Italien: Die (Halb-)Insel als Isolierstation

14. September 2006 • Medienpolitik • von

Erstveröffentlichung: Werbewoche Nr. 32/06

Einmal mehr waren wir gezwungen, die Weltereignisse entweder gar nicht zur Kenntnis zu nehmen oder durch eine italienische Brille. Im Selbstversuch habe ich diesmal beide Varianten ausprobiert. Über die Ergebnisse dieses Experiments während des Urlaubs weit im Süden nahe der Stiefelspitze möchte ich berichten.

Vorab aber ein wenig Statistik: Für 100 Italienerinnen und Italiener werden täglich nur rund 12 Zeitungen gedruckt. Zum Vergleich: Pro 100 Schweizer sind es über 40. Zu behaupten, dass beinahe 90 Prozent aller Italiener keine Zeitung lesen, wäre allerdings eine voreilige Milchmädchenrechnung. Vermutlich wandern im Nachbarland mehr Zeitungen durch mehrere Hände als in der Schweiz. Gleichwohl sind die italienischen Nicht-Zeitungsleser in Europa mit an der Spitze.

Sodann zum ersten Teil des Experiments: Es sei freimütig gestanden, dass das Leben „all’italiana“ sehr erholsam sein kann. Eine Zeitlang zumindest lässt es sich bestens ohne Zeitung leben, ohne dass man allzu viel versäumt. Unentbehrlich ist das Leib- und Magenblatt noch nicht einmal fürs Wohlbefinden eines Publizistik-Professor – im Gegenteil, endlich kommt man ungestört von Tagesaktualitäten zum Bücherlesen. Stellen wir also unsere südlichen Nachbarn und auch nicht all die jungen Leute nicht gleich in die Ecke, die sich dem Kulturgut Zeitung verweigern. Vieles, was dort steht, braucht man nicht zu wissen. Und was man wissen muss, kann man sich eben auch anderswo holen.

Damit bin ich beim zweiten Teil des Experiments. Während die Mehrheit gar nicht oder nicht regelmässig Zeitung liest, wissen die gebildeten Italiener, dass sie in ihrer Zeitung allenfalls die halbe Wahrheit erfahren. Weshalb sie üblicherweise am Kiosk zwei bis drei Blätter erstehen: Ihre persönliche Lieblingszeitung – also zum Beispiel, eher im konservativen Lager anzusiedeln, Il Giornale oder das Wirtschaftsblatt Il Sole-24 Ore – und als linkes Pendant dazu dann Il manifesto oder LaRepubblica. Schon in der Photoauswahl „demonstriert“ die letztgenannte täglich neu, dass Berlusconi schlichtweg ein Schurke ist – und wie sehr sich die Redaktion über seine Abwahl noch immer freut, die sie mit herbei geschrieben hat.

In einem Punkt allerdings ähneln sich die italienischen Zeitungen trotz heftiger politisch-ideologischer Divergenzen: Über den Tellerrand des eigenen Landes hinaus lässt sich durch die italienische Brille kaum blicken. Auch wer mehrere Zeitungen auf einmal inspiziert, erfährt so gut wie nichts darüber, was in Europa und im Rest der Welt vorgeht. Die Ausnahme von der Regel sind Ereignisse und Katastrophen, in die Landsleute involviert sind – der Einsatz italienischer Blauhelme im Libanon, obschon politisch wenig kontrovers, füllte über Wochen hinweg eher Zeitungsseiten als -spalten. Nicht viel anders war es im Vorjahr bei der Entführung der Journalistin Giuliana Sgrena im Irak.

Oft werden dank der Neigung des italienischen Journalismus, selbst Themen zu setzen, Nichtigkeiten tagelang zu Wichtigkeiten aufgeplustert: Dass Günter Grass bei der SS war, mag ja auch südlich des Alpenhauptkamms noch eine Meldung wert sein. Aber ob er als Jugendlicher „Ratzi“, also den heutigen Papst, in Bad Aibling getroffen hat, oder ob er sich das nur einbildet? Die Frage wurde seitenweise in den Feuilletons hin- und hergewälzt.

Eigentlich ein Wunder, dass soooo viele Italienerinnen und Italiener noch immer diese Zeitungen lesen. Zumal sie sie auch noch am Kiosk kaufen müssen, weil sich ein Zustellservice bei geringer Leserdichte nicht lohnt. Andererseits wäre es voreilig, mit der Überheblichkeit, die uns Mitteleuropäern gelegentlich eigen ist, die italienischen Zustände als „rückständig“ abzutun.

Es könnte auch das Gegenteil der Fall sein: In Italien hat die Zeitungszukunft schon begonnen. Das Geschäft mit Gadgets, mit Zugaben und Zusatzgeschäften, floriert und wird inzwischen nach erstaunlich langer Inkubationsphase europaweit nachgeahmt. Aber es wird auf die Dauer nicht darüber hinweg helfen, dass die Zukunft für den Dinosaurier Tageszeitung eher düster ist. Die Leserschaft und die redaktionellen Umfänge werden auch bei uns eher schrumpfen. Dann werden weitere teure Korrespondentenposten eingespart, und viele Blattmacher werden ihr Heil noch mehr im Regionalen, im Lokalen suchen, um nicht zu sagen: in der medialen Isolierstation des Provinziellen.

Werbewoche Nr. 32 v. 14.9.2006. Die beiden letzten Absätze blieben wegen eines redaktionellen Versehens ungedruckt.

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