Verschwörungstheorien

27. April 2015 • Digitales • von

Ein Alarmsignal erreicht uns aus Italien: Medienforscher haben dort genauer unter die Lupe genommen, wie sich blanker Nonsens und Verschwörungstheorien im Vergleich zu halbwegs verlässlicher oder gar wissenschaftlich „geprüfter“ Information in sozialen Netzwerken wie Facebook ausbreiten. Ein Forscherteam um Walter Quattrochiocchi vom Institute for Advanced Study in Lucca hat zu diesem Zweck 270.000 Postings auf 73 Facebook-Seiten analysiert.

Das ernüchternde Fazit: Gegen gezielte oder geschrotete Desinformation haben jene Forscher und Journalisten, die altmodisch als Aufklärer unterwegs sind, kaum eine Chance. Offenbar ist das Tempo und auch die Intensität, in der sich Unfug herumspricht, also „geliked“ und „geshared“ wird, zu hoch. Zwar haben Journalisten, die sich um „Wahrheitsfindung“ und um ein ausgewogenes Urteil bemühen, im hochpolitisierten italienischen Kontext seit jeher einen schweren Stand, aber durch die sozialen Netzwerke geraten sie vollends ins Hintertreffen.

Über die Faktenlage sind sich auch bei uns und im angelsächsischen Sprachraum die Medienforscher weithin einig: Die „Mainstream-Medien“ und mit ihnen seriöse Journalisten haben ihre Rolle als dominierende Schleusenwärter in der Öffentlichkeit und damit im gesellschaftlichen Diskurs verloren. Kontrovers diskutiert wird hingegen noch immer, welche Folgen das für die Gesellschaft hat. Internet-Gurus wie James Surowiecki und Clay Shirky, die an Schwarmintelligenz und an das Veränderungspotential der Vielen glauben, stehen Skeptikern gegenüber, die befürchten, dass Trolle und anderer Pöbel in den sozialen Netzwerken und in Kommentaren schon lange die Vorherrschaft übernommen haben.

Das Pendel ist in jüngster Zeit deutlich in Richtung der Skeptiker ausgeschlagen. Eine ganze Reihe seriöser Newssites hat zudem Hate Slams veranstaltet, um auf die vielen Leserkommentare unter der Gürtellinie aufmerksam zu machen. Andere haben ihre Kommentarspalten dicht gemacht, weil sie der Desinformation und dem Abschaum einfach nicht mehr Herr werden.

Was jetzt die italienischen Forscherkollegen herausgefunden haben, entmutigt weiter. Aufgeben sollten wir dennoch nicht. Albert Camus zufolge sollen wir uns Sisyphos als „glücklichen Menschen“ vorstellen, wenn er seinen schweren Felsbrocken immer wieder gipfelwärts wälzt. Obschon er ja weiß, dass dieser neuerlich zu Tal rollen wird.

 

Erstveröffentlichung: Tagesspiegel online vom 27. April 2015

 

Bildquelle: AK Rockefeller/Flickr.com

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  • volki

    Verschwörungstheorie ist ein Kampfbegriff………auch wenn es viele Spinner gibt!

    (Die CIA hat den Begriff geprägt, weil das US Volk sehr skeptisch auf das Kennedy Attentat reagiert hat..)

    Ich weiss auch welcher Staat……über grosse Deutungshoheit verfügt……weit bis in die letzte Ritze westlicher Leitmedien…..wie das geht haben Telepolis, kritische Nachdenkseiten, Udo Ulfkotte und Uwe Krüger…..meiner Meinung nach klar belegt!

    Für mich haben die Leitmedien fertig…….die alternativen Medien haben mir die Augen geöffnet….ich weiss antürlich das ein anderer Machtraum das für sich ausnutzt…..aber Herrschaftspiele gehen mir am Arsch vorbei…..bin eh der Meinung das die Dominanz allein durch einen Staat scheisse ist!

