Entführte Journalisten: Medien fehlt oft Notfallplan

11. Mai 2016 • Internationales • von

Die Risiken, die Journalisten eingehen, wenn sie aus Konfliktgebieten berichten, liegen auf der Hand. Journalisten geraten immer öfter ins Visier von Entführern, doch trotz der zunehmenden Bedrohung treffen diese Entführungen die betroffenen Medienunternehmen oft unvorbereitet. Wie es in einem gerade erschienen Buch zum Thema heißt, machen sich Journalisten und Medienunternehmen verletzbar, weil ihnen Voraussicht und ein Notfallplan fehlen.

chains-19176_1920In Syrien sind seit Beginn des Konflikts 2011 mehr als 100 Journalisten entführt worden. Mindestens zwei von ihnen – die US-Amerikaner James Foley und Steven Sotloff – wurden von militanten Islamisten ermordet. 22 Journalisten gelten noch als vermisst, unter ihnen viele Syrier, ein Amerikaner und ein Japaner.

Im Buch The Kidnapping of Journalists: Reporting from High-Risk Conflict Zones gehen der Autor dieses Textes und Hannah Storm, Direktorin des International News Safety Institute, detailliert auf die komplexen organisatorischen Herausforderungen ein, denen sich Medienunternehmen bei einer möglichen Entführung ihrer Journalisten stellen müssen.

Wie unsere Recherche gezeigt hat, sind die meisten Medienunternehmen auf eine mögliche Entführung nur schlecht vorbereitet. Viele bieten für ihre Journalisten, die in Krisen- und Kriegsgebieten im Einsatz sind, keine Sicherheitstrainings an. Für freie Mitarbeiter werden Sicherheitstrainings noch seltener angeboten als für Festangestellte. Zudem kann die Mehrheit der Medienunternehmen auf keinen Notfallplan zurückgreifen, sollte es zu einer Entführung kommen.

Die Entführung von Journalisten stellt Medienunternehmen vor große logistische und organisatorische Herausforderungen. Die in der Regel abgelegenen Orte und die Feindseligkeit der Kidnapper begrenzen häufig die Möglichkeiten von Medienunternehmen, Journalistenverbänden und Behörden, auf Entführungen zu reagieren.

Zudem bringen Entführungen vielfältige, manchmal auch konkurrierende Interessen mit sich. Während die Familie der Geisel häufig den inständigen Wunsch hat, an die Öffentlichkeit zu gehen, raten Sicherheitsexperten und Regierungsberater oft das Gegenteil – aus Angst, dass die Entführer ihre Forderungen noch erhöhen könnten. So arbeiten Medienunternehmen, die Familie der Geisel, Regierungen, Versicherungsfirmen und Bergungsmannschaften oftmals aneinander vorbei und verkomplizieren die Reaktion auf die Entführung. Es ist nicht bekannt, wie viele Medienunternehmen Entführungs- und Lösegeldversicherungen abgeschlossen haben. Sie hüllen sich darüber in Schweigen, erstens weil sie nicht zu Entführungen ermutigen wollen und zweitens, weil die Regierungen einiger Länder Lösegeldzahlungen verbieten.

Medienunternehmen sind zweifach gefragt: Sie müssen sich einerseits dafür einsetzen, Entführungen zu verhindern, und sich andererseits auf etwaige Entführungen vorbereiten und genau wissen, wie sie im Fall der Fälle reagieren werden. Helfen kann dabei ein Notfallplan, der aufführt, was im Fall einer Entführung zu tun ist, wer für welche Aufgaben verantwortlich ist, wie die Echtheit von Informationen und Forderungen geprüft werden kann, welche Ressourcen verfügbar sind und wie man auf sie zugreift. Frühere Entführungsfälle zeigen, dass Medienunternehmen sich auf eine lange und durchgehend anstrengende Zeit einstellen müssen.

Es kommt weltweit zu immer mehr Entführungen von Journalisten – verstärkt in Syrien, im Irak und anderen Ländern des Nahen Ostens, in Lateinamerika und Asien. Gewöhnlich wird international häufiger über die Entführung westlicher Journalisten berichtet, aber diese sind nicht die einzigen Zielobjekte von Geiselnehmern. Zurzeit werden Hunderte von anderen Journalisten aus der ganzen Welt gefangen gehalten.

Kein Medienunternehmen oder Journalist kann sich jemals vollständig auf eine Entführung vorbereiten. Die Beschäftigung mit dem Thema kann jedoch dazu beitragen, das Risiko einer Entführung zu reduzieren und die Reaktion eines Medienunternehmens zu beschleunigen, sollte es zu einer Entführung kommen.

Original-Beitrag auf Englisch: Kidnapping Journalists: News Organisations are Unprepared

In der Original-Version ist von 25 vermissten Journalisten, die in Syrien vermisst werden, die Rede. Drei spanische Journalisten, die im Sommer 2015 entführt wurden, sind seit 7. Mai 2016 wieder frei.

Übersetzt aus dem Englischen von Tina Bettels-Schwabbauer

Bildquelle: pixabay.com

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