Türkei-Korrespondenten: Twitter für Anfänger

24. Juni 2015 • Digitales, Forschung aus 1. Hand • von

In Zeiten von Zensur ist Twitter eine wichtige Quelle für türkische Journalisten geworden. Auch deutsche Korrespondenten in der Türkei nutzen den Microblogging-Dienst – allerdings nur unstrukturiert – wie eine Studie zeigt.

Soziale Medien sind wichtige Quellen für deutsche Korrespondenten in der Türkei geworden.

Soziale Medien sind wichtige Quellen für deutsche Korrespondenten in der Türkei geworden.

Nach den Parlamentswahlen in der Türkei Anfang Juni hoffen viele Journalisten auf eine Rückkehr zur Pressefreiheit. In den Ergebnissen sehen türkische Oppositionsmedien bestätigt: Die autoritäre Regierung ist abgestraft worden. Was jetzt kommt, ist zwar noch unklar. Fest steht jedoch: Journalisten in der Türkei sind nach wie vor auf der Hut. Das haben sie in den letzten Jahren gelernt.

Regierungsvertreter kritisieren und schmähen Journalisten teilweise öffentlich. Sie reagieren aber auch schlicht mit dem Entzug von wichtigen Informationen. Zugleich bewegen sich Journalisten in einem Land, in dem soziale Medien eine sehr große Rolle spielen – sei es, um Selfies zu posten oder den Standort von Wasserwerfern zu melden. Die Bedingungen betreffen auch deutsche Korrespondenten. Für sie ist jedenfalls klar: „Offizielle Quellen sind oft keine.“ So sagte es einer der Korrespondenten, den die Autorin für ihre Bachelorarbeit „Gezwitscherte Zitate. Wie deutsche Auslandskorrespondenten in der Türkei Twitter als Recherchetool nutzen“ befragte.

Bereits vor der Wahl war Lara Enste, Studentin der TU Dortmund, in die Türkei geflogen und hatte dort sechs deutsche Korrespondenten in qualitativen Interviews befragt. Im Fokus: Die Nutzung des sozialen Mediums Twitter im Kontext ihrer Arbeitsbedingungen und Quellen.

Korrespondenten nutzen Twitter viel – aber unstrukturiert

Die wichtigste Erkenntnis: Twitter ist für die Korrespondenten ein  professionelles Instrument. In fünf von sechs Fällen ist das Anschaffen des Accounts direkt mit der Korrespondentenposition  verknüpft gewesen. Dabei hat keiner der Befragten einen offiziellen Redaktionsaccount, aber alle nutzen das Netzwerk rein beruflich. Einige betonen sogar ihre Widerwilligkeit – und dass sie privat keineswegs auf das Netzwerk zurückgreifen würden. Teilweise delegiern sie die Recherche über soziale Medien – Mitarbeiter oder Stringer nutzen Twitter. Aktiv twittert nur einer der Befragten. Und selbst er sagt: „Ich nutze das wirklich sehr rudimentär und in den Gebieten, in denen mir das nützt: schnelle Kontaktaufnahme, schnelle Info-Aufnahme – alles andere […] ist mir noch nie in den Sinn gekommen.“ Ein anderer bezeichnete sich als „Trittbrettfahrer“ des Microblogging-Dienstes.

Wenn der Bus im Stau steckt, als erstes morgens in Büro oder bei konkreten Rechercheanlässen: Für deutsche Korrespondenten in der Türkei ist Twitter eine Suchhilfe, die sie regelmäßig nutzen, aber größtenteils nicht systematisch auswerten. Sie wird in unterschiedlichem Maße in die individuelle Arbeitsweise integriert: Zwei der Befragten haben Twitter ständig geöffnet, andere immer wieder zwischendurch, scrollen dann durch ihren Newsfeed. Nur einer nutzt die Übersichts- und Managementplattform Tweetdeck. So hat er Accounts und Stichworte nach seinen Berichtsländern sortiert und nicht mehr „dauernd das Gefühl, man verpasst was.“

So wenig, wie eine systematische Nutzung zu erkennen ist, ist auch eine professionelle Ausbildung diesbezüglich die Regel. Nur zwei der Befragten haben den Umgang mit sozialen Medien in einer Fortbildung gelernt. Aber auch ohne Schulung betonen alle, dass sie ohne Twitter kaum mehr arbeiten könnten – zu oft zitieren sie aus dem Netzwerk, finden hier Themen oder verifizieren Nachrichten, die über die staatlichen Nachrichtenagentur kommen: „Es ging früher ohne, aber heute wäre es sehr viel schwieriger, weil die Kollegen das natürlich auch machen. Insofern: Ich kann es mir schwierig ohne vorstellen.“

Im Land der eingeschränkten Internetfreiheit

Nicht an jedem Tag aber ist die Arbeit mit dem Microblogging-Dienst uneingeschränkt möglich: Am 21. März 2014 wurde in der Türkei der Zugang zu Twitter blockiert, am 27. März dann auch die Videoplattform YouTube. Am 2. April stellte das türkische Verfassungsgericht fest, dass die Sperre von Twitter den Artikel 26 der Verfassung zur Meinungsfreiheit verletze, allerdings wurde der Microblogging-Dienst daraufhin nicht direkt wieder freigegeben. Die meisten Korrespondenten installierten sofort VPN-Tunnel auf ihren Smartphones, im Büro arbeiteten vier der sechs befragten Journalisten ohnehin schon vorher standardmäßig über den Server ihrer Heimatredaktion. Doch das ist nicht die einzige Einschränkung des Microblogging-Dienstes: Obwohl die Netzwerke inzwischen wieder freigegeben sind, nutzt die Regierung auch vermehrt Gerichtsbeschlüsse, um Twitter dazu zu bewegen, Inhalte zu löschen: Für die zweite Jahreshälfte 2014 verzeichnete Twitter beispielsweise weltweit 376 „removal requests“ nach Gerichtsbeschlüssen – 328 davon kamen aus der Türkei.

Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – arbeiten Journalisten mit dem in der Türkei sehr beliebten Twitter. Die deutschen Korrespondenten folgen vielen türkischen Kollegen – auch einigen, die seit der Gezi-Proteste keine Stelle mehr haben. „Diese Kollegen arbeiten heute zum Teil in selbstorganisierten Webseiten […] und auch diese Kollegen nutzen natürlich, um für ihre Internetzeitungen zu werben, sehr intensiv Twitter,“ berichtet ein Befragter. In vielen Medien werden türkische Journalisten nach und nach durch AKP-nahe Kollegen ersetzt. Zugleich besteht stets das Risiko des Jobverlusts oder einer Anzeige nach einem der Paragraphen im Strafrecht und in den Terrorismusgesetzen. Im von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebenen Medienbarometer 2014  betonen alle Experten im Panel, dass Selbstzensur deshalb stark zunehme.

Rechercheziele sind anders als die von Kollegen in Deutschland

Der Microblogging-Dienst dient verschiedenen Recherchezielen. Dabei unterscheiden sich die Korrespondenten in der Türkei nicht stark von den Untersuchten in Christoph Neubergers Studien über die Nutzung von Twitter durch Journalisten in Deutschland von 2010 und 2014. Ein neues Rechercheziel gegenüber diesen untersuchten deutschen Redaktionen ist in der Türkei vor allem die Suche nach griffigen Zitaten. In der Praxis haben sich die Korrespondenten dazu größtenteils eigene Standards gesetzt. Bei vielen Medienunternehmen scheint es aber keine klaren Regeln zur Verifikation von Zitaten über Twitter zu geben, nur zwei der sechs befragten Korrespondenten kannten überhaupt Richtlinien ihres Hauses.

Während in Deutschland laut Neuberger vor allem Themenfindung eine Rolle spielt, versuchen die befragten Korrespondenten in der Türkei auch, Informationen der staatlichen Nachrichtenagentur zu verifizieren oder Kontakt zu NGOs aufzunehmen. Weil ein Misstrauen gegenüber Medien herrscht, sind viele Demonstranten oder oppositionelle Aktivisten einfacher über das Netzwerk zu kontaktieren. Zudem ist Twitter immer wieder selbst Gegenstand der Berichterstattung. Generell möge er Twitter nicht unbedingt, sagte ein Korrespondent, aber:  „Hier in dem Land, in dem wir uns bewegen, erlaubt Twitter einen Blick auf eine mögliche Gegenöffentlichkeit, die von den etablierten Nachrichtenkanälen gemieden wird. Insofern ist es unerlässlich, weil es dir einen Anhaltspunkt dafür gibt, dass da was im Argen liegt.“ Nach diesem Anhaltspunkt gehe die Recherche dann selbstverständlich auf allen Kanälen weiter – auch offline.

Mehrere Korrespondenten haben Twitter schon als niederschwellige Kontaktmöglichkeit genutzt – in der Türkei funktioniert dies zum Teil schneller als über Mails. Sie waren jedoch skeptisch, weil auf dem Weg zur Privatnachricht oft erst öffentliche Posts stünden. Die Korrespondenten waren unsicher, wer so auf die Kontaktversuche aufmerksam würde.

Die schnellere Medienschau

Twitter ist für die Korrespondenten schlicht wichtig, weil die übrige Quellenlage teilweise schwierig ist. Zu offiziellen Pressekonferenzen der Regierung würden sie schon lange nicht mehr geladen, berichtet ein Korrespondent. Der Pressesprecher der bisher regierenden Partei AKP ginge nicht mal an sein Handy, wenn kritische Berichterstattung im Raum stünde. Zwei Drittel der Korrespondenten beziehen türkische und deutsche Agenturen. Primärquellen wie Tweets mit Fotos sind in diesem Zusammenhang schwer zu verifizieren, aber teilweise unverzichtbar. Immerhin funktioniert das Netzwerk auch als eine Art Medienschau:  Die Korrespondenten können durch Twitter Oppositionsmedien schnell und leicht verfolgen. Denn spätestens seit den Protesten im Gezi-Park ist Twitter auch Ausspielkanal für kritische Journalisten und übersichtlicher, als einzelne Blogs zu beobachten. So lange man die Stimmung auf Twitter nicht als Stimmung der Gesellschaft auffasse, sei auch alles gut, sagte ein Korrespondent. Man dürfe nicht vergessen, dass nur eine bestimmte Klientel twittere. “Also, wenn man die Türkei nur aus Twitter porträtieren würde, wüsste ich nicht, ob man ein realistisches Bild finden würde.“

Klassische Recherchewege sind in der Türkei demnach unerlässlich – die Themenfindung über Twitter aber ebenso. Die Korrespondenten sind dafür mal besser, mal schlechter ausgerüstet. Die Bachelorarbeit über die gezwitscherten Zitate zeigt, dass das Netzwerk auch per „Learning by doing“ erschlossen werden kann. Dennoch sollten Medienhäuser über Fortbildungen zu Social-Media-Recherche und einheitliche Standards zum Zitieren von Tweets nachdenken. Dann könnten die Korrespondenten auch noch professioneller das Netzwerk nutzen, das in der Türkei eine mögliche Gegenöffentlichkeit darstellt.

Enste, Lara (2015): Gezwitscherte Zitate – wie deutsche Auslandskorrespondenten in der Türkei Twitter als Recherchetool nutzen. TU Dortmund, unveröffentlichte Bachelorarbeit.

Bildquelle: Esther Vargas/flickr.com

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