Wie Zeitungen aus West- und Osteuropa über die Flüchtlingskrise berichteten

9. November 2015 • Forschung aus 1. Hand, Internationales • von

FlüchtlingeAnfang September sind die Bilder des ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi um die Welt gegangen. Vielerorts lösten sie eine Welle des Mitgefühls aus – so berichteten westeuropäische Printmedien unmittelbar nach der Veröffentlichung der Bilder positiver über Flüchtlinge als in den Tagen zuvor. In Osteuropa und im Baltikum thematisierten viele Zeitungen das Unglück jedoch gar nicht. Wie eine Analyse des European Journalism Observatory (EJO) zeigt, räumten Zeitungen in Deutschland, Großbritannien, Italien und Portugal der Flüchtlingskrise im September generell mehr Platz ein und berichteten detaillierter als Zeitungen in Lettland, Polen, Tschechien und der Ukraine.

Der extrem positive Ton gegenüber Flüchtlingen in der Berichterstattung der untersuchten westeuropäischen Medien ließ zwar nach einigen Tagen wieder nach, dennoch brachten sie auch dann noch erheblich mehr Mitgefühl gegenüber Flüchtlingen auf als die analysierten osteuropäischen Medien, die während der Flüchtlingskrise eher negativ, emotionslos und zudem sehr EU-kritisch berichteten.

Für seine Analyse nahm das EJO-Team die Berichterstattung von jeweils drei Zeitungen* aus Deutschland, Großbritannien, Italien, Lettland, Polen, Portugal, Tschechien und der Ukraine unter die Lupe. Es untersuchte, welchen Einfluss drei zentrale Ereignisse während der Flüchtlingskrise im September auf die Berichterstattung von linksorientierten, rechtskonservativen und Boulevard-Zeitungen aus diesen acht Ländern hatten. Diese Ereignisse waren: die Veröffentlichung der Bilder des toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi (2. September), der Tag, an dem Deutschland Grenzkontrollen einführte (13. September) und der EU-Sondergipfel zur Flüchtlingspolitik (23. September). Es wurden alle Artikel zu den Themen Flüchtlinge und Flüchtlingskrise analysiert, die an den beiden Tagen vor dem Ereignis, am Tag des Ereignisses und an den ersten beiden Tagen nach dem Ereignis veröffentlicht wurden.

Das Forscherteam teilte dabei die Artikel in drei Kategorien ein: Geschichten, in denen das Schicksal der Flüchtlinge im Vordergrund stand (humanitarian stories), Beiträge, in denen es vor allem um die Auswirkung der Flüchtlingszuwanderung- und Krise im eigenen Land ging (domestic stories) und Artikel, die über die Flüchtlingspolitik in der Europäischen Union berichteten (EU policy). Diese Artikel wurden anschließend als positiv, negativ oder neutral beurteilt. Beiträge über Flüchtlingsschicksale oder inländische Auswirkungen der Flüchtlingskrise, die mitfühlend und menschlich über Flüchtlinge berichteten oder die Flüchtlinge als Bereicherung für das eigene Land ansahen, wurden als positiv bewertet. Als negativ galten Beiträge dieser Kategorien, die Vorurteile gegenüber Flüchtlinge schürten, sie beispielsweise als Belastung für die Gesellschaft und das Wirtschaftssystem beschrieben oder mit ihnen eine höhere Terrorgefahr verbanden. Artikel der Kategorie EU-Politik wurden als positiv bewertet, wenn sie auf eine gute Zusammenarbeit zwischen EU-Mitgliedern in der Flüchtlingskrise eingingen und als negativ, wenn sie die EU-Flüchtlingspolitik als misslungen oder gescheitert darstellten. Als neutral wurden alle Beiträge bewertet, die objektiv Fakten darstellten.

Osteuropäische Zeitungen kritisierten Umgang mit der Krise als zu emotional

In den untersuchten Zeitungen Deutschlands, Italiens und Portugals wurden unmittelbar nach dem Erscheinen der Bilder des Leichnams von Aylan Kurdi dreimal so viele positive Geschichten über Flüchtlinge, in denen ihre Schicksale im Vordergrund standen, veröffentlicht. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlichte als einzige Zeitung der westlichen Ländergruppe kein Bild des toten Jungen – vor allem aus Achtung vor der Menschenwürde über den Tod hinaus, wie in einem Artikel zum Thema erklärt wurde – aber auch hier nahm die positive Berichterstattung über Flüchtlinge nach dem Ereignis zu.

