Arte für die Schweiz?

18. Februar 2009 • Medienpolitik • von

Erstveröffentlichung: St. Galler Tagblatt

Die Idee eines nationalen Kulturkanals erhält viel Beifall, spaltet aber die SRG selbst. Deren Generaldirektor Armin Walpen winkt entschieden ab.

Kann ein Kulturkanal für die Schweiz Brücken bauen über die Gräben der Viersprachigkeit und das Netzwerk schaffen für eine verwirklichte «idée suisse»? Hauptinitiant eines «helvetischen Arte» ist Bernard Cathomas, der Direktor des romanischen Radios und Fernsehens. Cathomas stellte an einer Tagung des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Uni Bern und der Stiftung «Corymbo» seine Idee vor: Ein nationales TV-Kulturprogramm soll synchronisierte oder untertitelte Beiträge über Kultur und Bildung, die in den SRG-Sendern der anderen Sprachregionen bereits gezeigt wurden, wiederholen und thematisch bündeln.

0,5 Prozent des Budgets

Als «Nebeneffekt» erhielte die vierte Landessprache, die bislang im Schnitt nur zehn Fernsehminuten täglich erhält, rund 90 Minuten Raum. Neben diesen «massvollen Ausbau» des romanischen Angebots trete ein nationaler Mehrwert: Der neue Kanal wäre das erste Gesamtschweizer Medium und Kultur damit für alle Schweizerinnen und Schweizer ein identitätsbildendes «Bindemittel». Die Kosten lägen in einstelliger Millionenhöhe, bei 0,5 Prozent des SRG-Budgets, schätzte Cathomas und appellierte, politisch abzuwägen, ob die Idee trägt, und dann erst, wie sie sich finanzieren lässt.

Walpen wehrt ab

«Kultur ist ein grosses Thema, ein Kulturkanal keines», erklärte der SRG-Generaldirektor Armin Walpen. Für die Kultur müsse man sicher noch mehr tun, aber in den Hauptprogrammen und nicht im «Ghetto» eines abgetrennten Kanals. Das Vorbild der Kulturkanal-Initianten, der deutsch-französische Kulturkanal Arte, sei finanziell unrealistisch und erreiche letztlich auch nicht viele. Der Marktanteil von Arte liege unter einem Prozent, beim Kultur- und Bildungskanal 3sat bei gut einem Prozent.

Events wie die Aufführungen von «La Traviata» im Zürcher Hauptbahnhof hätten höhere Anziehungskraft, sagte Walpen. Unter besseren finanziellen Vorzeichen hätte er sich Kooperationen der SRG mit Arte und 3sat gewünscht, heute sei selbst das nicht finanzierbar.

Ein Best-of-Programm?

Einen Ghetto-Kanal für die Kultur wolle keiner, entgegnete der Publizist Roger de Weck. Er plädierte für ein Best-of-Programm aller Landessender, um mehr voneinander zu erfahren, sich besser verstehen und verständigen zu können. Die SRG müsse sich viel stärker auf den Austausch zwischen den Landesteilen konzentrieren. Das sei der Kern der Idée suisse, erhöhe die Legitimation der SRG und ihre ökonomischen Chancen. Auch Jean-Frédéric Jauslin, Direktor des Bundesamts für Kultur, die Bündner Regierungsrätin Barbara Janom Steiner, der Stadtpräsident von Biel, Hans Stöckli, und der ehemalige Ständerat Gilles Petitpierre plädierten für einen Kulturkanal.

Auf der anderen Seite standen Wolfgang Frei, Leiter von «NZZ-Format», Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre und der Direktor des Bundesamts für Kommunikation, Martin Dumermuth. Frei wollte kein «Best-of-Switzerland», sondern den Blick öffnen auf ein «Best-of» aus aller Welt. Er sah nicht ein, weshalb allein der Kultur die Aufgabe der Integration zufalle. Medien seien nicht Verursacher, sondern Abbild der Defizite, argumentierte Ingrid Deltenre. Deshalb helfe auch ein neuer Kanal nicht, sondern nur die Verbesserung des Bestehenden: Man müsse noch mehr übersetzen und untertiteln.

Drei Viertel sind einsprachig

Wissenschaftliche Analysen bestätigen, dass es tatsächlich ein Problem gibt. Im Ausland herrscht das Bild eines drei- oder viersprachigen Landes vor, tatsächlich seien drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer einsprachig, stellte der Berner Medienwissenschafter Roger Blum fest. Er setzt auf mehr Übersetzungsleistungen. «Wer Sprachdefizite akzeptiert und sie auf diese Weise überwindet, erhöht die Chance für mehr nationale Identität.» Die Freiburger Medienwissenschafter Philomen Schönhagen und Joachim Trebbe zeigten, wie wenig in den SRG-Programmen auf andere Sprachregionen Bezug genommen wird – zum offensichtlichen Bedauern des Publikums.

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