Wie twittern Journalisten?

14. Februar 2012 • Digitales • von

Wie Journalisten sich das Social Web zunutze machen, und ob sie dabei professionelle Grenzen überschreiten – das haben jetzt drei US-amerikanische Medienforscher analysiert.

Eines der zentralen Ergebnisse: Für viele Journalisten ist es gang und gebe, ihre Meinung via Twitter kundzutun – eine Praxis, die der Norm der journalistischen Objektivität jedoch grundsätzlich eher widerspricht.

Dabei zeigte sich, dass die Tweets der Journalisten, die für kleine und lokale Medienunternehmen arbeiteten, wertender waren als die ihrer Kollegen, die für überregionale „elitäre“ Medien tätig waren.

Insgesamt haben die Kommunikationswissenschaftler Dominic L. Lasorsa, Seth C. Lewis und Avery E. Holton 22.000 Tweets von 430 Journalisten auf die folgenden drei Forschungsfragen hin untersucht: Geben Journalisten ihre Rolle als unabhängige Informationsvermittler auf, wenn sie ihre Meinung twittern? Lassen Journalisten, die die Einträge anderer teilen („retweeten”), damit andere Twitter-Nutzer an ihrer Gatekeeper-Rolle teilhaben? Stellen Journalisten Transparenz über ihre journalistische Arbeit her, indem sie über ihre Arbeit twittern, mit anderen Twitter-Nutzern diskutieren und zu externen Quellen verlinken?

Die Spannbreite der Twitter-Fangemeinde US-amerikanischer Journalisten ist groß: George Stephanopoulos von ABC News führte zum Zeitpunkt der Untersuchung im September 2009 auf Platz 1 mit 1.224.118 Anhängern, Andy Newman von der New York Times kam auf Platz 500 mit 690 Anhängern.

Fast 16 Prozent der untersuchten Tweets waren in erster Linie wertend. Zusätzlich enthielten 27 Prozent der Tweets, die hauptsächlich Informationen übermittelten, mindestens ein „Meinungselement“.

Bis zu einem gewissen Grad ließen die Journalisten auch andere Twitter-Nutzer an ihrer Gatekeeper-Rolle teilhaben: Mehr als 15 Prozent der journalistischen Mikroblogs waren Retweets.

Ebenso nutzten die Journalisten bis zu einem gewissen Grad Twitter, um Transparenz über ihre journalistische Arbeit herzustellen: Etwa neun Prozent der Tweets vermittelten in erster Linie Informationen über den Job; zudem konzentrierten sich 14,9 Prozent auf  Diskussionen mit den Nutzern.  42 Prozent der Tweets enthielten einen externen Link, der auch als Indikator für Transparenz gilt. Die Forscher stellten allerdings auch fest, dass In 20,2 Prozent der Tweets die Journalisten über ihr Privatleben bloggten.

Dabei fiel den Wissenschaftlern auf, dass die Journalisten der überregionalen Zeitungen und Fernsehsender nicht annähernd so meinungsfreudig twitterten wie ihre Kollegen der lokalen – weniger ‚elitären‘ – Medienunternehmen.  Es scheint, so Lasorsa, Lewis und Holton, als hätten sie weniger Probleme, mit dem Publikum zu diskutieren und auch ihre Gatekeeper-Rolle mit ihm zu teilen. Zudem sei es für Journalisten, die für prestigeträchtige Medienunternehmen arbeiten, generell einfacher, viele Anhänger auf Twitter zu bekommen, ohne viel dafür zu tun. Journalisten von kleineren lokalen Medien müssten dagegen „interessanter und aktiver“ sein, um sich auf Twitter Gehör zu verschaffen.

Die Untersuchungsmethode

Für die Studie wurden zunächst 500 Journalisten identifiziert, die laut der Website Muck Rack die meisten Anhänger auf Twitter hatten.

Im Folgenden wurden dann die Tweets von 430 Journalisten analysiert, da einige Journalisten entweder ihr Twitter-Konto nach der Auswahl im September 2009 gelöscht oder während des zweiwöchigen Untersuchungszeitraums der Studie im Oktober 2009 nicht getwittert hatten.

Von den ausgewählten Journalisten arbeiteten 27 Prozent für überregionale Zeitungen, 21,8 Prozent für Lokalzeitungen, 15,2 Prozent für Zeitschriften, 10,8 Prozent für überregionales Fernsehen, 9,8 Prozent für Kabelfernsehen, 9,4 Prozent für Online-Nachrichtenseiten, 2,2 Prozent für Radiosender, 2 Prozent für Nachrichtenagenturen und 1,8 Prozent für sonstige Medienunternehmen.

Während des Untersuchungszeitraums wurden täglich die ersten zehn Twitter-Einträge jedes Journalisten codiert. Im Durchschnitt verfassten die Journalisten 5,6 Einträge pro Tag.  Der Rekord: Ein einziger Journalist allein verfasste 810 Einträge innerhalb der untersuchten zwei Wochen.

 

Lasorsa, Dominic L.; Lewis Seth C.; Holton, Avery E. (2012): Normalizing Twitter. Journalism practice in an emerging communication space. In:  Journalism Studies, Vol. 13, No 1, S. 19-36.

 

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  • Julilah

    “Für viele Journalisten ist es gang und gebe, ihre Meinung via Twitter kundzutun” – Journalisten mit einer Meinung, ein Skandal!

    “…eine Praxis, die der Norm der journalistischen Objektivität jedoch grundsätzlich eher widerspricht” – Tut sie nicht, dafür gibt es sogar einen eigenen Begriff: “Kommentar”.

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