In den britischen Zeitungen verdoppelte sich die Anzahl der positiven Beiträge. Bis zum 11./12. September aber pendelte sich die positive Berichterstattung wieder auf dem Level ein, das vor dem Erscheinen der Bilder herrschte. Dies zeigt, dass die Zunahme der positiven und mitfühlenden Berichterstattung nach der Veröffentlichung der Bilder keine langfristige Veränderung der Medienmeinung bedeutet. Sie schien eher, wie einige Analysten auch schon vermutet hatten, eine kurzfristige, emotionale Reaktion auf das Schicksal Aylan Kurdis zu sein.

Die analysierten Zeitungen in Polen, Lettland, Tschechien und der Ukraine räumten dem Thema Flüchtlingskrise deutlich weniger Platz ein. Die untersuchten Artikel in diesen Ländern konzentrierten sich in der Regel auf politische und nicht auf humanitäre Aspekte. Sie zeigten deutlich weniger Mitgefühl gegenüber Flüchtlingen und berichteten sehr EU-kritisch. Den Umgang Deutschlands und der EU mit der Flüchtlingskrise kritisierten viele der untersuchten osteuropäischen Zeitungen als „zu emotional“. Eine Ausnahme stellte die polnische linksorientierte Zeitung Gazeta Wyborcza dar, die generell positiv über Flüchtlinge berichtete.

Die meisten Zeitungen aus dieser Gruppe (9 von 12) veröffentlichten nicht die Bilder des ertrunkenen Flüchtlingsjungen. Die lettischen Zeitungen erwähnten nicht einmal sein Schicksal – abgesehen von einem Kommentar, der anmerkte, dass Kinder oft als mächtiges Propaganda-Instrument benutzt würden. „In den lettischen Zeitungen war die Haltung gegenüber Flüchtlingen durchweg sehr negativ, was sich auch mit der öffentlichen Debatte in Lettland deckt, die sich vor allem um wirtschaftliche Folgen, kulturelle und religiöse Unterschiede dreht. Dazu kommt noch die Angst vor einem erneuten Versagen der lettischen Integrationspolitik: Die russische Minderheit in Lettland ist auch nach über 20 Jahren nicht integriert – warum sollte man also glauben, dass es dieses Mal anders sein wird?“ fasst Liga Ozolina, leitende Redakteurin der lettischen EJO-Seite, das zurzeit in Lettland vorherrschende Meinungsbild zusammen.

In der Ukraine war der Großteil der analysierten Artikel über die Flüchtlingskrise objektiv und emotionslos. „Die einzigen humanitären Aspekte, die erwähnt wurden, befassten sich mit der Reise der Flüchtlinge und wie sie von den Behörden behandelt wurden. Die Lebensbedingungen und Gefühle der Flüchtlinge wurden eher selten dargestellt“, stellt Halyna Budivska vom ukrainischen EJO-Team fest.

Rechtskonservative Zeitungen tendierten zu negativerer Berichterstattung

Unmittelbar nach dem Erscheinen der Bilder des toten Flüchtlingsjungen veröffentlichten die westeuropäischen Zeitungen auch mehr positive Artikel über die Auswirkungen der Flüchtlingszuwanderung im eigenen Land. Allerdings war auch bei den meisten Zeitungen dieser Anstieg nur von kurzer Dauer, insbesondere in Großbritannien und Portugal. An den beiden Tagen vor der Veröffentlichung der Bilder fanden sich in den drei analysierten britischen Zeitungen überhaupt keine positiven Artikel über die Folgen der Ankunft der Flüchtlinge, an den zwei Tagen nach dem Erscheinen der Bilder veröffentlichten die drei Zeitungen sieben solcher Artikel, in denen es unter anderem hieß: „Wir tun nicht genug für sie“, „die Regierung sollte mehr zur Hilfe beitragen“, „Wir müssen mehr aufnehmen“. Eine Woche später fanden sich noch zwei Artikel, die sich positiv gegenüber den Auswirkungen der Zuwanderung äußerten, zwei Wochen später gab es wieder gar keine positiven Artikel mehr darüber.

Auch in Portugal wurden an den beiden Tagen vor der Veröffentlichung der Bilder in den analysierten Zeitungen keine positiven Artikel dieser Art veröffentlicht. Unmittelbar nach der Veröffentlichung fanden sich in den drei Zeitungen insgesamt acht Beiträge, danach pendelte es sich auf einen Beitrag pro Woche ein.

