als sozialen Medien und an deren Apps sie das Gefühl größerer Privatsphäre schätzen. Deshalb ist der Fokus der Verlagshäuser auf Tracking ein Spiel mit dem Feuer. Sie sollten ihren Glaubwürdigkeitsvorsprung nicht aufs Spiel setzen, sondern ihr Geschäftsmodell lieber auf ihn und damit auf eine vertrauensvolle Beziehung zu einem aufgeklärten Publikum bauen.

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 11. Juli 2017

Bildquelle: pixabay.com

Print Friendly

Schlagwörter:, , , , , , , ,

  • Bear Lohan

    Für mich ist die Diskussion ganz einfach, es geht nicht mehr darum mit Werbeeinschaltungen einfache Werbebotschaften zu geben, sondern ausschließlich um das Ausspionieren und Erlangen von Nutzer bezogenen Daten, da ist die Werbebotschaft nur noch Nebenprodukt. Solange Tracker in der Werbung installiert sind, bleibt bei mir ein wirksamer Werbeblocker und Trackingschutz installiert und aktiviert. Sollte dies irgendwann einmal kriminalisiert und verboten werden, werde ich darauf verzichten Seiten mit Werbebotschaften zu besuchen. Wer seine Daten bei Facebook und Co freiwillig Preis gibt, hat seine eigene Entscheidung getroffen, aber ungefragt alle persönlichen Daten mit Supercookies und Co zu stehlen ist in meinen Augen kriminell.

Send this to friend