Sprachlos an der Spitze

11. Dezember 2015 • Medienpolitik • von

Eine der grauesten Mäuse unter den grauen Mäusen ist nun die Nummer eins der SRG.

sprachlosNur einmal in seinem Leben war Viktor Baumeler für die Medien interessant. Es ging um mögliche Begünstigung. Baumeler wohnte in Meggen in einer famosen Wohnung am See, in einem Nebengebäude einer neo-barocken Herrschaftsvilla. Baumeler bezahlte nur 3300 Franken Monatsmiete, weit weniger als der Marktpreis vor Ort. Die Wohnung gehörte einer Stiftung und Baumeler, welch Zufall, war Präsident der Stiftung.

Inzwischen wohnt Baumeler in Luzern. Seitdem interessieren sich die Medien nicht mehr für ihn. Dieses Desinteresse wiederum ist interessant. Denn vor zwei Wochen wurde Viktor Baumeler neuer Verwaltungsratspräsident eines der bekanntesten Unternehmen der Schweiz. Er steht nun an der Spitze der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG). Doch die Wahl Baumelers kümmerte keinen Knochen. Die Medien schwiegen die Wahl faktisch tot. Alle Blätter, von NZZ bis Tages-Anzeiger, brachten, wenn überhaupt, nur eine knappe Agenturnotiz. Nicht ein Porträt erschien. Nicht ein Interview.

Bei Baumelers Vorgänger Raymond Loretan war das noch völlig anders. Ihn hatten die Journalisten stets auf dem Radar, wenn es um den Staatsfunk ging.

Als seriöser Kolumnist wollte ich diese Wissenslücke um Baumeler natürlich schließen. Ich bat ihn also um ein Gespräch. Kurz darauf meldete sich via SMS der Pressesprecher der SRG: „Ich habe erfahren, dass Sie mit Viktor Baumeler sprechen möchten.“ Er bat darum, die Fragen per Mail zu schicken.

Wir können uns Baumelers Antworten – also jene der Presseabteilung – ersatzlos schenken. Aus Fairness zitieren wir aber immerhin seinen originellsten Antwortsatz: „Mich überzeugt das Gesamtangebot von SRF, RTS, RSI, RTR und Swissinfo.“ Wenn wir schon bei Abkürzungen sind: Baumeler ist in der CVP. Das ist sein bisher auffälligster Leistungsausweis. Zuvor war er ein Leben lang Beamter, zwanzig Jahre lang als Staatsschreiber des Kantons Luzern, zuvor als Stabschef im Erziehungsdepartement des Kantons Luzern.

Wenn man mit SRG-Kadern über Baumeler spricht, dann ist die Gestik der Gesprächspartner oft identisch. Sie halten die Hand vor den Mund und markieren dahinter demonstrativ ein Gähnen. Baumeler gilt selbst im Umfeld der grauen Schweizer Amtsstuben als eine der grauesten Mäuse unter den grauen Mäusen.

Bereits 2011 bewarb sich Baumeler als SRG-Präsident – Jahressalär 153 000 Franken – und lobbyierte aufdringlich in eigener Sache. Bei der Wahl war er gegen den geschliffenen Raymond Loretan natürlich chancenlos. Als Gnadenbrot speiste man ihn mit dem bedeutungslosen Amt des Vizepräsidenten ab. Als dann Loretan für den Ständerat kandidierte und im Sommer darum sein Amt vorzeitig abgab, schlug unverhofft Baumelers Stunde. Der von der SRG engagierte Headhunter Martin E. Heuberger vom Personalvermittler Amrop schaffte es in der kurzen Zeit nicht, einen valablen Ersatz für Loretan zu finden. Man nahm Baumeler.

Nun ist Baumeler, Jahrgang 1948, allerdings schon schwer im Pensionsalter. Er bleibt darum nur bis 2017. Man könnte das teetrinkend abwarten. Nun will es aber das blöde Schicksal, dass es bis 2017 eine entscheidende Phase für die SRG ist. Auf sie kommt die große Daseinsdebatte zu.

Mitte 2016 erscheint der Service-Public-Bericht aus dem Departement von Doris Leuthard. Dann geht im Parlament und in der Öffentlichkeit die Diskussion um den Programmauftrag, die Kosten und die Grenzen des Staatssenders los. Es wird eine sehr heftige Debatte werden.

Die SRG geht in eine Diskussion um ihre Existenz. An der obersten Spitze geht sie sprachlos darauf zu.

Erstveröffentlichung: Weltwoche vom 3. Dezember (für das EJO leicht modifiziert)

Bildquelle: Ian Burt / Flickr CC

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