In Deutschland – dem EU-Land, das sich bereit erklärt hatte, die meisten Flüchtlinge aufzunehmen – war die Berichterstattung über die Auswirkungen der Zuwanderung auf das Inland in allen drei untersuchten Zeitungen schon vor der Veröffentlichung der Fotos des toten Flüchtlingsjungen generell sehr positiv und blieb es auch bis Ende September.

Generell tendierten in allen Untersuchungsländern rechtskonservative Zeitungen (darunter die FAZ, The Daily Mail und The Telegraph aus Großbritannien, Mlada Fronta Dnes aus Tschechien und Rzeczpospolita aus Polen) eher dazu, negativer über die Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf ihr eigenes Land zu berichten als linksorientierte Medien (z.B. die taz, The Guardian aus Großbritannien und La Repubblica aus Italien), die sich durchweg mitfühlender und positiver gegenüber Flüchtlingen zeigten.

Die italienische konservative Zeitung Il Giornale berichtete besonders negativ über die Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf das eigene Land. „Die italienischen Untersuchungsergebnisse reflektieren die traditionelle politische Polarisierung der italienischen Presse“, sagt Philip Di Salvo, Redakteur der italienischen EJO-Seite, „diese wird bei der Berichterstattung über bedeutende internationale Angelegenheiten, die große politische und kulturelle Auswirkungen haben, noch offensichtlicher.“

Auch die Bild-Zeitung war bislang für ihre negativen Artikel über Flüchtlinge bekannt. Es wurde ihr sogar vorgeworfen, mit ihrer Berichterstattung Vorurteile gegenüber Flüchtlingen und Asylbewerbern zu schüren. Im September aber überraschte die Boulevardzeitung das deutsche EJO-Team, denn sie veröffentlichte eine große Anzahl an menschelnden Geschichten, die großes Mitgefühl gegenüber Flüchtlingen auslösten. Auch bei anderen deutschen Medien, zum Beispiel bei der taz, löste die Willkommenseuphorie der Bild für Flüchtlinge eine große Skepsis aus – sie fragten sich, wie lange bei der Bild die Begeisterung für Flüchtlinge anhalten würde. „Die Skepsis war wohl gerechtfertigt“, meint Tina Bettels-Schwabbauer, Redakteurin der deutschen EJO-Seite, „denn schon Anfang Oktober kehrte die Bild-Zeitung zu ihren typisch alarmierenden Schlagzeilen zurück: ‚1,5 Millionen Flüchtlinge erwartet – mit Familien könnten es 7 Millionen werden‘. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Boulevardzeitung wieder die Seiten wechselt.“

Mehr negative Artikel über die EU-Politik nach Einführung der Grenzkontrollen

Das zweite untersuchte zentrale Ereignis – die von Deutschland eingeführten Grenzkontrollen am 13. September – provozierte vor allem negative Reaktionen. Die Analyse der Artikel, die über die EU-Flüchtlingspolitik berichteten, zeigt, dass in allen Untersuchungsländern nach dem 13. September mehr negative Artikel über den Umgang der EU mit der Flüchtlingskrise veröffentlicht wurden als zuvor, wenngleich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven.

Am 12. und 13. September veröffentlichten die britischen Zeitungen zwei negative und zwei positive Artikel über die EU und ihre Antwort auf die Flüchtlingskrise. Am 14. und 15. September fanden sich in den analysierten Zeitungen gar keine positiven Artikel über die EU mehr, dafür 12 negative und zwei objektive Artikel. Bis Ende September war die Berichterstattung über die EU überwiegend negativ geprägt. Die Konsequenz aus der Einführung der Grenzkontrollen machte sich vor allem beim Guardian bemerkbar. Vor dem 13. September berichtete er durchweg positiv über die EU-Flüchtlingspolitik, nach dem 13. September generell negativ. Ein Kolumnist, der über die ‚Unordnung‘ in der EU schrieb, merkte an, dass die Krise in die Hände der Euroskeptiker spielte.