    ( Andere haben ihre Kommentarspalten dicht gemacht)

    Ja….,weil sie die Wahrheit die ihnen die Leser gepost haben…nicht ertragen haben)

  • Anja Boettcher

    “Die „Mainstream-Medien“ und mit ihnen seriöse Journalisten haben ihre
    Rolle als dominierende Schleusenwärter in der Öffentlichkeit und damit
    im gesellschaftlichen Diskurs verloren.”

    Na ja, ich sehe vielmehr das Problem, dass ich in den Mainstream-Medien kaum noch solide Journalisten, die sich erkennbar um “Wahrheitsfindung” abmühen, antreffen kann – vielleicht noch unter dem einen oder anderen Zulieferer eines “Gastbeitrags” (falls der nicht davon leben muss, sondern primär woanders sein Auskommen findet, sodass er sich den Luxus erlauben kann, den Abdruck seiner Texte nur im Falle ihrer Unversehrtheit zu erlauben), aber kaum unter den Ressorleitern oder den für sie noch fest schreibenden wenigen Festangestellten. Die “Freien” dagegen können sich kaum dagegen verwehren, dass ihre Beiträge so zurechtgestutzt und durch verordnetes “Wording” passend ideologisch eingefärbt werden, bis sie in die jeweils ‘angesagten’ Wochenkampagnen passen.

    Die Uniformität & Konformität der medialen Präsentation von Wirklichkeit, die den divergierenden & pluralen Erfahrungen der Bevölkerung widersprechen, die strukturelle Einförmigkeit der sie vermittelnden Narrative sowie die schrille, rein in Dichtomien erfolgende, stets aber inzwischen in die Darstellung, die nirgendwo sich zunächst einmal auf neutrale Deskription beschränken kann, aufdringlich drängende Urteilsvermittlung anstelle von Inhalten haben für einen wachsenden Ekel der Leser gesorgt. Auch nach einem anstrengenden Arbeitstag ist das Bewusstsein dafür noch vorhanden, dass die Wirklichkeit so simpel nicht sein kann, wie selbst Blätter sie erscheinen lassen, die sich empört gegen den Vorwurf der Boulevardisierung verwehren.

    Es wird immer deutlicher, dass in einer ökonomisch immer ungleicheren Welt Journalisten nur für eine kleine Elite schreiben, für die sie die Meinungshoheit sichern wollen. Dies geschieht sicher nicht reflektiert: Vielmehr wird in vielen schmeichelhaften Begegnungen, die neue fördernde Gelegenheiten versprechen, auf Tagungen, bei Netzwerktreffen oder Einladungen zu Events eine “strukturelle Korruption” (Noam Chomsky) erzeugt, die dafür sorgt, dass das Endprodukt für die Leser völlig belanglos ist. Ohne klar umreißbare Repression ereignet sich eine Einförmigkeit der Darbietungen, die sich am Alltag der Menschen bricht und dafür sorgt, dass die veröffentlichte Meinung, wie in Joseph von Eichendorffs Erzählung “Auch ich war in Arkadien” wieder als aufgetakelte Hure erscheint, die im grellen Licht des Hofstaats eine peinliche Figur abgibt.

    Schlimm für sie nur: Das, was zu Zeiten des Freiherrs noch nicht erreicht war, haben die heutigen Journalisten aufgegeben: Eine wirklich diskursive Berichterstattung noch in den 80ern, als es im Journalismus noch ethische Standards gab.

    Falls junge Journalisten wissen wollen, welche diese sein könnten, sollten sie sich Frau Krone-Schmalz’ schmerzhafte Ausführungen zur aktuellen Ukraine-Berichterstattung anschauen, wo sie diese detailliert ausführt.

    Am zu beklagenden aktuellen NIedergang der Demokratie haben die Journalisten, die ihn nicht nur verschlafen, sondern propagieren eine dicke Schuld.

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