Der Syrien-Konflikt: Komplexe Aufgabe für die Medien

27. Oktober 2014 • Medienpolitik, Pressefreiheit, Qualität & Ethik • von

Die Spirale der Gewalt in Syrien dreht sich weiter. Immer mehr Akteure nehmen am Bürgerkrieg teil, der die Landesgrenze längst überschritten hat, und tragen so zu dessen dramatischem Verlauf bei. Es ist nicht einfach, die verschiedenen Einflussfaktoren des Konfliktes zu erfassen, besonders Journalisten werden vor eine Herausforderung gestellt. Denn die Komplexität des Krieges in Syrien ist nicht zu unterschätzen.

Selbst renommierte Qualitätszeitungen klären das Publikum häufig zu wenig über die Hintergründe dieses Konfliktes auf. Das zeigt eine Diplomarbeit, die am Institut für Angewandte Medienwissenschaften der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) durchgeführt wurde.

Im März 2011 begann die syrische Bevölkerung, für einen Wandel in ihrem Land zu demonstrieren. Die anfänglich friedlichen Proteste entwickelten sich schnell zu einem brutalen Bürgerkrieg, der nun droht, sich immer weiter auszubreiten. Seit dem Ausbruch zählt der Konflikt zu den aktuellsten und brisantesten Geschehnissen, über die sich die Welt Gedanken machen muss. Es gibt kaum Tage, an denen die dortigen Unruhen nicht medial thematisiert werden. Informationen zur aktuellen Lage in Syrien und dessen Nachbarländern holt sich die Weltbevölkerung aus den Medien, die somit das Verbindungsglied zwischen Publikum und dem Konflikt darstellen. Daraus ergibt sich eine soziale Verantwortung, die nach bestimmten Qualitätskriterien fragt.

Enthält die Berichterstattung wissenschaftliche, politiknahe Erklärungen zur Dynamik des Konfliktes? Oder muss sich das breite Publikum mit der Berichterstattung über tagesaktuelle Ereignisse begnügen? Kann sich das Publikum ein angemessenes Verständnis der Auseinandersetzung in Syrien aneignen? Eine Studie untersuchte, ob die beiden anerkannten Schweizer Qualitätsmedien Neue Zürcher Zeitung und Tages-Anzeiger diesem Anspruch gerecht werden. Über 300 Zeitungsartikel wurden während drei ausgewählter Zeitperioden auf ihre Qualität geprüft. Der Fokus lag dabei auf den drei Qualitätskriterien „Vielfalt“, „Ausgewogenheit“ und „Vollständigkeit“, welche gerade hinsichtlich des Syrien-Konfliktes dem Leser ein umfassendes Bild ermöglichen. Eine vielfältige Berichterstattung zeigt, dass beispielsweise verschiedene Themen, Akteure oder Argumente vorhanden sind. Ausgewogenheit ist besonders bei den Quellen wichtig: Verschiedene Perspektiven, mehrere relevante Aspekte oder Interessensstandpunkte sollen berücksichtigt werden. Bezüglich der Vollständigkeit kann man sich fragen, ob die unterschiedlichen Ursachen des Krieges ausreichend erklärt werden.

Die Dimensionen des Syrien-Konfliktes

Um die Qualität der Berichterstattung einschätzen zu können, wurden unterschiedliche Facetten der Zeitungsartikel analysiert: Thematisierte Ereignisse, die Vielfalt und Ausgewogenheit der Quellen, die unterschiedlichen Textsorten und die Erwähnung der Konfliktursachen. Ins Zentrum der Untersuchung wurden jedoch acht Dimensionen des Krieges gerückt. Unter „Dimensionen“ wird dabei verstanden, was Berater und Experten aus der Politikwissenschaft als essentielle Aspekte im syrischen Konflikt verstehen. Die Studie fasste die wichtigsten Dimensionen zusammen und diskutierte deren Vorkommen in den Zeitungsartikeln.

So gilt die zunehmende Konfessionalisierung des Konfliktes als Dimension, die besonders zwischen Sunniten und Schiiten Gräben aufreisst. Die Spaltung der Opposition wegen unterschiedlicher Interessen behindert zusätzlich das Finden einer Lösung im Bürgerkrieg. Eine dramatische Dynamik erhält der Konflikt durch die Islamisierung der Aufstandsbewegung. Radikal-islamistische Gruppen werden vom Krieg und durch den Zerfall des Staates angezogen. Besonders großen Einfluss hat auch der Streit um die regionale sowie globale Vormacht, wobei oft von einem Stellvertreterkrieg zwischen Iran und Saudi-Arabien beziehungsweise zwischen Russland und den USA gesprochen wird.

Die restlichen Dimensionen befassen sich mit dem Einmischen externer Akteure in den syrischen Bürgerkrieg, einem möglichen militärischen Eingriff sowie der Intensivierung des Konfliktes.

Überraschende Ergebnisse

Das Ergebnis der Studie zeigte, dass die Dimensionen sehr selten in den untersuchten Texten der Neuen Zürcher Zeitung und des Tages-Anzeigers erwähnt und erläutert wurden. Beispielsweise wurde nur in 4 resp. 6 % der Artikel erklärt, dass die Islamisierung der Aufstandsbewegung einen konfliktverschärfenden Faktor im Krieg darstellt. Ein Aspekt, der von der Wissenschaft als prägend angesehen wird, aber in der Berichterstattung viel zu wenig, wenn überhaupt, vorkommt. Für das Verständnis des Geschehens in Syrien ist jedoch eine wiederholte Erklärung der unterschiedlichen Dimensionen essentiell. Am seltensten wurde die Gespaltenheit der Opposition erklärt. Hingegen wurde häufiger über einen möglichen Militäreinsatz von außen berichtet. Bei beiden Zeitungen zeigte die Häufigkeit des Vorkommens der Dimensionen eine ähnliche Tendenz.

Um dem Kriterium „Ausgewogenheit “ zu entsprechen, wurde erwartet, dass die Quellen der Berichterstattung ausgeglichen sind. Bei beiden Zeitungen war jedoch auffallend, dass Quellen seitens der Opposition besonders dominant sind. Um sich ein ausgewogenes Bild der unterschiedlichen Perspektiven zu machen, wären jedoch von verschiedenen Positionen (auch Assad-unterstützende) Quellen erforderlich.

Die Studie kann nichts zu den Gründen für das überraschende Ergebnis, die fehlenden Erklärungen zu den Dimensionen, aussagen. Deshalb wäre es interessant, sich mit den Ursachen für diesen Mangel auseinanderzusetzen und eine daran anschließende Untersuchung durchzuführen, beispielsweise mit Interviews in Redaktionen.

Abschließend kann gefolgert werden, dass die untersuchten Medien vermehrt Erklärungen aus der Wissenschaft und Politikberatung in die Berichterstattung einfließen lassen sollten. Es ist wichtig, dass neben Vordergründigem auch die Komplexität des syrischen Bürgerkrieges dem Publikum nähergebracht und erläutert wird. Denn gerade bei diesem Konflikt ist es notwendig, Schwarz-Weiß-Denken zu vermeiden und sich auf möglichst viele unterschiedliche Perspektiven einzulassen. So können Stück für Stück die verschiedenen Aspekte und Einflussfaktoren des Konfliktes besser erfasst und verstanden werden.

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