Wirkung des “Bild-Prangers” auf Facebook-Hetzer

14. September 2016 • Digitales, Qualität & Ethik • von

„Der Pranger der Schande“ der Bild-Zeitung aus Oktober 2015 beschäftigt Medien und Forschung auch fast ein Jahr später immer noch. Die Bild-Zeitung veröffentlichte sowohl in ihrer Print- als auch in ihrer Onlineausgabe Screenshots fremdenfeindlicher Hasskommentare von Facebook-Nutzern mit deren vollständigen Namen und Profilbildern. Ob diese, mittlerweile vom OLG München als persönlichkeitsrechtsverletzend eingestufte Veröffentlichung das Postingverhalten der Facebook-Nutzer beeinflusst hat, haben jetzt Forscher der Ludwig-Maximilian-Universität München untersucht.

Pranger„Der Bimbo soll zurück in den Busch Bananen pflücken“, „Moslems sind schlimmer wie Kakerlaken“ oder „Wie die Tiere und noch schlimmer“ sind einige der Hasskommentare, die die Bild-Zeitung am 20. Oktober 2015 mit Profilnamen und -bildern der Verfasser unter dem Titel „Pranger der Schande“ auf der ersten Seite des Blattes und online veröffentlichte. Bild forderte: „Herr Staatsanwalt, übernehmen Sie!“ Damit griff das Medium die Problematik der großen Zahl von Hasskommentaren in der Flüchtlingsdebatte auf Facebook auf, die sowohl straf- als auch zivilrechtliche Konsequenzen für die Verfasser haben könnten.

Katharina Neumann und Florian Arendt, Medienwissenschaftler der Maximilian-Universität München, haben mit einer Inhaltsanalyse die Wirkung des Bild-Prangers auf das Postingverhalten von Facebook-Nutzern zur Flüchtlingsthematik untersucht. Dazu haben sie 6281 Kommentare zur Flüchtlingsdebatte, die in den zehn, neun und acht sowie zwei Tagen vor und zwei sowie acht, neun und zehn Tage nach der Veröffentlichung des „Prangers der Schande“ auf der Facebook-Seite der Bild-Zeitung gepostet wurden, ausgewertet.* Als Hasskommentare galten Kraftausdrücke, die sich in einer rassistischen, diskriminierenden oder herabwürdigenden Weise auf Flüchtlinge/Muslime bezogen und/oder Drohungen gegenüber Flüchtlingen aussprachen und/oder zur Diskriminierung, Hass oder Gewalt gegen Flüchtlinge aufriefen.

Das Forscherteam fand dabei zum einen heraus, dass unmittelbar (zwei Tage) nach der Veröffentlichung des „Prangers der Schande“ weniger Hasskommentare zur Flüchtlingsdebatte auf der Facebook-Seite der Bild-Zeitung veröffentlicht wurden. Ihr Anteil betrug an diesem Tag 5,6 Prozent. Am Tag der Veröffentlichung selber sowie zwei, acht, neun und zehn Tage davor bewegte sich der Anteil der Hasskommentare zwischen 7 und 8,7 Prozent. Auch einige Tage nach der Veröffentlichung des Prangers (an den Tagen 8, 9 und 10) wurden wieder mehr Hasskommentare auf der Facebook-Seite verfasst, etwa genauso viele wie vor der Veröffentlichung, nämlich 7,4 Prozent.

Neben der Anzahl an Hasskommentaren haben Neumann und Arendt auch die Wertigkeit der Kommentare zur Flüchtlingsdebatte untersucht. Dabei wurden die vier Ausprägungen „negativ“, „positiv“, „ambivalent“ und „keine Bewertung“ erhoben. Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Bild-Prangers erhöhten sich die negativen Kommentare um 7,9 Prozent von 70,4 Prozent auf 78,3 Prozent. Positive Kommentare reduzierten sich dagegen von 20 Prozent auf 10,9 Prozent.

Die Forscher vermuten, dass der Bild-Pranger unter dem harten Kern der Facebook-Nutzer der Bild-Zeitung das Gefühl der Bedrohung der individuellen Meinungsfreiheit ausgelöst hat. Dieses Gefühl könnte einige der Flüchtlingsgegner (bzw. -skeptiker) eher dazu bewegt haben, ihre Meinung offen zu äußern (Reaktanz). Da aber gleichzeitig bei der Anzahl der Hasskommentare ein Rücklauf zu verzeichnen war, liege die Interpretation nahe, dass sich einige Nutzer ein anderes, alternatives „Ventil“ gesucht haben, das aus strafrechtlicher Perspektive unbedenklich erscheint, so Neumann und Arendt.

Allerdings: Alle diese Effekte nahmen mit zunehmender zeitlicher Verzögerung wieder ab. Neumann und Arendt stellten somit nur eine temporäre Niveauänderung bei den Kommentaren der Bild-Facebook-Nutzer fest.  Sie kommen zu dem Schluss, dass die öffentliche Bloßstellung von Hasskommentatoren kein angemessenes Mittel ist, um Hasskommentaren entgegenzuarbeiten und so die öffentliche Meinung über Flüchtlinge zu verbessern, sondern sie im Gegenteil die Meinung über Flüchtlinge zumindest kurzfristig verschlechtert.

* Da sich am 19.Oktober kein Artikel auf die Flüchtlingsdebatte bezog, wählten die Forscher für den Zeitraum „unmittelbar davor“ den 17. und 18. Oktober.

Neumann, Katharina; Arendt, Florian (2016): “Der Pranger der Schande”: Eine inhaltsanalytische Untersuchung der Wirkung des Bild-Prangers auf das Postingverhalten von Facebook-Nutzern zur Flüchtlingsdebatte, in: Publizistik, Jg. 61, H. 3, S. 247-265.

Bildquelle: pixabay.com

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  • tdck

    Mich würde interressieren wie sich der “pranger” auf die jeweileigen Kommentarrassisten ausgewirkt hat.

  • Anderer Max

    Mich würde interessieren, wie man so scheiße rassistisch werdne kann… Kein Mitgefühl, geschweige denn Mitleid… Und worauf man dann noch stolz sein will …

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