Zeit und Guardian: Zwei Beispiele, die hoffen lassen

24. März 2010 • Digitales, Ressorts • von

Fulminöser Auftakt in Wien: Der Chefredakteur des britischen “Guardian”, Alan Rusbridger, und der Chefredakteur von “Zeit Online”, Wolfgang Blau, eröffneten die Konferenz “Journalism 2020: Maintaining Professionalism, Regaining Credibilitymit einer Podiumsdiskussion.

Organisiert vom Medienhaus Wien in Zusammenarbeit mit dem European Journalism Observatory und der Schweizer Journalistenschule MAZ bat die Konferenz vom 18. bis 20. März Journalisten, Wissenschaftler und Medienexperten aufs Podium, um über die Chancen und Aussichten des Journalismus der Zukunft zu diskutieren.

Es gibt Hoffnung: Laut Alan Rusbridger und Wolfgang Blau wird es den Journalismus auch im Jahr 2020 noch geben. Zeitungen in Papierform werde es vielleicht keine mehr geben, auf jeden Fall aber erheblich weniger. Welches Geschäftssystem schlussendlich die Überhand gewinne, stehe jedoch noch in den Sternen.

Rusbridger erklärt, dass man beim Blick in die Zukunft zwischen dem Journalismus selbst und dem Geschäftsmodell unterscheiden müsse. Während es stimme, dass viele Geschäftsmodelle in einer Krise steckten, böten sich dem Journalismus dank der Technologien und Netzwerke, die heute zugänglich sind, auch viele neue Chancen.

Rusbridger ist überzeugt: „It is only a crisis. There has never been a better moment for journalism”. Auch deswegen glaubt er nicht wirklich an bezahlten Inhalten im Online-Journalismus. Diese würde den Informationsfluss stören und den kostenlosen partizipativen Journalismus am Wachstum hindern.

Beide, Rusbridger und Blau, glauben an den offenen, gleichberechtigten Dialog mit dem Leser sowie an den Gedanken- und Quellenaustausch in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook (Zeit Online hat 25.000 Twitter followers). Damit der Journalismus überleben könne, müssten Journalisten akzeptieren, dass sie nicht die Wahrheit gepachtet haben und auch nicht länger die einzigen sind, die Nachrichten veröffentlichen können.

Das Journalisten-Ego mache es den Journalisten schwer, den Leser in ihre Arbeit miteinzubinden, ihn zu schätzen und zu respektieren. Eine Herausforderung, welcher sich Die Zeit laut Blau gestellt hat, denn er sagt: “Our readers are pretty smart.”

Alan Rusbridger (links) und Wolfgang Blau (rechts) im Gespräch mit Matthias Karmasin (Universität Klagenfurt/Medienhaus-Wien).

Der Journalismus wird neu überdacht, auch im Bewusstsein, dass es immer schwieriger wird ihn zu definieren. Während die englische Tageszeitung Guardian 2009 rote Zahlen geschrieben hat, konnte die Wochenzeitung Die Zeit von der Zeitungskrise profitieren, indem sie auf Vielfalt und Vertiefung sowie auf eine gezielte Lesergruppe setzte. Dabei war sie sich bewusst, dass für ernsthaften, unabhängigen Qualitätsjournalismus eine Organisation und ein Verlag nötig sind, die Garantien bieten und die journalistische Arbeit unterstützen, sowie ein gängiger Ethikkodex. Und das gilt für Print genauso wie für Online.

Das erste Gespräch der Konferenz zeigte: Bis 2020 müssen noch einige Hindernisse überwunden werden, und Prognosen fallen im Moment noch schwer. Wir befinden uns mitten in einem langwierigen Prozess, und vielleicht führen nicht mehr wir, sondern die neue Generation der „digital natives“ das alte Journalismusmodell hin zum neuen.

Aber die Erfahrungen von The Guardian und Die Zeit sind ermutigend: Beide haben ad hoc eine eigene Formel entwickelt, beide haben Erfolg – im Netz genauso wie auf dem Papier. Der Guardian schrieb im vergangenen Jahr zwar rote Zahlen, doch die Leserzahlen steigen und versprechen Kapitalzuwachs. Wer wagt gewinnt. Und das können wir daraus lernen: Da es noch nicht DAS Geschäftsmodell gibt, muss jeder Herausgeber seinen eigenen Weg finden und Innovation, Tradition, Online und Print weise gegeneinander abwägen und dabei das Alter seiner Leserschaft nicht aus den Augen lassen. Eine schwierige – aber nicht unmögliche – Herausforderung.

Übersetzung aus dem Italienischen:  Rahel Aschwanden

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