Ein Handbuch für das digitale Zeitalter

27. Februar 2014 • Digitales • von

Online-Journalisten, die von Nutzern generierte Inhalte nach  Informationen für ihre Recherche durchsuchen, können auf ein neues Tool zurückgreifen. Das European Journalism Centre hat ein Team renommierter Medienanalysten um einen Leitfaden gebeten, der erläutert, wie nutzergenerierte Inhalte am besten verarbeitet werden können.

Anthony De Rosa (Circa), Mathew Ingram (GigaOm), Craig Silverman (Poynter) und Steve Buttry haben ein Handbuch entworfen, das Journalisten helfen soll, über Krisensituationen zu berichten und dabei die typischen Stolperfallen im Umgang mit Quellen aus sozialen Medien zu vermeiden. Das „Verification Handbook“ kann als PDF-Dokument und als eBook kostenlos heruntergeladen werden.

Wie der Titel schon andeutet, bietet das Handbuch Tipps, wie Journalisten den Wahrheitsgehalt von Videos, Bildern und anderen nutzergenierten Inhalten überprüfen können. Repräsentative Fallstudien illustrieren dabei jeweils unterschiedliche Strategien, die sich in verschiedenen Situationen anbieten.

So verweist Stéphanie Durand (United Nations Alliance of Civilizations) in ihrem Beitrag darauf, dass soziale Medien während der humanitären Krise in der nigerianischen Stadt Jos zwar Fehlinformationen verbreiteten, sie aber dennoch nützlich für die Arbeit der Journalisten waren, da sie über die Online-Plattformen mit Bürgern Kontakt aufnehmen konnten. „Soziale Medien bieten auch eine Plattform, um Gerüchten zu begegnen und Informationen richtig zu stellen, sodass damit das nötige Vertrauen und die nötige Transparenz erreicht werden können, um eine Eskalation des Konfliktes zu vermeiden“, so Durand.

In der Tat ist einer der Knackpunkte, den Journalisten bei der Nutzung sozialer Medien in Krisensituationen beachten müssen, dass Informationen aus sozialen Medien keinen Schaden anrichten sollten. Wie Mat Honan vor einiger Zeit in Wired schrieb, sollten Twitter-Nutzer, die bei einer Katastrophe nicht direkt vor Ort sind, auf Berichte und Kommentare zu dem Geschehnis verzichten. Nur so könnten sie Verwirrung und Unsicherheit vermeiden und gewährleisten, dass wichtige und hilfreiche Informationen nicht durch unnötige Tweets überdeckt werden.

Das Handwerk, sich durch konfuse Informationsknäuel in sozialen Medien zu kämpfen, ist eine absolute Basiskompetenz für Journalisten, stellt Steve Buttry klar. Er befasst sich in seinem Beitrag im Handbuch damit, wie sich die Methoden zur Überprüfung von Informationen im Lauf der Zeit durch neue Technologien gewandelt haben. Die neuen Technologien haben ohne Zweifel viele Errungenschaften für die Nachrichtenproduktion gebracht, doch sie haben auch Manipulation erleichtert und geben Propaganda eine äußerst willkommene Plattform. Deshalb, so Buttry, „bedingt der Segen digitaler Videoproduktion – wie auch die Vorteile anderer digitaler Technologien – eine gesteigerte kritische Aufmerksamkeit.“

In diesem Zusammenhang erscheinen die Ideen von Malachy Browne von Storyful äußerst interessant: Er beschreibt, wie er ein auf You Tube gepostetes Video überprüfte, das ein Athlet beim Boston Marathon gemacht hatte und das die Explosion entlang der Laufstrecke zeigte. Er nutzte dazu digitale Werkzeuge wie Google Street View und Twitter, um einzelne auf dem Video zu sehende Details zu checken.

Mathew Ingram beschreibt, wie wichtig es ist, dass Journalisten sich ein Netzwerk aus voneinander unabhängigen, verlässlichen Quellen bei Twitter aufbauen, die sie im Zweifelsfall zu einem Geschehnis befragen können. Ingram verweist auf Andy Carvin (Npr) und seinen „Twitter Newsroom“ als exzellentes Beispiel für solche Rechercheansätze. Carvin bündelt in diesem Newsroom Quellen aus den Ländern im Nahen Osten. Er folgt bestimmten Personen auf Twitter und hat ein persönliches Überprüfungssystem aufgebaut, mit dem er vertrauenswürdige Informationen gewinnen kann.

In einem Fall wurde ein Foto von der Explosion einer Mörsergranate in Libyen an Carvin gesandt – sein Netzwerk aus Twitter-Kontakten half ihm dabei, den Waffentypus und das Herstellungsland zu identifizieren. Das führte zu der Erkenntnis, dass die Waffe nicht aus Israel stammen konnte. Was Ingram als „verantwortungsvolles Crowdsourcing“ bezeichnet, trifft auch auf die Arbeitsweise von Brown Moses zu. Der britische Blogger beschäftigt sich mit der Herkunft und Beschaffenheit von Waffen, die im syrischen Bürgerkrieg eingesetzt werden – und hat sich bei dieser Thematik bereits den Status einer vertrauenswürdigen Quelle bei vielen internationalen Medien erworben.

Das letzte Kapitel des Handbuches listet einige digitale Werkzeuge auf, die Journalisten nutzen können, wenn sie nutzergenerierte Inhalte in Netzwerken prüfen wollen. Die Liste ist in drei unterschiedliche Kategorien unterteilt: Verifizierung der Identität einer Quelle, Lokalisierung des dargestellten Geschehnisses und die Überprüfung von Bildern auf ihren Wahrheitsgehalt.

Das Handbuch bietet mehr als einen guten Ausgangspunkt, um mit digitalem Material verantwortungsvoll zu arbeiten. Es zeigt auch, dass die Überprüfung von Quellen keine Ausnahme, sondern die Regel sein sollte – so wie es die BBC seit Jahren mit ihrem Verifizierungs-Pool macht.

Übersetzt aus dem Englischen von Karen Grass

Artikel auf Englisch: Verifying Sources, a Handbook for the Digital Age

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