Wie Facebook und Twitter den Journalismus kolonisieren

11. Mai 2017 • Digitales, Qualität & Ethik • von

Emily Bell ist so etwas wie die Jeanne d’Arc des Journalismus. Unerschrocken und unermüdlich tut sie das, was eigentlich das Kerngeschäft exzellenter Medienjournalisten sein sollte – ganz egal, ob sie bei der New York Times oder bei der Frankfurter Allgemeinen, bei der NZZ oder beim Tages-Anzeiger arbeiten: Sie bietet Plattform-Betreibern wie Facebook und Twitter die Stirn und macht darauf aufmerksam, wie diese mit ihrem Geschäftsgebaren den Journalismus kolonisieren und ihm seine Existenzgrundlage entziehen.

Bell ist Direktorin des Tow Center for Digital Journalism an der Columbia University und hat zuvor beim Guardian die Digitalversion verantwortet. Sie ist die mutmaßlich international prominenteste Grenzgängerin zwischen der Medienforschung und dem Journalismus. Unser Nachrichten-Ökosystem, so ihre Auffassung, hat sich in den letzten fünf Jahren dramatischer verändert als sonst irgendwann in den letzten 500 Jahren. Facebook hält sie für das derzeit mächtigste Medienunternehmen der Welt.

Jetzt hat sie zusammen mit Taylor Owen, einem Assistenzprofessor am Tow Center, den Einfluss genauer untersucht, den Plattformen wie Facebook, Snapchat, Google und Twitter auf den Journalismus nehmen. Sie stellt klar, dass die Silicon Valley-Giganten längst nicht mehr nur Information über ihre Kanäle verteilen und zugänglich machen: „Sie kontrollieren inzwischen, welches Publikum was zu sehen bekommt und wer für die erzielte Aufmerksamkeit bezahlt wird, und sogar, welche Formen und Formate des Journalismus florieren.“

45 Prozent der über Links generierten Artikelaufrufe („referral traffic“) von Nachrichten-Websites stammen inzwischen von Facebook, 31 Prozent von Google. In kürzester Zeit, so Bell und Owen, seien die Plattformbetreiber digitale Verleger geworden, die unter den herkömmlichen Nachrichtenmedien Verwirrung stiften. Falls das Konvergenz-Tempo anhalte, sehen die Forscher vorher, dass sich mehr und mehr Medienunternehmen aus dem Journalismus zurückziehen müssten. Zwar würden die traditionellen Verlage dank des Wettbewerbs unter den Plattformen und dank deren neuer Publikationsangebote wie „Instant Articles“ oder „Google AMP“ mehr Menschen denn je erreichen. Aber die Vor- und Nachteile der einzelnen Plattformen seien für die Medienhäuser kaum zu bewerten, und vor allem seien die erzielbaren Renditen unbefriedigend.

Die Plattformen seien mit den Vorgaben, die sie den Redaktionen machen, längst aktiv ins publizistische Geschäft eingestiegen und nähmen direkt auf den Journalismus Einfluss. Wenn sie beispielsweise „Live Videos“ promoten oder Standards für das Design von Beiträgen festsetzen, seien sie – uneingestanden, aber explizit – verlegerisch tätig. Die Undurchsichtigkeit der Algorithmen, mit denen die Plattformen den Nachrichtenverkehr steuern, und die Macht, diese jederzeit zu ändern, mache es für Redaktionen unmöglich, mit einer gewissen Sicherheit zu planen. „Was heute funktioniert, garantiert nicht zukünftigen Erfolg“, schreiben Bell und Owen. Zwar könnten die Nachrichtenmedien „frei entscheiden, was sie auf Facebook posten, aber der Algorithmus entscheidet, was die Leser erreicht.“

Die aktuelle Debatte über Fake News im Zusammenhang mit der US-Präsidentschaftswahl lenke vom eigentlichen Problem ab. Zwar erzwinge sie, dass die sozialen Netzwerke, „mehr publizistische Verantwortung zu übernehmen“. Indes sei das eigentliche Problem ein ganz anderes: Die Struktur und die ökonomische Funktionsweise der Plattformen begünstigten „die Verbreitung von Inhalten geringer Qualität“. Hochwertiger Journalismus – also zum Beispiel investigative Recherchen, die Machtmissbrauch nachspürten, oder Beiträge, die sich um unterprivilegierte lokale Communities kümmerten, würden von einem System diskriminiert, das von „Scale and Shareability“ lebe, also von hohen Klickzahlen und der Bereitschaft der User, Nachrichten zu teilen.

Die Plattformen setzen ihre Algorithmen ein, um Content zu sortieren und zielgruppengerecht zu verteilen. Facebook & Co hätten in menschliche Redaktionen nicht investiert, um Kosten zu sparen und um Einseitigkeiten in der Nachrichtenauswahl zu vermeiden. Beim Journalismus gehe es allerdings um Nuancen, die redaktionelle Professionalität im Urteil erforderten. Die offensichtliche Schwachstelle der Algorithmen besteht darin, dass sie bislang nicht zwischen Fake News und Tatsachen zu unterscheiden vermögen – und deshalb, wie der italienische Medienforscher Walter Quattrociocchi soeben im Scientific American neuerlich zeigt, sich Unfug und Falschmeldungen in den sozialen Netzwerken weiterhin in atemberaubendem Tempo ausbreiten. Last not least fragen Bell und Owen, wie der Journalismus die neuen „Knotenpunkte der Macht“ rechenschaftspflichtig halten soll, wenn er „von ihnen bei der Verteilung von Nachrichten, der Publika sowie von Geld abhängig ist“.

Lese-Tipps:

Bell, Emily/Owen, Taylor: The Platform Press: How Silicon Valley reengineered journalism, in: Columbia Journalism Review v. 29.3.2017

Quattrociocchi, Walter: Inside the Echo Chamber, in: Scientific American 316/April 2017, 60-63

 

Erstveröffentlichung:  Schweizer Journalist Nr. 4/5 2017

Bildquelle: pixabay.com

 

Zum Thema auf EJO: Digital-Rat für die Mediengesellschaft

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