Man lebt aneinander vorbei

29. Juli 2008 • Medienpolitik • von

Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung

Die Angebote der SRG-Fernsehsender und von 3+ im Vergleich
Die Welschen, die Tessiner und die Deutschschweizer befassen sich wenig miteinander. Diese Erkenntnis bestätigt eine Pilotstudie zur kontinuierlichen Beobachtung der hiesigen Fernsehangebote.

“Es ist erstaunlich, wie schwach die Bezüge auf die jeweils anderen Landesteile ausgeprägt sind”, heisst es in einer Analyse der hiesigen Fernsehprogramme. Und: “Es existiert eine eindeutige und starke Sogwirkung der Deutschschweiz auf die Programme der Romandie und der italienisch sprechenden Schweiz.” Was heisst: Die Welschen und die Tessiner blicken mehr auf die Deutschschweizer als umgekehrt. Damit bestätigt sich die allgemeine Regel, dass Grössere mehr Aufmerksamkeit erregen als Kleinere. TSR 1 und TSR 2 beziehen sich in 11 bzw. 14 Prozent ihrer Beiträge auf die Deutschschweiz, TSI 1 und TSI 2 kommen auf 16 bzw. 10 Prozent, während das Tessin bei SF 1 und SF 2 nur in 3 bzw. 5 Prozent der Beiträge auftaucht, die Romandie in 7 bzw. 15 Prozent der Fälle.

Kontinuierliche Beobachtung als Ziel
In dieser Hinsicht erfüllt die SRG ihren öffentlichen Auftrag – das Verständnis zwischen den Landesteilen zu fördern – also nur knapp. Die Frage, ob die gebührenfinanzierten Sender ihren politisch festgelegten Pflichten tatsächlich nachkommen, soll künftig genauer geklärt werden. Denn es geht um immerhin 1,6 Milliarden Franken, welche die Schweizer Radio- und Fernsehkonsumenten von Staates wegen jährlich zahlen müssen. Deshalb ruft das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) die Wissenschaft zu Hilfe. Es strebt eine kontinuierliche Programmbeobachtung an. Die Öffentlichkeit soll erfahren, ob die Leistung dem Preis entspricht; ob die Sender angemessen informieren, bilden und unterhalten. Die Evaluationen für die Forschungsaufträge sind laut dem Bakom noch nicht abgeschlossen. Gut eine Million Franken stehen dafür pro Jahr zur Verfügung. Auch die Privatsender werden künftig wissenschaftlich beobachtet.

Die Zielformulierung ist allerdings bedeutend einfacher als die Umsetzung des Vorhabens. Auch der Wissenschaft fällt es schwer, die komplexen, ständig ändernden Realitäten im Fernseh- und Radiosektor zu erfassen und zu allgemein verwendbaren Ergebnissen vorzustossen.

Joachim Trebbe, assoziierter Professor an der Universität Freiburg i. Ü., legt nun eine Pilotstudie vor, welche die Angebote der SRG-Fernsehsender und des Privatsenders 3+ analysiert. Dies geschieht anhand einer Kalenderwoche: Zur Auswertung kam, was zwischen dem 7. und dem 14. Mai rund um die Uhr gesendet wurde. Methodisch knüpft Trebbe an Forschungen der deutschen Landesmedienanstalten an, welche seit 1998 im Frühling und im Herbst jeweils eine Fernsehwoche auswerten. Der wissenschaftliche Anschluss ermöglicht länderübergreifende Vergleiche, zumindest in Bezug auf Deutschland, Österreich und die Schweiz. Bis zu den andern Nachbarstaaten Frankreich und Italien reicht die Kompatibilität jedoch nicht.

Unterhaltungsdampfer
Die Analyse zeigt, dass auch öffentliche Fernsehsender grosse Unterhaltungsdampfer sind. Dies veranschaulichen die beistehenden Grafiken. Unterhaltendes und Kommerzielles machen zwei Drittel bis drei Viertel des gesamten Angebots aus. Die klassische Information im engen Sinne (politische Publizistik) spielt quantitativ gesehen eine geradezu marginale Rolle. Information im weiteren Sinne (Sachthemen, Lebensweltliches, Service) belegt bei den Flaggschiffen SF 1 36 Prozent, bei TSR 1 29 Prozent und bei TSI 1 42 Prozent der Sendezeit, wobei die Informationsbeiträge zu den Hauptzeiten (abends) mehr Gewicht erhalten. Die Tessiner Programme erzielen eine stärkere Informationsbilanz, weil sie zeitweise Sendungen von Euronews übernehmen. Die Grafik zu SF 2 macht deutlich, wie stark die eingekauften Serien das Programm prägen.

Die Wissenschafter verglichen ferner die Fernsehinformationen mit jenen der Presse (NZZ, «Tages-Anzeiger», «Berner Zeitung», «Le Temps», «Le Matin», «Corriere del Ticino»). Sie erkannten «einen hohen Konsens der Nachrichtenredaktionen bei Presse und Fernsehen». Die Überschneidungsquoten für die Nachrichtenbeiträge lagen bei allen Sendern bei etwa 40 Prozent. Genauere inhaltliche Analysen dazu, wie die Sender das nahe und ferne Weltgeschehen fürs Publikum aufbereiten und ob Angebotslücken klaffen, vermittelt diese Studie allerdings nicht. Sie urteilt aus der Vogelperspektive.

Eine auffallende Bemerkung machen die Forscher zum Sponsoring bei SF 1: «Damit sind an einem durchschnittlichen Sendetag etwa ein Viertel aller abgrenzbaren Programmelemente und Sendungen auf irgendeine Art und Weise mit Sponsoring verbunden.»

(Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung)

Download der Vollversion mit Grafiken

Joachim Trebbe / Gergana Baeva / Bertil Schwotzer / Steffen Kolb / Harald Kust: Fernsehprogrammanalyse Schweiz. Rüegger-Verlag, Zürich/Chur 2008. 290 S.

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