Auch die analysierten Zeitungen aus Polen und Tschechien veröffentlichten nach der Einführung der deutschen Grenzkontrollen mehr negative Artikel über die EU-Politik. Beide Länder hatten sich konsequent geweigert, dem Vorschlag Deutschlands, Flüchtlinge per Quote auf die EU-Länder zu verteilen, zuzustimmen. Die konservative polnische Tageszeitung Rzeczpospolita kritisierte in den meisten ihrer Artikeln die deutsche Regierung sowie die EU für ihren Druck auf die polnische Regierung, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Einige ihrer Artikel warfen Deutschland und der EU zudem vor, sie gingen mit der Flüchtlingskrise zu emotional um.

Auch die analysierten tschechischen Zeitungen äußerten sich nach dem 13. September sehr negativ gegenüber Angela Merkel und der EU-Politik. Die Berichterstattung über die Flüchtlinge sei aber im gesamten Untersuchungszeitraum weitgehend negativ, emotionslos und EU-kritisch gewesen, sagt Roman Hajek, Redakteur der tschechischen EJO-Seite. „Die Flüchtlingskrise hat es den Medien – und den Politikern – ermöglicht, ihre Kritik an der EU rauszulassen“, so Hajek.

Auch in Deutschland wurde der Ton der Berichterstattung gegenüber der EU negativer, wenn auch aus anderen Gründen. Der Großteil der analysierten Artikel kritisierte die anderen EU-Länder für ihren Umgang mit der Flüchtlingskrise und ihren Unwillen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen.

Allgemeiner Rückgang der Berichterstattung nach dem EU-Sondergipfel

In den letzten Untersuchungszeiträumen veröffentlichten alle untersuchten Zeitungen in allen drei Kategorien weniger positive Artikel als in den ersten Untersuchungszeiträumen Anfang September. Vor allem die Anzahl der mitfühlenden Beiträge, in denen das Schicksal der Flüchtlinge im Vordergrund stand, ging zurück. Ein Grund dafür ist das dritte in der Analyse untersuchte Schlüsselereignis – der EU-Sondergipfel zur Flüchtlingspolitik. Die Berichterstattung konzentrierte sich nun auf Details der EU-Politik.

Im letzten Untersuchungszeitraum nahm der Umfang der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise in den analysierten Zeitungen aber auch generell ab – mit Ausnahme der FAZ und der taz.

In den meisten analysierten Zeitungsausgaben vom 24. und 25. September (38 von 48) fanden sich jeweils nur noch maximal vier Artikel über Flüchtlinge und die Krise; für die westeuropäischen Zeitungen bedeutete dies ein Rückgang zwischen 80 und 50 Prozent im Vergleich zu den beiden Tagen nach der Veröffentlichung der Bilder des toten Flüchtlingsjungen Anfang September. Die FAZ aber veröffentlichte am 24. September zehn, die taz sogar 16 Beiträge. Am 25. September fanden sich in der FAZ noch sieben, in der taz neun Beiträge.

In der Bild-Zeitung allerdings ging der Umfang der Berichterstattung zu Ende September wie bei den meisten anderen untersuchten Zeitungen stark zurück. Während sie am 3. und 4. September die Flüchtlingskrise in insgesamt 13 Beiträgen thematisierte, veröffentlichte sie am 24. und 25. September nur noch jeweils einen Artikel zum Thema. Der Rückgang der Berichterstattung könnte daran liegen, dass zu dieser Zeit noch andere Themen die Nachrichten-Agenda bestimmten, wie zum Beispiel der VW-Skandal.

*Analysierte Zeitungen:

Deutschland: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Bild, taz

Großbritannien: Telegraph, Guardian, Daily Mail

Italien: Corriere della Sera, La Repubblica, Il Giornale

Lettland: Latvijas Avīze, Diena, Vesti Segodņa

Polen: Gazeta Wyborcza, Rzeczpospolita, Fakt

Portugal: Público, Jornal de Notícias, Correio da Manhã

Tschechien: Mladá fronta Dnes, Právo, Blesk

Ukraine: Den, Segodnya, Fakty

Die Analyse ist das Ergebnis der Kollaboration von acht Forscherteams des European Journalism Observatory. Beteiligt waren Tina Bettels-Schwabbauer und Anna Carina Zappe vom deutschen EJO, Caroline Lees vom englischen EJO, Philip Di Salvo vom italienischen EJO, Liga Ozolina vom lettischen EJO, Adam Szynol und Michal Kuś vom polnischen EJO, Ana Pinto Martinho vom portugiesischen EJO, Roman Hájek vom tschechischen EJO und Halyna Budivska vom ukrainischen EJO.

Bildquelle: CAFOD Photo Library / Flickr CC

 

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